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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-02 · Heft 18 (2.5.1913) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Unser Staatsleben und unsere staatliche Organisation beruhen nicht nur in Preußen auf christlicher Grundlage. Deshalb hat sich auch die Deutsche Vereinigung bei ihrer Gründung auf einer rein christlichen Grundlage ausgebaut. Selbstverständlich werden wir es mit Freuden begrüßen, und wir erwarten es nicht anders, daß die jüdischen Genossen in dieser wichtigen nationalen -Frage fest zu uns stehen werden, wie wir als selbstverständlich erachten, daß die jüdischen Genossen alle staatsbürgerlichen Rechte besitzen gleich den christlichen Konfessionen." (Lebhafter Beifall.) Diese Erklärung wird wohl über die jüdischen Kreise hinaus Interesse finden, schon wegen ihrer ganz eigenartigen gräflichen Logik. Er hat uns als „Genossen" angesprochen; aber so, wie mancher Hamburger Kaufmann seinen neugebackenen Kommis: „Du büst Kommis — aber nich bi mi!" Der deutsche Staat ist ein „christlicher" Staat, und die deutsche Vereinigung muß deshalb judenrein bleiben. Aber in puneto des von der „D. V." in Reinkultur gezüchteten „Hurrapatriotismus" sollen sie sich selbstverständlich vor den autisemitischen Karren spannen — aus Patriotismus. Die Form der Versammlung erlaubte leider nicht, an Graf Hoensbroech die Frage zu richten, wie sich in seinem Kopse die für ihn „selbstverständliche" Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger malt. y. Brauiischweig, 25. April. Dem Bericht über die Jacobso n - S ch u l e z u Seesen am Harz pro 1912/13, die bekanntlich aus einer Erziehungsanstalt und einer Realschule mit angegliedertem Realgymnasium besteht, entnehmen Nur, daß die Anzahl der Schüler am 1. Februar dieses Jahres 301 betrug. Davon waren 119 jüdischen Bekenntnisses, 179 evangelischen und 3 katholischen Glaubens. Der Herkuust nach waren 130 Zöglinge aus Braunschweig, 143 aus Preußen, 17 aus anderen deutschen Staaten und 11 aus dem Auslande. Das Examen, das zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst die'Berechtigung erteilt, bestanden im Herbst 1912 9 Schüler und zwar 5 evangelische, 1 katholicher und 3 israelitische, Ostern 1913 25, und zwar 12 evangelische und 13 israelitische. Der Lehrkörper der Anstalten, die unter der Leitung des Direktors Dr. R. Friedland stehen, umfaßt einschließlich der Erzieher am Alumnat 22 Lehrkräfte. Der Bericht erstattet dein Vorstande des Jung-Deutschland-Bundes und dessen Vorsitzenden Herrn Obersteuerkontrollenr Gehrke besonderen Dank ab. Es heißt in dem Bericht: Der Vorstand des Jung-Deutschland-Bundes hat die Schüler unserer Anstalt freundlichst zum Beitritt aufgefordert und es sind erfreulicherweise die allermeisten unserer Jungen freiwillig dem Ruse gefolgt. Sie stellen das Hauptkontingent der hiesigen Jung- Deutschland-Mannschaft. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß die Schule einen Vertrag mit dem Allgemeinen Versicherungsverein zu Stuttgart abgeschlossen hat, wonach die Schüler bei Unfällen aller Art Schadenersatz erhalten. Für die Stadtschüler ist die Versicherung freiwillig, für die Hausschüler pflichtmäßig. Auch im letzten Jahre ist wieder eine Reihe von Zulvendungen zu verzeichnen, so insbesondere für die Arnheim-Stiftung, für den Pensionsfonds m\b für die Philippson-Stiftung behufs Beschaffung von Schülerpreisen. Gelnhausen, 25. April. Die P eti ti o n sk o m misfi on des Abgeordnetenhauses beschäftigte sich mit einer von 27 hervorragenden Persönlichkeiten der Shuagogengemeinde Gelnhausen eingereichten Petition, die um Abschaffung der alten Gesetze über die Verhältnisse der Juden in Kurhessen bittet. Wie der Berichterstatter Abgeordneter Meyenstein aussührte, wenden sich die Petenten gegen die kurhessischeu Verordnungen von 1823 und 1833. Nach diesen Gesetzen hat jede lokale Judengemeinde in den früheren kurhessischen Provinzen Niederhessen, Oberhessen, Fulda und Hanau mehrere (zwei bis drei) Aelteste und einen Vorsteher. Für die Provinzen sind neben den Provinzialrabbinern Vorsteherämter in Kassel, Marburg, Fulda und Hanau errichtet, die Personen ernennt der Minister. Dagegen wenden sich die Petenten; sie sagen, die Gemeinden könnten nicht einmal ihre Aeltesten selbst wählen, die Aeltesten würden ihnen auf* gedrungen, und es sei bezeichnend, daß zwei Inhaber der obersten jüdischen Behörde des Provinzialvorsteheramtes in N. ihre eigenen Kinder einer anderen Religion zugesührt hätten. Weiter wird zur Aufbringung der Gemeindelasten statt einer Klassensteuer die Besteuerung durch Zuschläge zur Staatseinkommensteuer gewünscht, ferner bei den Provinziallasten ein ähnlicher Modus wie bei der Besteuerung von Kirchengemeinden zu landeskirchlichen Lasten, daß das Provinzialamt einen Etat