Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 und gesellschaftliche Stellung sowie durch ihre ganze begeisterte Energie zur Hebung des Vereins am meisten beigetragen haben. Moritz Freiherr v. Königs Wärter und Eduard Wiener R. v. Welten gehörten zu den ersten, die Beiträge . für den Stammfonds zeichneten. Durch fast ein Vierteljahrhundert stand der im Vorjahre verstorbene David R. v. Gutmann nicht nur durch seine Freigebigkeit, sondern auch durch seine häufige persönliche Intervention bei den leitenden Staatsmännern im Dienste des Vereines. Der Redner erinnerte an die.Anlässe, bei welchen der Verein in diesen 40 Jahren in Aktion trat. Er fehlte nirgends, wo es galt, die durch die verschiedentlichen Judenverfolgungen verursachten Folgen zu lindern. Ferner hat die Allianz, wenn für die Juden nicht in anderer Weise vorgesorgt war, den Schulunterricht zu fördern sich bemüht und auch den Anstoß zur Begründung der großen Hirschstistung gegeben. Schließlich hat sie sich der Emigranten angenommen, die aus ihrer russischen und rumänischen Heimat fliehen mußten. Der Sekretär des Vereines Herr Dr. Kaminka verlas sodann die eingelangten Begrüßungsschreiben, darunter vom Hilssverein deutscher Juden in Berlin, von der Alliance Jsraelite Universelle (Paris), der Anglo I e w i s h Association (London), vom Hilssk o m i t e e für notleidende russische Juden in Frankfurt a. M., von der Hebrew Immigrant Cid Socith in New Pork, von den Filialen, darunter Triest, Brodh, Krakau, Czernowitz u. a., vom Reichratsabgeordneten Dr. Ofner u. a. Dr. Adolf Stein, der Präsident der Hirschstiftung, der darauf das Wort ergriff, dankte der Allianz für ihre unablässigetreue und menschenfreundliche, dann aber auch für ihre kulturell so anerkennenswerte Wirksamkeit, mit welcher sie stetig und ununterbrochen dem Schulmangel abzuhelfen sucht. „Möge der Verein so glücklich sein", schloß der Redner, „stets so hingebungsvolle und tapfere Männer an der Spitze zu haben wie bisher." (Beifall). Es sprach dann noch eine Reihe von Vertretern der Filialen, dann Dr. Schafs und Herr Dr. Samuely sowie Dr. F e u ch t w a n g, welcher des unermüdlich tätigen Bureaus der Allianz und vor allem ihres Sekretärs Dr. Kaminka gedachte. Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurden die Herren Wilhelm R. v. G u t - mann und Dr. Bruno Pollack v. Parnau neu- und die turnusgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder wiedergewählt. Aus dem uns zugegangenen Jahresbericht, der ausführliche Mitteilungen über die kulturelle Tätigkeit des Vereins in Galizien und Rumänien enthält, lassen wiu hier einige kurze Auszüge folgen, die von der politischen und wirtschaftlichen Lage der Juden in Rußland und Rumänien handeln: Nicht die geringste Aenderung ist mit Bezug auf die traurige Lage und die völlige Rechtlosigkeit der Juden in Rußland im verflossenen Jahre eingetreten. Der judenfeindliche Geist der gesamten Gesetzgebung und Verwaltung hat. sich so sehr als System befestigt, daß auch neue Dumawahlen oder Personalveränderungen in Regierungskreisen ganz belanglos bleiben. In die vierte Duma, welche im vorigen Jahre gewählt wurde, sind in Städten und Wahlbezirken, wo die Juden allein oder zusammen mit den liberalen Russen die Majorität der Wähler bilden, infolge der Einschüchterung durch die Behörden, willkürlicher Bearbeitung der Listen und anderer bekannter Wahlmanipulationen,, nirgends Juden und in seltenen Fällen liberal gesinnte Männer gewählt worden. Zufällig gelang es an drei Orten mit gemischter und vorwiegend nichtrussischer Bevölkerung durch Kompromisse, Juden als Kandidaten durchzubringen, so daß die neue Duma drei jüdische Mitglieder zählt. Aber ganz geschwunden ist die Aussicht, daß der von den höchsten Kreisen gestützte, antisemitische Terrorismus in dieser Körperschaft zurückgedrängt und auch nur die geringste Erleichterung aus gesetzgeberischem Wege den Juden gewährt wird. Noch viel weniger kann dies aus administrativem Wege geschehen, nachdem es im ganzen Reiche als Grundsatz gilt, daß man durch die härteste Bedrückung der Juden sich am besten nach oben empfiehlt . Den Kausleuten im sogenannten Ansiedlungsrahon, welche die hohen Steuern einer „Gilde" bezahlten, war es von jeher gestattet, in Geschäftsangelegenheiten nach Petersburg, Moskau und anderen Städten im Innern