Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Haben wir den Bahnhof Peine verlassen und die Braunschweiger Straße durchwandert, so eröffnet sich am Ende dieser Straße ein freundliches Landschaftsbild, in dessen Mitte etwa die Lehrerbildungsstätte mit ihren Nebengebäuden sichtbar wird. Wir wenden unsere Schritte dem Wege zu, der geradlinig auf die Anlage zulauft. Eine kleine Bodensenkung läßt aus einige Minuten die Baulichkeiten fast gänzlich unseren Blicken entschwinden, um uns nach wenigen Schritten ein Gesamtbild über die Seminaranlage zu gewähren. Die Pläne zu den'' Bauten, stammen von dem Architekten Heinrich T e s fe n o w, der durch die Erbauung der Dalcrozeschule in Hellerau-Dresden bekannt geworden ist. — Der Stil der Gebäude ist dem Landschastsbilde angepaßt: Einfachheit und Zweckmäßigkeit Waren das Leitmotiv, dabei wurde gediegene Ausführung berücksichtigt, die, mit jenen vereint, dem Ganzen eine ansprechende Vornehmheit gibt. Bei den Anlagen angekommen, bemerken wir zur Linken ein langgestrecktes Gebäude — das Plantagenhaus — und gerade vor uns das Hauptgebäude mit pompejanischem Grundriß. . Im Innern dieses Gebäudes gibt ein Lichthof den dorthinführenden Räumen eine ausreichende Lichtzusührung. Dem Hauptgebäude vorgelagert bietet ein Botanischer Garten in zweckentsprechender Anordnung eine Uebersicht über die Gesamtflora Deutschlands in ihren wichtigsten Erscheinungsformen. Sobald wir den Hof zwischen den beiden eben genannten Gebäuden betreten haben, fällt unser Blick auf ein wohlgepslegtes Gelände: die M u st e r s ch u l g ä r t e n — für große und kleinere Verhältnisse — zur'Linken, rechts die weitgedehnte Plantage. Dient die Plantage besonders Demonstrationszwecken im Unterricht und im übrigen dazu, die Kosten des Seminarbetriebes durch ihre Erträge herabzumindern, so fällt den Mustergärten die Ausgabe zu, den Lehrern durch, mehrmonatige Beschäftigung.in ihnen eingehende Kenntnisse in der Gartenbewirtschastung zu vermitteln, und das gewonnene Wissen und Können in einem Uebungsgarten an Ort und Stelle zu verwerten. — Die Bearbeitung dieses Üebungsgartens findet alljährlich nach einem von den Kursisten zu entwerfenden Plane statt. Die Ausbildung im Gartenbau — Obst- und Gemüsebau wie Blumenkultur — findet in den Anlagen für Bienen- und Geflügelzucht eine zweckmäßige Bereicherung. Für den theoretischen U n t e r r i ch t sowie für den Handfertigkeitsunterricht in den Winterkursen (Holz- und Metallarbeit) sind im Hauptgebäude Räume, die allen modernen Anforderungen entsprechen, eingerichtet. Ein geräumiger Zeichensaal und mehrere Hörsäle in zweckdienlicher Ausstattung, ferner Gesellschaftszimmer und andere Räumlichkeiten für die-Körperpflege und den Wirtschaftsbetrieb, sowie für die Verwaltung, sind im Erdgeschoß untergebracht. Im Obergeschoß sind die Werkstätten für Hobelbank-, Papp- und Metallarbeit angeordnet. Ein Turn- und Tennisplatz im Haupthos stehen den Kursisten in ihrer freien Zeit zur Verfügung. - Das in dem Seminar zu leistende Arbeitspensum während eines Jahres ist aus folgender Ausstellung ersichtlich: A. Sommerkursus (April bis September, ausschl.) I. Arbeitsfächer: a) Gartenarbeit . . . 20 Stunden wöchentl. b) Ländliche Holzarbeit 4 . „ „ c) Papparbeit .... 3 d) Zeichnen..... 3 II. Wissenschaftliche Unterrichtsfächer: (als begründende und Hilfsfächer). a) Gartenbaulehre . . 