Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Litrrsrilchr Mltteilungrn. — AusmeinerJugend. Autobiographie von M. Lazarus. Mit Vorwort und Anhang herausgegeben von Nahida Lazarus. 1913. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Das Buch enthält die Geschichte der ersten 25 Jahre aus dem Leben von Moritz Lazarus von 1824—1849. Es wurde 1884 begonnen, aber erst in den letzten Jahren von Lazarus' Leben völlig ausgeführt. Es ist ziemlich matt, ohne den Reiz geschrieben, der Lazarus Schriften aus seiner männlichen Periode kennzeichnet. Aber der Inhalt ist höchst interessant, namentlich die Schilderung der Kindheit, als Talmudjünger, Kausmannslehrling, Lateinschüler ist von Jet)* hohem Interesse. Merkwürdige Streiflichter.werden auf die Kulturzustände Posens, aber auch Bremens und Braunschweigs geworfen. Lazarus war 20 Jahre alt, als er in das Gymnasium kam. Er spricht mit großem Respekt von seinen Lehrern, besonders von Griepenkerl, dem Vater des seinerzeit bekannten Dichters. Merkwürdigerweise wird 1844 bei der Schilderung der Braunschweiger Rabbinerversammlung der Name meines Vaters nicht genannt. In den letzten Jahren, die hier geschildert werden, lebte Lazarus in Berlin, die Märztage machte er nicht mit; im Laufe des Jahres 1848 war er vier Monate lang Redakteur der Bürgerwehr-Zeitung. Man, sieht, wie Lazarus die Philosophie von früher Jugend an als sein eigentliches Gebiet betrachtete, wie schwerer aber ringen mußte, um zu seinem Ziel zu gelangen. Sein Verhältnis zum Judentum wird zwar oft behandelt,, aber seine eigentliche Stellung dazu doch nicht klar genug beleuchtet. Ueber manches möchte man gern mehr wissen, z. B. über Lazarus' erste Frau, eine höchst geistvolle Dame, deren ich mich wohl erinnere. Lazarus heiratete schon im fünsundzwanzigsten Jahre, als er eben Doktor geworden war, und wurde durch diese Ehe der materiellen Sorgen ledig, unter denen er bisher so schwer gelitten hatte. — Das Ganze ist ein sehr instruktives Buch, das namentlich der Jugend als Führer im Lebenskämpfe recht dringend empfohlen werden kann; denn die Stärke und Kraft, mit der Lazarus sich zu dem selbst gesteckten Ziele emporarbeitete, die Energie, mit der er die Not ertrug und überwand, ist geradezu bewundernswert. L. G. # — Eine Wanderung durch das jüdische Altertum. Von Oberrabbiner Dr. N. Netter. Separatabdruck aus der „Freien Jüdischen Lehrerstimme". 1. Jahrgang, Nr. 6, 7, und 8. Metz 1912. Im Selbstverläge des Verfassers. Retters kleine Schrift habe ich schon bei Gelegenheit der Erwähnung der Zeitschrift „Die freie jüdische Lehrerstimme" genannt. Sie ist eine ansprechende Darstellung der jüdischen Geschichte und der Hauptepvchen des Judentums bis zur Entstehung des Christentums. Der Satz, der zu Ende der Schrift steht: „Ja, es will heute scheinen, als ob erleuchtet vom Lichtstrahle einer triumphierenden Wahrheit die Tochter (das Christentum) sich wiederum der Mutter (dem Judentum) nähere, um allmählich, wie dies an den eklatantesten Beispielen nachgewiesen werden kann, wieder zur jüdischen, zur rein monotheistischen, die höchste Humanität atmenden Weltauffassung sich zu bekennen", scheint mir leider zu optimistisch. L. G. * . Mein Kind, Tagebuch einer Mutter. Eine Anregung von Peter Rosegger. Stuttgart, Theodor Schetter. Preis 1.20 Mark. Das hier angezeigte ist kein gedrucktes Buch, sondern nur ein fleincu Aussatz, sieben Druckseiten stark, mit einem Hefte leerer Blätter. Die kleine Plauderei von Rosegger will die Mütter veranlassen, aus den beigegebenen leeren Bogen, die in einem geschmackvollen Bande gebunden sind, alles auszuschreiben, was -ihr Kind spricht und tut. Alle kleinen Antworten, die man sich nur eine Zeitlang merkt, die inan aber bald vergißt, wenn man sie nicht gewissenhaft aufschreibt. Wir hoffen durch Mitteilung dieser Ankündigung auch den jungen jüdischen Müttern, die diese Zeitschrift lesen, eine willkommene Anregung zu geben. L. G. — Hebräische Balladen von Else Lasker-Schüler. A. R. Meyer Verlag. 