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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-02 · Heft 18 (2.5.1913) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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77. Jahrgang Nr. 18 Der Gemeindevote. Berlin, 2. Mai 1913 Vetlage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums Lorrrlpondm?en und Nachrichten. Drutschlapv. Berlin, 27. Styrit, Die W issensch astlich e V er eini - 6 n n g jüdischer Lehrer und Lehrerinnen setzt auch in -diesem Sommer ihre Fortbildungskurse fort: Herr Dozent D. Ellbogen behandelt das Thema „Geschichte des Gottesdienstes" an der Hand des Gebetbuches, und Herr Rabbiner S. Gans erklärt Psalmen von Psalm 90 ab. Die Kurse finden in der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, Große Hamburgerstr. 27, statt — an jedem Donnerstage von 7 bis 10 Uhr abends. Die Teilnahme ist unentgeltlich, auch für Nicht- Mitglieder. Schriftliche Anmeldung bei dem Vorsitzenden der Vereinigung Professor I. F r iedlaeud e r, Eberswalderstr. 36. 22 Berlin, 27. April. Die Religionsschule „Beth Zion" (Gartenstraße 107 a) sendet uns den Verwaltungsbericht für das Jahr 1912, dem wir folgende Angaben entnehmen- Die Schule ist in vierzehn Klassen eingeteilt, acht für Knaben und sechs für Mädchen. Sie wurde im Laufe des Berichtsjahres von 299 Kindern (157 Knaben und 142 Mädchen) besucht. 208 Zöglingen wurde Freischule gewährt — dem größeren Teil derselben auch die Lehrbücher unentgeltlich verabfolgt. An der Schule wirken außer dem Direktor Rabbiner L. Höxter fünf Lehrer und zwei Lehrerinnen. 22 Berlin, 27. April. Im M ä d ch e n k l u b der Ortsgruppe Berlin des Jüdischen Frauenbundes, Hackescher Markt, fand an beiden Sederabenden eine stimmungsvolle Feier statt. Man hatte sowohl die jungen Klubmitglieder, denen sonst keine Gelegenheit geboten war, an einem Sederabend teilzunehmen, wie auch einige einsame Frauen und alte Mädchen eingeladen. Unter der Leitung eines Rabbinatskandidaten und je einer Dame des Vorstandes fand die traditionelle Feier, durch deutsche Erläuterungen unterstützt und durch eine gutes Festmahl verschönt, statt. Allen den jungen Menschenkindern, die vielleicht zum erstenmal die Weihe und Schönheit eines jüdischen Festes erlebt haben, sowie allen anderen, bei denen anläßlich dieser Feier schmerzlich-schöne Erinnerungen wachgerufen wurden, werden die beiden Soderabende des Klubs unvergeßlich sein. Wenn in diesem Jahre durch die Güte eines eigens zu diesem Zweck sich gebildeten Komitees am ersten Abend dreißig und am zweiten Abend fünfundzwanzig Personen anwesend sein konnten, so hofft der Vorstand des Mädchenklubs, diese Zahl im nächsten Jahr bedeutend vergrößern zu können. •V. Z. Berlin, 27. April. Der Geschichtsforscher königl. preuß. Professor Dr. phil. Robert Davidsohn beging gestern in Florenz seinen 60. Geburtstag. Er stammt aus Danzig, widmete sich anfänglich dem Kansmannsstande, wurde später Journalist und Redakteur am „Berliner Börsen-Courier", dessen Besitzer er mit seinem Bruder Georg wurde. Seit 1886 widmet sich Davidsohn ausschließlich historischen Studien. 1908 erhielt er vom preußischen Kultusminister den Titel Professor. Seine monumentale „Geschichte von Florenz", von der bisher drei Bände vorliegen, und die sie ergänzenden, kaum minder bedeutenden „Forschungen zur Geschichte von Florenz" (bis jetzt vier Teile, bis zum Ende des 14. Jahrhunderts reichend), sind Zeugnisse eines großartigen, inassenbezwingenden 'Gelehrtenfleißes und haben bei der sachkundigen Kritik einmütig bewundernde Anerkennung gefunden. Neben diesen großen und grundlegenden Arbeiten hat Davidsohn noch viele Abhandlungen und Aufsätze in deutschen und italienischen Fachzeitschriften geliefert, die fast sämtlich mit seinem großen Lebenswerk in näherem oder entfernterem Zusammenhang stehen. Der Professortitel ist nicht die einzige Ehrung, die ihm für sein hervorragendes wissenschaftliches Wirken zuteil geworden ist; das deutsche „Kunfthistorische Institut" in Florenz hat sich seines erfahrenen Rates versichert, indem es ihn zum Mitglied seines Lokalausschusses wählte; die juristische Fakultät der Universität Freiburg i. Br. verlieh ihm die Ehrendoktorwürde. Aber auch die Italiener haben bewiesen, daß sie die Bedeutung, dieses Pioniers deutscher Wissenschaft im Auslande gebührend zu würdigen verstehen, indem sie ihn unter anderem