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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-09 · Heft 19 (9.5.1913) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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zum Verlassen der Stadt aufsorderten, die ein notwendiger Bestandteil Albaniens werden soll, mehrfach erklärt — man kann bei diesem schlauen Ränkeschmied nicht sagen, was er mit diesem Trotz Europa gegenüber zu erreichen gedenkt. Jedenfalls wollen die Mächte sich diese Ueberhebung des kleinen Gernegroß nicht gefallen lassen: Oesterreich-Ungarn wollte Zunächst allein gegen ihn ziehen, mit oder ohne, europäisches Mandat, Italien steht, wie es den Anschein hat, fest auf Oesterreichs Seite und bestrebt sich, England mit herüberzuziehen. Man kann nur wünschen, daß Montenegro in der allerletzten Stunde -klein beigibt, damit nicht ein neuer Krieg ausbreche, der ja zunächst keinen Weltkrieg zu veranlassen braucht, dessen Folgen aber niemand vorauszusehen imstande ist. (Das Schicksal Skutaris ist inzwischen vom König Rikita aus Furcht vor Oesterreich in die Hände der Mächte gelegt worden.) Durch alle diese Vorfälle sind die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und dem Balkanbund nicht weiter fortgeschritten, obgleich der Waffenstillstand stillschweigend, aber ausdrücklich verlängert worden ist. Sieben Monate lang dauert schon.diese Unruhe, die die ganze Welt in Mitleidenschaft zieht, und kein Mensch kann sagen: Wie lange noch? Denn was für Verwicklungen bei Verteilung der Beute noch entstehen können, vermag niemand vorauszusagen. Das aber sieht jeder Politisch Gebildete ein, daß auch nach einem wirklichen Friedensschluß Zustände geschaffen werden, die nur einen Uebergangszustand darstellen, aus dem neue und viel schwerere Beunruhigungen sich entwickeln können. Man geht einer sehr düsteren Zeit entgegen. . #• . In Deutschland will der Antisemitismus nicht zum Schweigen kommen.. Die „Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht einen Artikel: „Jude n als Offizier e?", der lustig wäre, wenn er nicht so unsäglich traurig wirkte. In diesem Artikel wirft das. Blatt die folgenden vier Fragen auf: 1. In welchem Maße haben sich die Juden als Freiwillige an der Niederwerfung des Hereroaufstandes in'Deutsch-Südwestafrika beteiligt? . (Dabei ist zu bemerken, daß das gesamte Expeditionskorps aus Freiwilligen bestand.) 2. Welcher Prozentsatz von Juden trägt die Lebensrettungsmedaille? 3. Wie stark ist der Anteil der Juden am deutschen Unteroffizierkorps? 4. Wie stark ist der Anteil der Juden in der Schutzmannschaft? Das Blatt meint, da diese vier Fragen ja alle in verneinendem Sinne beantwortet werden müßten, seine Sache gewonnen zu haben. So steht es aber nicht. Zunächst hängt die Ernennung von Juden zu Offizieren mit den aufgeworfenen Fragen in gar keinem Zusammenhänge. Die Juden können hervorragende Offiziere sein (siehe: Oesterreich, Frankreich, Italien), ohne sich deswegen zu Schutzleuten zu eignen. Wenn die Juden sich nicht in hervorragendem Maße als Freiwillige in Südwestafrika gemeldet haben, so liegt das daran, daß sie nach ihren Erfahrungen in Deutschland nicht eben geneigt sein konnten, die militärische Laufbahn zu ergreifen. Diese Fragen sind nichts als törichte Fechterkünste. Oefsnet den Juden die Offizierkarriere, und ihr werdet sehen, wie sie sich betätigen! .' # _ Ueber den mehrfach an dieser Stelle besprochenen Antisemitismus im Bankgewerbe schreibt die „Franks. Ztg.": Wir haben vor einigen Tagen Ausführungen des „Plutus" wiedergegeben, wonach der A. Schaaffhausensche Bankverein in seiner Kölner Hauptniederlassung keine Juden einstellt. Daraufhin schreibt uns jetzt die Direktion des Instituts: Zu dem in' Nummer 1t 1 Ihres geschätzten. Blattes aus dem „Plutus" abgedruckten Artikel „Antisemitismus im Bankgewerbe" gestatten wir uns nur kurz auszuführen, daß wir bei'unserem Institut selbstredend bei allen Niederlassungen bei der Anstellung der Beamten uns durchaus nichts von 'konfessionellen Gesichtspunkten leiten lassen. Wir brauchen nur . auf unsere Berliner Stelle hinzuweisen, bei der seit Eröffnung derselben eine Reihe jüdischer Beamter in den verschiedensten Stellungen, sich befindet. Wir verhalten uns aber auch in Köln und den anderen Niederlassungen