1913. Berlin-Wilmersdorf. Ein Heftchen, das mit einer schauderhasten, mir übrigens vollständig unerklärlichen Vignette geziert ist, enthält Gedichte, die fast noch schlimmer sind, als das Titelblatt. Will die Verfasserin sich über die jüdische Geschichte lustig machen, wie es aus dem Gedichte „Abraham und Isaak" säst hervorzugehen scheint, oder will sie etwa die moderne Poesie verspotten? Ein Gedicht, wie „Esther" gleicht entweder dem Stammeln eines Kindes oder — man verzeihe das harte Wort — dein Lallen eines Idioten. Damit meine Leser nicht glauben, daß ich zu scharf urteile, lasse ich die neun Zeilen, denn nur aus diesen besteht das Gedicht, hier folgen. Sie lauten fo: Esther ist schlank wie die Feldpalme Nach ihren Lippen duften die Weizenhalme Und die Feiertage, die in Juda fallen. Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme Die Götzen lauschen in den Hallen. Der König lächelt ihrem Nahen entgegen — Denn überall blickt Gott auf Esther. ' Die jungen Juden dichten Lieder an die Schwester Die sie in Säulen ihres Vorraums prägen. Aehnlich, manchmal noch schlimmer, sind die übrigen Balladen. Nur ein paar Gedichte, die eine gewisse Sehnsucht nach Gott verkünden, sind etwas besser, aber für Poesie kann ich dieses öde Wortgeklingel in keiner Weise ansprechen. (Geschrieben Januar 1913.) L. G. # — Geschichte der Judenin Stadt und Land Salzbur-g von den frühesten Zeiten bis aus die Gegenw a r t. Nach handschriftlichen und gedruckten Quellen bearbeitet und dargestellt von Dr. Adolf Altmaun, Rabbiner in Salzburg. Mit 14 Abbildungen und 1 Faksimile. (Erster Band: Bis zur Vertreibung der Juden aus Salzburg 1498). Berlin, Verlag von Louis Lanun, 1913. Preis 6 Mark, gebunden 7 Mark. Es ist sehr gut, wenn die Herren Rabbiner sich der Lokalgeschichte widmen. Die Art, wie dies in vorliegendem Werke geschieht, darf wohl anerkannt werden. Freilich handelt es sich in dem vorliegenden Werke nur nur .ein Stück Leidensgeschichte und im lvesentlichen um die Erzählung rein äußerlicher Schicksale: Geldgeschäfte, Bedrückungen, Vertreibungen. Das geistige und Kulturleben kann bei solchen widrigen Schicksalen nur wenig berührt werden. Um den trockenen Gegenstand etwas zu beleben, weist der Verfasser gelegentlich auf Dichtungen hin und fügt Anmerkungen hinzu, die sich aus die neueste Zeit beziehen. Das erstere mag gerechtfertigt fein, das letztere nicht. So weiß ich zum Beispiel nicht, was die lange Anmerkung Seite XVII mit ihrem Hinweis auf das Buch von Ruppin in einer historischen Darstellung zu tun hat. — Die historischen Darlegungen gehen außerordeicklich ins Detail -ein. Dem Charakter dieser Zeitung würde es nicht entsprechen, einen Auszug aus dem unifangreichen Buche zu liefern oder in viele Einzelheiten einzugehen. Mir ist ausgefallen, daß in den Anmerkungen neuere Bearbeitungen und Quellen ein bißchen stark durcheinander geworfen werden. Sehr häufig wird aus I Graetz verwiesen, manchmal auch ausschließlich aus ihn. Das Hütte I vermieden werden müssen, denn wie wenig zuverlässig die Graetzsche! Darstellung im einzelnen ist, wird selbst von seinen Bewunderern zugestanden. — Die kritische Methode des Verfassers ist nicht einwandfrei. Er benutzt zum Beispiel Seite 94 fs. eine Urkunde, um zu beweisen, daß 1372 zu Salzburg eine große Judengemeinde existiert habe. Diese Urkunde führt nun bei einem Geldgeschäfte „Paertel, der ■ Jud zu Salzburg und Maynel, Schulmeister daselbst" an. Alle Folgerungen aus dieser Ausführung sind aber nicht stichhaltig. Denn „Paertel, der Jud" beweist nicht nur nicht, daß es damals in Salzburg viele Juden gab, sondern eben nur diesen einen, denn sonst würde es heißen, „Paertel, Jude" oder „Paertel, ein Jude". Und die Worte „Maynel, der Schulmeister daselbst", selbst wenn man dem Verfasser ohne weiteres zugeben könnte, wofür freilich kein Beweis geliefert wird, daß Maynel wirklich ein Jude war, beweist doch höchstens, daß der Jude Paertel sich für seine Kinder einen Schulmeister hielt, beweist aber durchaus nicht, daß dieser Schulmeister viele Kinder unterrichtete und daß also damals viele Juden an dem Orte lebten. Auch die von dem Verfasser angeführte Tatsache, daß 1377 die Synagoge zwar stand, aber unbenutzt war, spricht doch durchaus gegen eine größere Zahl von Juden. In der Tat hat sich, wie aus den Angaben des Verfassers hervorgeht (Seite 103) erst in den achtziger oder neunziger Jahren des 14. Jahrhunderts die Gemeinde neugebildet. Solche kritische Ausstellungen könnte man viel machen. Im ganzen muß man aber sagen, daß der Verfasser seinen Stoff beherrscht und eine im ganzen lesbare Schilderung der betrüblichen Ereignisse gibt. Freilich ist die Darstellung oft sehr ungewandt. Sätze, wie zum Bei- | spiel Seite 63, Anm. 7, sind geradezu ungeheuerlich. Die Schrift ist