4 Stunden wöchentl. b) Chemie 2 e) Physik . . . . . 2-Stunden wöchentl. d) Methodik des Unterr. 4 „ e) Volkswirtschaftslehre 2 Die Gartenarbeit erstreckt sich aus Gemüse- und Obstbau, wie Blumenkultur, von der Bodenbestellung bis zur Verwertung der Erzeugnisse. — Die Holzarbeit tritt hier als ländliche Holzarbeit in engste Beziehung zu den Erfordernissen des Gartenbetriebs. — Ein Kursus in Papparbeit wird vollständig durchgeführt. — Das Zeichnen umfaßt Plan- (Entwürfe) und Freihandzeichnen; es nimmt seine Objekte aus dem Unterrichtsstoff, den Gartenanlagen, den Werkstätten und Sammlungen. Die Gartenbäulehre dient der Befestigung und Vertiefung des durch Eigenarbeit erworbenen Könnens. — Die Methodik des Unterrichts legt in Vorträgen mit anschließender Diskussion die pädagogischen Grundsätze für die Erteilung des Unterrichts im Schulgarten, klar. — Chemie- und Physikunterricht dienender wissenschaftlichen Begründung der angeeigneten technischen Erkenntnis-werte. — Die volkswirtschaftlichen Uebungen leiten den Blick von dem engeren Arbeitsfeld über zu den großen Fragen von Wert und Bedeutung einer rationellen Gartenbewirtschastung für Haus-, Volks- und Staatswirtschaftsleben. - B. Winterk ursus (Mitte Oktober bis Mitte März). I. Arbeitsfächer: a) Holzbezw. Metallarbeit 24 Std. wöchentl. b) Gartenarbeit...... 4 „ c) Papparbeit. 4 „ d) Zeichnen ...... 4 „ II. Wissenschaftliche Unterrichtsfächer: a) Chemie ..... 2 Stunden wöchentl. ' b) Physik ..... 2 e) Methodik des Unterr. 4 Hobelbank- und Metallarbeit werden entweder nach- oder nebeneinander betrieben. Sie beginnen mit Material- und Werkzeugkunde, zeigen die einfachen Handgriffe in den Arbeitssächern, gehen zur Herstellung einfachster Gegenstände und von Einzelteilen über, der die Zusammensetzung zu Gebrauchsgegenständen folgt, und endigen mit der kunstgerechten Anfertigung von Holz- und Metallarbeiten, wie sie im Haushalt und zur Ausschmückung von Jnnenräumen Verwendung finden. Möglichst vollkommene technische Fertigkeit und Geschmacksbildung geben für diese Unterrichtsfächer den leitenden Gedanken. Papparbeit wird, wie im Sommer, vollständig absolviert. In der Gartenarbeit wird hauptsächlich (im Vorwinter) die Einwinterung der Erzeugnisse vorgenommen, der Boden und die Obstbäume werden für die Frühjahrsarbeit vorbereitet, Behandlung der Pflanzen gegen Frostschaden wird gezeigt. Im Zeichenunterricht tritt neben der Anfertigung von Werkzeichnungen für die Werkstattarbeit der Entwurf als gebundenes und Freihandzeichnen auf: der Darstellung eigener Ideen wird hier genügend Spielraum gelassen. Die wissenschaftlichen Unterrichtsfächer lehnen sich auch hier an die Arbeitssächer an und bieten darüber hinaus eine Fortsetzung und Erweiterung der im wissenschaftlichen Seminar gebotenen Unterrichtsstoffe und dienen zudem der Begründung auf wissenschaftlicher Basis. Die Mußezeit kann mit Jugendspiel, Musik, Turnen und anderem ausgefüllt werden. Für die freie Zeit des Samstags und Sonntags ist Fortbildung in Religionswissenschaften und Musik (Kantorat) vorgesehen. Der Unterricht steht in seiner Gesamtheit unter Leitung des Direktors, und wird neben ihm von Fachlehrern und Männern der gewerblichen Praxis erteilt. Ein bewährter Garteninspektor erteilt die Unterweisung im Gartenbau und den Unterricht in der Gartenbaulehre.