Rußlands zu reisen oder Prokuristen dorthin zu schicken. Im vorigen Jahre kam man nun auf die „geniale" Idee, die Juden an der Ausdehnung ihrer Geschäfte auch dadurch, zu hindern, daß für jüdische Kaufleute (wie bei Dienstboten in Westeuropa) ein polizeiliches Anmeldebuch vörgeschrieben wurde. Sie müssen nun, wenn sie nach Petersburg oder Moskau kommen, sich im Buche das Datum der Ankunft von der Polizei bescheinigen lassen, und es ist ausgeschlossen, daß etwa zu gleicher Zeit ein Geschäftsreisender derselben Firma an einem anderen Orte Handel betreibt. Aus Petersburg wurden Ende des Jahres zahlreiche jüdische Kaufleute ausgewiesen, weil sie-derartige Anmeldebücher nicht besaßen. Die Maßregel erscheint überhaupt als eine Schikane, die nur ersonnen wurde, um auch auf kommerziellem Gebiete womöglich eine große Anzahl von Juden ihrer Existenz zu berauben. Die Stadt Kiew, das größte Handelsemporium im Südwesten Rußlands, Sitz einer, hochentwickelten Industrie, einer Universität mit zahlreichen medizinischen Anstalten und Zentrale der staatlichen Verwaltung für. die umliegenden Gouvernements, in denen zusammen etwa anderthalb Millionen Juden wohnen, konnte niemals hermetisch abgeschlossen werden und es mußte selbst in den schlimmsten Zeiten geduldet werden, daß neben den privilegierten jüdischen Familien auch zahlreiche jüdische Kaufleute aus den benachbarten Städten und Dörfern zu geschäftlichen Zwecken oder zur Konsultierung von Aerzten und Verwendung bei Behörden vorübergehend in der „heiligen" Stadt Aufenthalt nahmen. Diese fluktuierende jüdische Bevölkerung bot von jeher den Polizeiorganen in verschiedenen Stadtvierteln eine willkommene Gelegenheit zu Erpressungen. Von Zeit zu Zeit wurden auch in früheren Jahren nächtliche Razzias veranstaltet, um nach den Paßdokumenten und Domizilkonzessionen von Juden zu forschen. Was aber in der letzten Zeit in Kiew an Schikanierung jüdischer Kaufleute geschieht, spottet jeder Beschreibung. Sie werden aus offener Straße, an der Börse und beim-Besuch von Geschäften angehalten und nach ihren Legitimationen gefragt. Im vorigen Jahre, wurde eine Entscheidung provoziert, wonach jüdische Kaufleute, selbst bei Zahlung der Gildensteuer, nur innerhalb bestimmter Viertel, ihre Geschäfte abwickeln dürfen und sonst mit Konfiskation der Waren und Ausweisung bedroht werden. Uebrigens wird nach wie vor von der russischen Regierung die Beschränkung des Wohnrechts in Kiew, allen internationalen Handelsverträgen zum Trotze, auch aus ausländische Juden ausgedehnt, die mit vollkommen richtigen, mit dem Visa der russischen Konsulate versehenen Reisepässen eintressen. Die große Aktion, die vor einem Jahre in den Vereinigten Staaten eingeleitet wurde, um die Beschränkungen in Rußland zunächst für die amerikanischen Juden zu beseitigen, und welche zur Auflösung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages geführt hat, hat einstweilen zu keinen günstigeren Verhältnissen geführt. Die großen Beschränkungen bei der Aufnahme jüdischer Schüler in Lehranstalten aller Art waren in den letzten Jahren auch auf Handelshochschulen ausgedehnt worden und selbst auf solche, die von kaufmännischen Körperschaften und zum großen Teil von Juden erhalten werden. Immerhin hatte man in denjenigen Anstalten, die bereits von einer größeren Anzahl jüdischer Studierender besucht wurden, diese in ihrem Studium nicht beschränkt. Bei Beginn des gegenwärtigen Schuljahres wurden nun in Kiew aus der Handelshoch- . schule 1675 jüdische Studierende, die in früheren Jahren inskribiert waren, zum Austritt gezwungen und es wurde ihnen sreigegeben, sich auf Grund der sünsprozentigen Beschränkung einzeln um die Wiederaufnahme zu bewerben. Diese plötzlich' aus ihrem Studium hinausgedrängten jungen Leute befinden sich in der größten Not. Auch aus den verschiedenen anderen Lehranstalten in Kiew wurden im vorigen Jahre zahlreiche jüdische Studierende unter allerlei Vorwänden ausgeschlossen. Den geduldeten Studierenden wurde der Aufenthalt nur in gewissen Stadtvierteln gestattet. Man scheute davor nicht zurück, sogar dem jüdischen Volksschulunterrichte neue Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Man hat den beiden in Kiew bestehenden Talmud-Thora-Schnlen, welche für den Unterricht der ärmsten jüdischen Kinder zu sorgen haben, untersagt, andere Kinder