aufstellt, diesen den Gemeindevertretungen zugänglich macht und den Bedarf gemeindeweise nicht wie jetzt nach ihrer Steuerlast, sondern nach ihrer Steuerkraft, wie sie sich aus der Staatseinkommensteuer ergibt, umlegt. Der - Regierungsvertreter, Geheimer Oberregierungsrat Hermes, meinte, die bestehende Organisation werde in weiten Kreisen der hessischen Judenschaft geschätzt. Der Antrag auf Materialüberweisung wurde mit knapper Mehrheit angenommen. Homburg v. d. Höhe, 25. April. Der seit 75 Jahren in unserer Gemeinde bestehende Israelitische Holzverein, dessen Geschäftsbericht für das Jahr 1912 soeben erschienen ist, hat auch int Berichtsjahre segensreich gewirkt. Alljährlich, wenn des Herbstes Kühle an die Notwendigkeit der Heizung erinnert, richten sich die Augen der Armen unserer Gemeinde auf den Holzverein, der ihnen gern und freundlich die nachgesuchte Unterstützung gewährt. Dem Vorstande des Holzvereins untersteht auch der Mädchen-Ausstattungsverein, der gleichfalls seiner Pflichten eingedenk bleibt. Eine Braut auszusteuern war ihm in diesem Jahre nicht vergönnt, denn es liegt ja in der Natur der Sache, daß Vorkommnisie dieser Art nicht regelmäßig wiederkehren, wie beispielsweise der Bedarf an Heizmaterial. Dafür aber hat er ein begabtes junges Mädchen ausbilden lassen, und wie es scheint mit günstigem Erfolg. Der Vermögensstand des Holzvereins am 1. Januar 1913 betrug 16147.62 Mark, der des Mädchen-Ausstattungsvereins 36 814.90 Mark. Der Bericht schließt mit den Worten: Immer enger wird der Kreis der „Alten" . . . aber auch in den Herzen der Jugend hat die Liebe zu unseren Vereinen bereits tief Wurzel gefaßt. So wird die Wohltätigkeit nimmer enden — uud auckr nicht der Dank, den wir allen, allen entgegenbringen!• J. W. Stratzburg i. E., 25. April. Zum erstenmal kam dieser Tage in der Israelitischen Gewerbeschule zu Straßburg der Preis aus der M o ch - Schu h l - R ei m s - St if t u n g zur Vergebung. In edeldenkender Weise, hat bekanntlich Herr Fernand Moch aus Reims, ein geborener Straßburger, zum Andenken an seine Eltern, vor Jahresfrist der Israelitischen Gewerbeschule einen Betrag von 800 Mark als unveräußerliche Stiftung mit der Bestimmung gespendet, daß die Zinsen alljährlich demjenigen Schüler als Preis gegeben werden sollen, der sich vor seinen Mitschülern durch tadelloses Betragen und fortgesetzten Fleiß besonders auszeichnet. Der Preis wurde dem Goldfchmiedelehrling Ferdinand Eh r l i ch aus Herlisheim a.Zorn zuerkannt und demselben am verflossenenSamstag in Form eines Sparkassenbuches mit 32 Mark Einlage im Beisein von Mitgliedern des Verwaltungsrates überreicht. Möge sich der Preisträger auch in seiner ferneren Lebensbahn tüchtig entfalten und gleich' vielen ehemaligen Schülern ein Stolz der Anstalt und des elsäfsischen Judentums werden. Herr Fernand Moch aus Reims aber, unserem sympathischen Landsmann, gebührt vor allem öffentlicher Dank für sein Wohlwollen, das er einer der segensreichen elsaß-lothringischen Erziehungsanstalten in solch auerkennens- und uachahinenswerter Weise zum Ausdruck gebracht hat. * Oesterreich-Ungarn. 2/D Wien, 26. April. Der hier erscheinenden „Oesterr. Wochenschrift" wird aus Saloniki berichtet: Während die griechische Presse von Athen und Saloniki vorläufig noch wenigstens den Schein ihrer Unparteilichkeit den Juden gegenüber zu wahren sucht, setzt sich die griechische Presse von Konstantinopel darüber hiwveg und führt eine systematische Hetze gegen die Juden. Der in Konstantinop-'l erscheinende „Provdos", der in letzter Zeit sowohl in Saloniki als auch in Griechenland sowie in den von Griechenland besetzten türkischen Gebieten auffallend stark verbreitet wird, tischt seinen Lesern unausgesetzt die Mär auf, daß.der Mörder König Georgs von Griechenland, Skinas, trotz der aus taktischen Gründen verbreiteten gegenteiligen Behauptung, jüdischer Abstammung sei. Das genannte Blatt verwickelt sich hierbei'in ein großes und kompliziertes Lügengewebe, um die Behauptung, daß Skinas nichts anderes als Aschkinas bedeute, Plausibel zu machen. Die Griechen werden aufgefordert, dessen eingedenk zu sein und den Juden diesen Königsmord zu vergelten. Von derselben Gesinnung zeugt auch das Vorgehen der Griechen von Tschechine, die, trotzdem das kürzlich -aufgetauchte Ritualmordmärchen gleich am anderen Tage die beruhigendste Aufklärung gesunden hat, den aus diesem Anlasse Proklamierten Boykott gegen die Juden in verschärftem Maße aufrechterhalten, unbekümmert um die Mahnungen des Metropoliten. — Interessant ist auch ein Bericht über die jüdischen Soldaten der griechischen Armee. So wie in den übrigen Balkanstaaten und in der Türkei, so haben sich auch die jüdischen Soldaten in der griechischen Armee während.des Balkankrieges: durch besonderen

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