Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Duft der Morgenröte schwebte bereits in der Luft herum, als die anderen Meschorerim lachend und schwatzend heimkehrten. Keiner von ihnen war ganz sicher auf den Beinen, und ihre Nasen funkelten wie glühende Kohlen. Als sie in die Kammer stolperten, wurden Klotz und Baum munter, ohne es über merken zu lassen. „Sehet doch nur die beiden Helden in ihrer ganzen Herrlichkeit!" höhnte Meier Stump, den vermeintlich Schlafenden mit dein brennenden Licht ins Gesicht leuchtend. „Gewiß träumen sie von den großen Reichtümern, die sie morgen einheimsen werden. Wohl bekomm's." Die anderen lachten, da aber die Geneckten keinerlei Zeichen gaben, schwieg auch Meier Stump, und alle begaben sich zur Ruhe. „Bleib wach," flüsterte Klotz, „in einer halben Stunde müssen wir fort." Kaum hatte das laute Schnarchen begonnen, als beide sich erhoben und lautlos die Leiter hinunterschlichen. Sie mußten durch Schafes Zimmer gehen, der, von dem Geräusch doch erwacht, bald aufrecht im Bett saß. „Wer ist da?" schrie er ängstlich. „Wir, Baum und Klotz. Die anderen haben uns durch den Lärm aufgeweckt, und da wir doch nicht mehr einschlasen können, wollen wir lieber ins Beth Hamidrasch gehen und Tillim sagen." „Das kann euch gar nicht schaden", sprach Schafe gähnend. „Zur Megille seid ihr auch nicht gewesen. Ihr seid wirklich ein Paar nette Pflanzen, nur weiß ich nicht, welcher von euch der größte Posche-Jisroel ist. Kein Wunder, wenn man die ganze Nacht von bösen Träumen gefoltert wird, da man unter „possele" Tefillin so lange geschlafen." An der Wand nämlich, über seinen: Kopfe war der Aufbewahrungsort für die Tefillin — — das einzige Wertobjekt aller Meschorerim --die als Sicherheit, als eine Art Unterpfand dienten, falls der Eigentümer irgendwelche Fluchtgelüste verspüren sollte. Ungehindert gelangten nun beide ins Freie. Sie holten das Bündel aus dem Gänsestall und gingen schweigend die menschenleere Straße nach der Scheune, wo Schafe seine Pferde und Wagen untergebracht hatte. Halbverschlafen, über Klotz' Gebaren innerlich, verzagt, folgte Baum mechanisch seinem Gefährten, der das Scheunentor aufschloß. „Sei nicht so zaghaft und furchtsam, du Schlafmütze," schalt Klotz, „und hilf mir die Pferde anschirren. Das wird dich, erwärmen." In zehn Minuten war das Fuhrwerk hergerichtet. Es war ein großer, bequemer Leiterwagen, der Boden mit Heu und Stroh bedeckt und mit einem gepolsterten Brett als Sitz versehen. Auch die Pferde waren kräftig und wohlgenährt. Sie waren in den letzten Wochen sehr geschont worden, da Schafe gleich nach Pessach die große Rundreise unternehmen wollte. Inzwischen war Bäum ganz munter geworden, und erblickte ängstlich auf Klotz, dann auf den Wagen und schließlich auch auf die Pferde und dann wieder in verkehrter Richtung, um endlich die Frage zu stellen, die ihm schon lange im Halse würgte. „Klotz, du wirst sie doch nicht etwa verkaufen wollen?"-- „Schlemihl, verschwarzter, was fällt dir denn ein. Hältst du mich gar für einen Pferdedieb. Sei nur ganz ruhig, ehe der lahme Gumpel zum Füttern kommt, werden sie wieder im Stall stehen. Und nun schnell die Verkleidung." Es dauerte nicht lange, und dieses war auch vollbracht. Die Uniform war groß genug, daß er sie über seine Kleider ziehen konnte. Klotz sah in der Tat schneidig und imponierend aus. Auch Baum war bald mit der Maskerade fertig. Er brauchte nur den Mantel umzuhängen,-den Hut aufzusetzen und die Beinkleider in die Schaftstiefel zu stecken und der Postillion war fertig. Klotz ergriff'die Zügel und im scharfen Trab ging es über den hartgefrorenen Boden. Es war Ende Februar, und der Frost hielt noch die Welt mit seinen, eisigen