Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Insbesondere fühlbar mache sich der Mangel nach einer einheitlichen Organisation, die mit dem Schwergewicht der in ihr geeinten Judenheit unsere Wünsche an geeigneter Stelle immer und immer wieder zu Gehör zu bringen habe. Er wies auch auf die Bemühungen um die Schaffung eines Organisationsgesetzes hin, maß aber die Schuld an dem Scheitern des Gesetzes Lefremdlicherweise den Groß gern eind e n und dem religiösen L i b e r a l i s m u s zu, der für sich eine Vorzugsstellung habe erringen wollen. Er empfahl, für die Aufstellung geeigneter jüdischer Parlamentskandidaten Sorge' zu tragen, die die Forderung unserer Gleichberechtigung mit Nachdruck vertreten und unsere Wünsche in den Parlamenten zur Diskussion bringen müßten. Auch die Kleinarbeit auf diesem Gebiete müsse planmäßig betrieben werden. Zu beklagen sei, daß die jüdischen Notabeln ihren Einfluß nach dieser Richtung hin nicht in dem erforderlichen Maße geltend machen. Schließlich verurteilte der Redner die Resolution des Zentralvereins bezüglich dessen Stellung zu den Zionisten. Der Zentralverein habe nicht die staatsbürgerliche Gesinnung seiner Mitglieder nach'zuprüfen. Nicht Trennung, sondern Versöhnung, Einigkeit tut not. Auch diesem Redner wurde starker Beifall gezollt, manchen Ausführungen allerdings nur seitens eines Teiles der Zuhörer. In der darauffolgenden Diskussion unterstrich Herr Kaufmann B e h r en d, Beuthen, noch einmal die wesentlichsten Forderungen der Vorredner. Unter stürmischen Beifallskundgebungen wandte er sich mit zündenden Worten gegen den Versuch, einen künstlichen Gegensatz zu konstruieren zwischen Deutschen und Juden, die an Hingebung und Treue gegen das Vaterland niemandem nachstünden, gleichwohl aber auf allen Gebieten Zurücksetzung erfahren müßten. Herr R. A. Littmann mißt der Frage der Zulassung der Juden zum Offizierkorps weniger Bedeutung bei, als dies seitens des Zentralvereins geschehe. Man müsse die Zimückdrängung der Juden aus manchen Berufen allgemein bekämpfen und sich nicht in so hohem Maße der Erstürmung gerade dieses Postens widmen. Herr R. A. N e u m a n n hält es für wesentlich, daß der Grundbegriff vom „christlichen Staate", der die Voraussetzung für die Benachteiligung der Juden im staatlichen Leben bildet, aus seine Richtigkeit hin untersucht werde. Die Auffassung vom christlichen Staate widerspricht sowohl der Verfassung als auch der geschichtlichen Entwicklung. Zum Schluß wies er noch die Behauptung zurück, wonach an dem Scheitern des Organisationsgesetzes die Großgemeinden und der religiöse Liberalismus die Schuld trügen; bezüglich der Resolution des Zentralvcreins äußerte auch er Bedenken. Diese Resolution der letzten Generalversammlung des Zentralvereins berührte I. 9t. Horwitz in seinem Schlußworte. Er führte zu diesem Punkte aus: Es sei nicht verwunderlich, daß von zionistischer Seite seit dem Beschlüsse vom 30. März gegen den Zentralverein gekämpft werde in Formen, die jedes erlaubte Maß übersteigen, wohl aber, daß auch von nichtzionistischer Seite der Beschluß eine Verurteilung erfahre, ohne daß man den Verlaus der Verhandlungen kenne, ohne sich über die Motive klar geworden zu sein. Der Zentralverein, der die M i ta r b e i t d e r Z i o n i st e n, diesichauf den Boden se i n e s Pro g ra m m e s stellen, freudig begrüßt, denkt nicht im entferntesten daran, etwa den Zionismus bekämpfen zu wollen; das könne bei objektiver Beurteilung niemand aus der Resolution herauslesen. Es müsse auch scharf die Unterstellung zurückgew'iesen werden, als wolle der Zentralverein die staatsbürgerliche Gesimmug seiner zionistischen Mitglieder verdächtigen. Was die Resolution besage, sei nichts anderes als eine logische Konsequenz der Tendenzen des Zentralvereins, eine genaue Formulierung des § 1 seiner Satzungen. Es sei eine Selbstverständlichkeit, daß der Zentralvercin von seinen Mitgliedern, ohne nach ihrer politischen oder religiösen Gesinnung zu fragen, verlangen müsse, daß sie sich na tional als Deutsche fühlen. Dieser Auffassung, die der Zentralverein allezeit vertreten habe, sei auch noch jüngst selbst von zionistischer Seite beigepflichtet worden. Befremdlich sei allerdings, daß die Resolutivu mit den heftigsten Worten als Denunziation gebrandmarkt worden sei, an demselben Tage, an dem ein zionistischer Führer in der „Jüdischen Rundschau" erklärt habe, eine deutscher Jude könne sich nicht national als Deutscher fühlen. Also nicht was gesagt wurde, sondern w a r u m es gesagt wurde, darüber dürsten Meinungsverschiedenheiten bestehen. Der Zentralverein ist zu einer Stellungnahme gedrängt worden, nicht etwa, weil die Zionisten seit langem schon die Versammlungen des Zentralvereins systematisch gestört, sondern vielmehr, weil er schon