Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
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221 Den Knaben eröffnet sich dann der Kaufmannsstand, Buchhandel, Landwirtschaft, die mittlere Beamtenlaufbahn und vielerlei technische Berufe. Die Mädchen können sich in allen Zweigen -des Handels und der Industrie betätigen, auch im Bureaudienst bei Anwälten und Behörden, ferner in der Hauswirtschaft, im Kunstg-ewerbe -und im Lehrfach. Bei der Entlassung aus der Anstalt werden alle Zöglinge mit einer angemessenen Ausstattung an Kleidern und Wäsche versehen. Die Sorge für die Berufsausbildung aber bleibt den Angehörigen'überlassen. Diese werden von Anfang an aus diese Verpflichtung hingewiesen und sind ihr in den meisten Fällen gern nachgekommen. Bei einzelnen Zöglingen indessen, die ganz vereinsamt dastanden oder an den Angehörigen nicht die rechte Stütze fanden, sah sich die Stiftung doch veranlaßt, helfend einzugreifen, teils durch sichere Unterbringung nach der Entlassung, teils durch Vermittelung geeigneter Lehrstellen. Gelegentlich wurden auch Geldunterstützungen und feste Stipendien gewährt, vornehmlich dann, wenn besonders begabte Zöglinge eine weitergehonde wissenschaftliche oder künstlerische Ausbildung empfangen sollten. Die Entscheidung wurde von Fall zu Fall nach sorgfältiger Prüfung der Verhältnisse jedes einzelnen Zöglings durch die Stifter selbst getroffen. Diese suchten ebenso zu verhüten, daß ihre Hilfsbereitschaft von Schwächlingen oder Müßiggängern ausgenutzt würde, wie sie anderseits gern dazu beitrugen, das mutige Streben nach höheren Zielen mit Rat und Tat zu fördern. Im ganzen sind bisher 186 Zöglinge nach ordnungsmäßiger Beendigung ihrer Erziehung aus der Anstalt entlassen worden. Den meisten von ihnen ist es gelungen, ihre Zukunft zu sichern, und manche haben schon frühzeitig eine mehr als auskömmliche Stellung zu erringen gewußt. Einige der jungen Männer und Frauen walten bereits zufrieden im eigenen Hausstand, während andere sich freuen, der Mutter oder anderen Angehörigen eine Stütze im Alter zu sein. Es darf als eine besonders glückliche Fügung betrachtet werden, daß Herr Mosse nicht erst in seinen letzten Bestimmungen eine Summe für Errichtung des Erziehungsheimes aussetzte, sondern daß er seine lang erwogenen Absichten verwirklichte, als er und seine Gattin aus der Höhe der Schaffenskraft standen. So konnten sie den Einrichtungsplan für die Anstalt ganz nach ihren Wünschen zur Ausführung bringen, die Lebensweise der Kinder ihren Anschauungen entsprechend gestalten lassen, die wichtigsten Einzelheiten des Betriebes "selbst beobachten und, wo es ihnen erforderlich schien, in die rechte Bahn lenken. Siehatren dann jahrelang die frohe Genug¬ /• :*r t V';-- Emilie-Rudolf-Mosse-Stiftung in Berlin-Wilmersdorf. Knaben bei der Gartenarbeit. tuung, die Kinder, die -sieselbst für die Aufnahme ausgewählt hatten, aus ihrem Entwicklungsgang durch die Anstalt zu verfolgen und ihren Eintritt ins Berufsleben zu beobachten. Sie konnten es deshalb nach den im ersten Jahrzehnt gesammelten Erfahrungen getrost wagen, ihrer Schöpfung im Jahre.1908 eine dauernde Grundlage zu gewähren, indem sie mit landesherrlicher Genehmigung die „Emilie-Rudolf-Mosse-Stiftung" begründeten, der sie außer den Anstaltsgebäuden mit Inventar, .Gartenanlagen und Spielplätzen ein Kapital von 2A Millionen Mark überwiesen. Auch für die Kinderschar erwuchs reicher Segen daraus, daß die Stifter, die ihnen freundlich die Tore des Hauses geöffnet hatten, ihre Jugend noch weiterhin überwachten und unbemerkt und öfter, als die Kinder wohl ahnen mochten, in das Getriebe des Anstaltslebens eingrissen, um 'alles zum Besten für sie zu wenden. Die Früchte sind nicht ausgeblieben. Die Stifter sehen das Ziel, das ihnen vor zwei Jahrzehnten vorschwebte, soweit es bei menschlichen Unternehmungen möglich ist, erreicht. Aus ihrem Heim gehen geistig und körperlich gesunde, einfache, schaffensfreudige Menschen hervor, die stets gern auf ihre glücklich verlebte Jugendzeit zurückblicken werden. Die Ilrarlitilchr Wisn??u Mien. größte und vornehmste Hilfsorganisation der österreichischen Judenheit, die I s r aeli t i s ch e Allianz zu Wien, beging am 16. April zugleich mit der diesjährigen ordentlichen Generalversammlung das Jubiläum ihrer 40 jährigen Wirksamkeit. Sie wurde 1872 als jüngere Schwester der feit 1860 in Paris bestehenden „Alliance I s r a 6 l i t e Universelle" ins Leben gerufen, und hat während dieses Zeitabschnittes eine Tätigkeit entwickelt, die unseren verfolgten Glaubensgenossen in den Länden der Finsternis zum Segen gelangte und ihr selbst zum Ruhme gereicht. In der stark besuchten Generalversammlung gedachte in einem ausführlichen Rückblick der Präsident des Vereins Dr. Alfred Stern jenes Jahres, da ausgezeichnete Männer sich anläßlich der rumänischen Judenverfolgungen zusammentaten, um die Allianz zu gründen. Da waren zunächst Josef R. v. Wertheimer sowie der ausgezeichnete Parlamentarier und Patriot Dr. Ignaz Kura n da, dessen Söhne heute an dem Werke ihres Vaters fortarbeiten, und der Schilderer des Ghettolebens Dr. Leopold Kompert, die durch die Macht ihrer Persönlichkeit, durch ihre politische