Bewerbern israelitischen Bekenntnisses gegenüber nicht ablehnend, sondern lassen nur die Qualitäten.entscheiden.". Dieses Schreiben widerlegt zunächst eine Behauptung, die gar nicht ausgestellt wurde. Es wurde nämlich gar nicht gesagt, die Berliner Niederlassung des Instituts schließe Juden aus. Daß die Berliner Großbanken sich in der Hauptstadt von antisemitischen Tendenzen fernhalten, ist bekannt. Aber in der; „Provinz" ist der genius loci manchmal ganz anders. Behauptet wurde nur, daß in Köln und Bonn keine Juden angestellt werden. Diese Tatsache bestreitet die Direktion nicht. Sie leugnet nur das Vorhandensein eines Prinzips nach dem vom preußischen Kriegsministerium mustergültig entworfenen Schema: „Wir haben nichts gegen Juden, vorausgesetzt, daß .sie sich qualifizieren; es hat sich leider bisher kein einziger Brauchbarer gefunden." (Gerade für das Bankwesen übrigens außerordentlich einleuchtend.) Diese Ausrede ist fast immer brauchbar — nur nicht im Falle Schaaffhausen. Denn wie es das Pech will, hat ja nach den bisher wiedergegebenen und in obigem Schreiben nicht bestrittenen Mitteilungen des „Plutus" die Direktion unvorsichtigerweise in einem Spezialsall die Nichtanstellung eines Juden mit dem ‘ Antisemitismus ihves Personals ausdrücklich motiviert. Wenn nun die Kölner Herren trotz dieser Aeußerung und trotz der Tatsache, daß sie keine Juden anstellen, versichern, sie ließen sich bei der Anstellung nicht von konfessionellen Gesichtspunkten leiten, so bliebe nur noch die Möglichkeit, daß ihr Antisemitismus eben rassenmäßigen Motiven entspringt. Aber auch diese Annahme trifft nicht zu; denn die Zusammensetzung der Verwaltung zeigt, daß man gegen getaufte Juden nichts einzuwenden hat. Ueber die gleichfalls an dieser Stelle mehrfach erwähnte Lage der Juden in Saloniki entnehmen wir derselben Zeitung nachstehendes: Mit anderen französischen Zeitungen hatte der „Temps" jüngst die Juden von Saloniki schändlicher Undankbarkeit gegen die Türken beschuldigt, unter deren Herrschaft sie seit Jahrhunderten in Frieden gelebt hatten und die. sie jetzt im Unglück verleugneten, indem sie sich servil an die siegreichen Griechen herandrüngten. Darauf gibt nun Pierre Loti, der unermüdliche Verteidiger - der Ottomanen, aut Grund eines ihm Zugegangenen Schreibens, das von zahlreichen Juden von Saloniki gezeichnet ist, eine scharf gehaltene Berichtigung. In dem an ihn gerichteten Briefe heißt es u. a.: „Der Brief, auf den sich der „Temps" stützt, und in dem erklärt wird, die Juden seien außer sich vor Entzücken, unter die griechische Herrschaft zu kommen, ist das Werk eines Griechen, eines Beamten des Preßbureaus von Saloniki, der sich für die Gelegenheit als Israelit ausgegeben hat. Das Schreiben wurde in einem kleinen griechischen Regierungsblatte in französischer Sprache wiedergegeben, das gegründet worden ist, um die Juden, die sämtlich französischer Kultur sind, an den Hellenismus anzulocken. Es ist ganz falsch, zu behaupten, daß die Juden in'Saloniki die Türken verleugnet haben. Sie haben nicht vergessen, daß in der Zeit, da die ganze Christenheit in einem gemeinsamen Haßgedanken ihre Vorväter von allen Seiten verfolgte, während diese durch die Meere irrten, um einen Ort zu finden, wo. sie ihr Haupt niederlegen könnten, der Türke ihnen gastfreundlich die Tore öffnete. Nein, der kleine griechische Beamte hat gelogen. Die Haltung der Juden von Saloniki beim Einzug der griechischen Armee in die Stadt war heroisch. Obgleich sie die schlimmsten Repressalien seitens der siegestrunkenen Soldaten erwarten konnten,.weigerten sich die Juden trotz direkter Aufforderungen, energisch, mit den griechischen Fahnen zu flaggen. Sie wahrten eine so würdige und so aufrichtig traurige Zurückhaltung, daß sie sich mehrere Tage hindurch den Haß und den Zorn des Mobs und der Soldateska zuzogen. Man schändete ihre Frauen, man plünderte ihre Häuser, man mißhandelte sie, man sperrte sie ein und ließ aus ihnen, eine ganze Woche, hindurch' die Drohung, ainer Massenmetzelei lasten. Und auch heute nach drei Monaten her Besetzung, haben es die Griechen trotz aller Proteste ihrer Sympathie, trotz allen dringenden Entgegenkommens noch nicht durchzusetzen vermocht, daß die Juden die Türken verleugnen."

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