unzählige Male, und besonders häufig in der jüngsten Zeit, von Zionisten sowohl als Nichtzionisten über seine Stellung zum Zionismus interpelliert worden sei. Keinesfalls aber, auch nicht durch die unwürdigste und heftigste Kampagne gegen ihn, werde sich der Zentralverein bewegen lassen, in eine Polemik über diese Dinge einzutreten. Es sei nicht sein Berus, den Kreisen, von denen er die Gleichberechtigung der Juden erkämpfen will, ein solches Schauspiel zu bieten. Sein Ideal sei eine im Kampfe um die Gleichberechtigung geeinte deutsche Judenheit. Die Versammlung gab diesen Darlegungen ihre lebhafteste Zustimmung kund. Der oberschlesische zionistische Ortsgruppenverband hatte Parole ausgegeben, die Versammlung nicht zu besuchen. Der würdige und glänzende Verlauf dieser Veranstaltung steht im wohltuenden Gegensatz zu dem der Kattowitzer Versammlung vom November 1912. Der Beuthener Ortsgruppe trat sofort eine große Anzahl neuer Mitglieder bei. y. Breslau, 25. April. Dem Jahresbericht der Israelitischen K r a n k e n - V e r p s l e g u n g s a n st a l t (Fraenkelsches Hospital) für das Jahr 1912 entnehmen wir, daß in der medizinischen Abteilung im Berichtsjahre 1076 Patienten neu ausgenommen wurden, und daß am Schlüsse des vorhergehenden Jahres ein Bestand von 68 Kranken, verblieben war, während 1912 insgesamt 1143 Kranke behandelt wurden, von denen 905 jüdischen, 150 evangelischen und 88 katholischen Bekenntnisses wären. Geheilt wurden 38 Prozent, gebessert 48 Prozent, in der Kur verblieben 65 Patienten; ungeheilt entlassen wurden 2 Prozent und 6 Prozent starben. In der chirurgischen Abteilung wurden insgesamt 812 behandelt, davon waren 577 jüdischen Glaubens, in der gynäkologischen Abteilung wurden 213 kranke Frauen, davon 160 jüdische behandelt und in der Station für Augenkranke 116 Patienten, darunter 78 jüdische. Die Zahl der in den Polikliniken behandelten Fälle belief sich auf Tausende. Bemerkenswert ist noch die Mitteilung, daß von den in der staatlich anerkannten Krankenpslegeschule ausgebildeten Lehrschwestern im Jahre 1912 sechs ihre Lehrzeit beendeten. Sie haben sämtlich in der staatlichen Prüfung das Examen bestanden. W. Posen, 25. April. Die Boykottaktion gegen die Juden hat intensiv in das Geschästsleben eingegrisfen. Einige Kaufleute sind wegen Mangels an Betrieb genötigt, ihre langjährigen Geschäfte aufzulösen. — Nach vielseitigem Bemühen ist es gelungen, den jüdischen Religionsunterricht in den hiesigen höheren Mädchenschulen einzusühren. Jetzt, wo das Ersehnte erreicht ist, gibt' es Eltern und Schülerinnen, welche die Dispensation vom Unterrichte beantragen und erhalten, ein liebelstand, der bei Evangelischen und Katholiken nicht Vorkommen kann. Auch auf den Gymnasien greift dies z'u Verurteilende um sich. — Bankdirektor Salo Smoszewski und Kausnmnn Gustav Hanse sind zu Handelsrichtern ernannt worden. — Vertreter des Verbandes Ostdeutscher Industrieller im Bezirkseisenbahnrat für die Direktionsbezirke Bromberg, Danzig und Königsberg i. Pr. ist Herr Kommerzienrat Goldfarb in Pr.-Stnrgard geworden. C. Z. K. Saarbrücken, 25. April. Die „D eutsche V e r - e i n i g u n g" hatte vor kurzem eine öffentliche Versammlung anberaumt, in der Professor Spannagel, Münster, und Generalleutnant z. D. Bauer, Köln, über die neue Wehrvorlage sprechen sollten und für die auch eine Ansprache des Vorsitzenden der „D. V.", des Grafen zu Hoeusbroech, in Aussicht genommen war. Für diese Versammlung war seitens der Presse in einer Weise Propaganda gemacht worden, die den Eindruck machen mußte, als wären der „D. V." alle patriotisch gesinnten Staatsbürger als Mitglieder willkommen. So schrieb die „Saarbrücker Zeitung" in Nr. 100 d. I.: „Die Deutsche Vereinigung bietet für eine nationale Kundgebung zur Wehrvorlage den geeigneten Rahmen, da ihr Mitglieder aller bürgerlichen Parteien und Konfessionen angehören." Alls der Versammlung selbst fand man Allsrufe, die die „katholischen und evangelischen Mnner" zum Eintritt in die „Deutsche Vereinigcmg" aufforderten. Auch ein mündlicher Appell des Geschäftsführers richtete sich nur an die „christlichen" Männer. Es erging darauf aus der Versammlung an den Vorsitzenden folgende schriftliche Anfrage: „Die Zirkulare der „D. V." fordern nur „katholische und evangelische" Männer zum Beitritt auf. Als Jude ersuche ich um öffentliche Aufklärung über das Fehlen der Einladung an die dem Judentum entstmnlnenden deutschen Staatsbürger." Graf zu Hoensbroech beantwortete die Anfrage mit folgenden Worten: „Die Deutsche Vereinigung hat sich in der Fassung ihrer Zirkulare im großen Rahmen ihrer Organisation gehalten, deren Statut von ihren Mitgliedern das christliche Bekenntnis fordert. Infolgedessen konnte eine Einladung an die jüdischen Genossen (wessen? d. D.) nicht ergehen.