zmn Ehrenmitgliede der Real Accademia della Crusca und zum korrespondierenden Mitgliede der königlich Historischen Deputation für Toscana und Umbrien ernannten. Möge die glückliche Vollendung seines imposanten Lebenswerkes dem verdienten Manne die wahre, dauernde Genugtuung für seine mühe- und entsagungsvolle Forscherarbeit gewähren. rn. Köpenick-Berlin, 27. dlpril. Unter ungeheuer großer Beteiligung der gesamten Bevölkerung wurde hier auf dem Friedhof der Synagogengemeinde der am Donnerstag, 24. April, abgestürzte Flieger Elia Dunetz-Lurie zur letzten Ruhe bestattet. Vertreter der Flugzeugfabriken aus Johannisthal, viele Offiziere und Piloten gaben dem Verstorbenen, dem die Allgemeine Luftverkehrsgesellschaft das beste Zeugnis über seine Tüchtigkeit und seinen Opfermut ausstellt, das letzte Geleit; Es ist wohl der erste jüdische Pilot, der auf deutschem Boden bestalltet wurde. Der Prediger der Synagogengemeinde Köpenick, Herr Frank, suchte in seiner Grabrede den aus der Ferne herbeigeeilten Eltern, die einen Sohn verloren, der zu den schönsten Hoffnungen einst berechtigte, Trost zuzusprechen.. Eine Trauerfeier im Aeroklubhaus zu Johannisthal war der Feier auf dem Friedhose vorausgegangen. 6. Aus Oberschlesien, 25. April. Im großen Saale des Kaiser- Hofes in Beuthen sprach vor einer aus .dem ganzen oberschlestschen Jndustriebezirk besuchten öffentlichen Versammlung von mehr als 500 Personen Justizrat Dr. Hör Witz, Berlin, über „Die Zurücksetzung der Juden in Staat, Handel und Industrie". Auknüpfend an die Zeit der Erinnerungen, führte er anschaulich vor Augen, wie weit die deutschen Juden noch von dem Ideal der Gleichberechtigung, das die Jüdenernanzipation von 1812 verhieß, entfernt seien. Neberall Zurücksetzung und Zurückdrängung, auch an der Stelle — und vorwiegend an der — die die berufene Hüterin des Gesetzes und der versassungsgäßig verbrieften Rechte ist — im Staate und der staatlichen Verwaltung. Die Zurücksetzung im Heerwesen beleuchtend, führte er aus, bei der energischen Verfolgung der Reserveoffizierfrage lasse man sich nicht etwa von dem Gedanken leiten, daß der Rang eines Reserveoffiziers an sich etwas so Erstrebenswertes sei, sondern vielmehr von der Erwägung, welche weittragenden Konsequenzen im staatlichen sowohl als auch im praktischen und gesellschaftlichen Leben die Ausschließung der Juden aus dem Reserveoffizierkorps nach sich ziehe. Mit schneidendem Sarkasmus wurde geschildert, wie es selbst da aussehe, wo die Zurücksetzung der Juden angeblich nicht bestehe, in der Justiz. Von einer einzigen Ausnahme abgesehen, gibt es in ganz Deutschland keinen jüdischen Richter an leitender Stelle; in ganz Preußen fungiert nicht ein einziger jüdischer Staatsanwalt, in den meisten thüringischen Staaten, in den beiden Mecklenburg sowie auch in den „freien" Hansastädten Bremen und Lübeck nicht ein jüdischer Richter. Auch in den Kouununen, selbst den freisinnigsten, macht dieser Geist der Zurücksetzung nicht halt. Nach der Zahl der jüdischen Stadträte zu urteilen, müssen die Juden für dieses Amt eine hervorragende Befähigung besitzen — allerdings mir für die unbesoldeten Stellen, wie sich bei nüchternem Zusehen ergibt. Man läßt sich lediglich die freiwillige Mitarbeit gern gefallen, an eine wahre Gleichberechtigung ist auch hier nicht entfernt zu denken. Die Tatsache, daß Juden Apotheken nur auf dem Wege des Kaufes erwerben können und niemals mehr durch Konzession, fordert geradezu den Vergleich mit dem mittelalterlichen Judenzoll heraus. Auch aus dem Gebiet, aus dem man den Juden so oft — und nicht immer in schmeichelhaftem Sinne — eine ganz besondere Befähigung nachrühmt, und von dem man doch annehmen müßte, daß sie in ihm dominieren — im Handel, und auch in der Judustrie läßt sich eine planmäßige Zurücksetzung der Juden beobachten. Wie das geschieht, und zu welchen Konsequenzen das führt, wußte der Redner an zahlreichen Beispielen vortrefflich zu beleuchten. Er schloß unter stürmischem Beifall der Versammlung in Variierung eines bekannten Kaiserwortes „Recht muß Recht werden". — Der zweite Redner des Abends, Rabbiner D r. Kopfstein, referierte über das Thema: „Ein Wort zur Bessergestaltung". Er beklagte eingangs die Zerklüftung der deutschen Judenheit; man könne heute kaum noch von einer deutschen Judenheit, sondern nur von deutschen Juden sprechen.

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