Banden umschlungen. „Willst du mir nicht endlich sagen, welche hirnverbrannte Idee du für heute ausgeheckt hast?" fragte Baum, dem die Sache noch immer nicht klar war, zumal dieses doch über einen lustigen Streich hinausging. Sie hatten inzwischen schon eine große Strecke zurückgelegt, aber Klotz hatte bisher von allen Sachen gesprochen, nur nicht von dem Abenteuer, -dem sie entgegenfuhren. Er hatte über Baums Zuverlässigkeit doch noch gewisse Bedenken-- nicht über seine Ehrlichkeit und Verschwiegenheit-wohl aber über seinen Unternehmungsgeist. Jetzt aber, da sie schon ziemlich weit von der Stadt entfernt waren, wohin Baum nicht so leicht zurückkehren konnte, -da war Klotz sicher, und er konnte nun das Geheimnis offenbaren. „Natürlich mußt du alles wissen, damit die Sache klappt und nicht schief geht." Und als er ihn in das waghalsige Unternehmen eingeweiht, da begann Baum zu zittern und zu beben, und sein Gesicht wäre kreidebleich geworden, wenn der Frost es nicht schon vorher rot und blau gefärbt hätte. „Du bist wirklich und wahrhaftig verrückt geworden", brachte er mühselig zwischen den klappernden Zähnen hervor. „Sie werden den Schwindel durchschauen und uns in Stücke zerreißen." „Sei nicht albern", wehrte Klotz gleichmütig. „Ein bißchen Courage gehört freilich dazu, aber ein echter und rechter Meschorer geht dem leibhaftigen Teufel unter die Augen. Ich meine doch, wir hätten schon manchen kühnen Streich durchgeführt. Weißt du nicht, wie wir der Aushebungskommission in Minsk eine Nase gedreht und vom Militär befreit wurden? Es wird uns auch heute gelingen. Ich habe so eine Ahnung, daß der Schutzengel meiner armen Mutter uns helfend zur Seite stehen wird. Nur darfst du kein Waschlappen sein und dreist und gottesfürchtig alles so tun, wie ich es dir sage." In der Tat gelang es ihm nach und nach, dem schwachherzigen Kameraden ein wenig Mut einzuflößen, wobei Chaskels Flasche gute Dienste leistete, die Klotz unvermutet in seiner Manteltasche gefunden. Chaskel war nämlich Philosoph, und er hatte sich gesagt: „Die armen Teufel tun mir leid, und wenn auch Rabbi Jossele das Geben und Schenken verboten hat, will ich ihnen doch eine kleine Freude machen. Der Mantel ist mein, und der Schnaps ist auch mein. Mein Eigentum kann ich aufbewahren, wo ich will. Kommt nun jemand, sich den Mantel zu borgen, und findet die Flasche in der Tasche, so geht mich das gar nichts an!" Und so ging die Fahrt weiter. Die Torfstiche von Korbak, die Windmühlen von Kraschansk, die Sümpfe von Krotow lagen hinter ihnen. Inzwischen hatte sich Baum die Zeit damit vertrieben, daß er alle Psalmen nacheinander betete, die er auswendig konnte. Dieses, dazu die Einflüsterungen Klotz' und die Eingebungen der Flasche hatten ihn endlich soweit gebracht, daß auch er sich dem bevorstehenden Abenteuer mit vollem Eifer hingab. Endlich waren sie am Birkenwäldchen angelangt, durch dessen Bäume die Hütten von Chammerow durchschimmerten. Klotz übergab nun die Zügel dem Postillon und befahl ihm, die Pferde zu einem halsbrecherischen Galopp anzupeitschen, während er selbst den Rücksitz einnahm, wo er sich imposant und mit einer gebieterischen Miene zurücklehnte. Mit lautem Wagengerassel und geräuschvollem Peitschenknallen fuhren sie ins Dorf, das durch den ungewöhnlichen Spektakel ganz rebellisch wurde: schnatternd und gackernd flohen Gänse und Hühner nach allen Windrichtungen, während bellende und kläffende Köter von allen Seiten herbeistürzten. Türen und Fenster wurden hastig aufgerissen, groß und klein 'verrenkten sich die Hälse, um zu sehen, was los sei, während die Vorübergehenden bei dem Anblick der Uniform fast erstarrt stehen blieben. (Fortsetzung folgt.) -Et