Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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211 2 Geschichte befragen, wieviel Zeit zur Umgestaltung der Sitten und der Lebensweise anderer Völker erfordert wurde. Es ist ein großes Unglück für die Juden, daß selbst die edelsten ihrer Gönner, die ihre Erhebung und Veredelung mit dem Aufgebot aller Mittel und mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit zu fördern bestrebt sind, zu ungeduldig die Früchte ihrer Bemühungen erwarten. Sie möchten, wie der Mundschenk des Pharao in der Bibel, in einem Tage an dem kaum gepflanzten Weinstock Knospen, Blüten und reise Trauben sehen. Allein festina lente. Nom ist nicht an e i u e ur Tage erbaut worden. Gut Ding braucht Weile. I. B. Münz, Wien. | Aebrrriker. . . j eder Kamps hat seine Lust und seine Freude, seine i % Sorgen und seine Gefahren. Ist das Ziel klar, dann 1 kennt jede Mannschaft ihre Aufgabe, dann weiß sie, daß sie sich zwischen Sieg und Niederlage bewegt, dann muß sie zum Gefecht ihre Waffen bereit halten. Aber bisweilen raubt bängliches Schwanken den Streitern Halt und Sicherheit, und in nebelhafter Ferne versinkt das Bild, das ihnen ursprünglich die Wegesrichtung wird. Gehorsam gegen den * Führer bedingt getreues Ausharren, aber Unmut, Verdrossenheit und Erbitterung lahmen die Heiligkeit des Eifers, oder Mißverständnis läßt ihn ins Ungemessene wachsen. Auch der Uebereifer hebt alles ins Ungemeine und bedenkt nicht < ' sorgsam den Schaden, den er im eigenen Hause anrichtet, die Wirkung, die selbst den Ernst ins Seltsame wandelt. Die jüdische Geschichte hat dafür ein bemerkenswertes Beispiel aufbewahrt. Einige Stämme hatten vorweg ihr väterlich Erbe erhalten, hatten auf dem jenseitigen Ufer des Jordan ihre t Hütten aufgeschlagen, hatten sich aber verpflichtet, den Brüdern; im Eroberungskampf zu helfen. Ihre Arbeit war vollendet, l sie waren entlassen, und bei der Heimkehr errichteten sie i- Denksteine, die sie als Gedächtnismal gedacht. Flugs werden! sie des Abfalls verdächtigt. Denn was können diese harmj losen Denksteine anderes sein als götzendienerische Bilder. Ein Wort der Aufklärung rechtfertigt sie glänzend. Der j Friede zwischen Ost und West in dem mühsam gezimmerten 5 Bau des neuen Vaterlandes ist gesichert und verbrieft. Seit einem Jahrhundert hat das deutsche Judentmn die! Führung in allen Zweigen der religiösen Wissenschaft, der! sozialen Fürsorge, des Gottesdienstes und der religiösen Be-;; lehrung. Seine Einrichtungen sind in allen Kulturstaaten übernommen. Stillschweigend hat sich der Wandlungsprozeß vollzogen, der die deutschen Juden aus dem Ghetto zur Teilnähme an der allgemeinen Kultur herausgeführt und sie; zu wertvollen Bürgen ihres Vaterlandes erzog. Unter dem * Druck und der Not des wirtschaftlichen Lebens, aber auch z. unter dem Einfluß der sozial gerichteten Gesetzgebung ist vieles ls verdrängt worden, was einer vergangenen Generation lvert- |j voll war, was aber aus dem religiösen Bewußtsein zu schwinjS den längst begonnen hat. Unleugbar hat auch die Verj'. schiebung der Lebensbedingungen eine Vertiefung des reli- : giösen Denkens gebracht, sie rüttelt an der gedankenlosen, I gwohnheitsmäßigen Hebung und verlangt Verinnerlichung des religiösen Empfindens. Die religiöse Not ist unter den veränderten Verhältnissen groß geworden, und sie begehrt Befriedigung. Sie übersehen — wäre ein Frevel am Geist des Judentums. In Wahrheit sind alle Reformen aus diesem Gedanken geboren, sie wären nie vo l k s t ü m l i ch geworden, wenn sie nicht einem Bedürfnis Rechnung tragen würden. Das haben alle großen religiösen Führer der neueren Zeit gefühlt und in zahlreichen Abhandlungen ausgesprochen. Sie haben es für eitel Unterfangen angesehen, den Strom der Zeit i aufzuhalten, und sie haben aus den einmal gegebenen Tatsachen den naheliegenden Schluß gezogen,, daß das Gros des deutschen Judentums eine Annäherung des religiösen Empfindens an das moderne Denken wünscht. Das ist eine Tatsache, die vollzogen war, längst ehe die liberalen Richtlinien erschienen sind.. Kein Wort enthalten sie, das nicht vor Menschenaltern schon ausgesprochen und begründet worden ist. Sie sind zu begreifen aus dem Bestreben des Liberalismus, auf seine Bekenner zu wirken. Der Liberalismus nimmt für sich das gleiche Recht in Anspruch wie die anderen religiösen Richtungen. Er hätte längst das Wort ergriffen, wenn nicht leidige Strömungen in unserem Vaterlande ihn aufgehalten und die Gesamtjudenheit zu einem Abwehrkampfe gezwungen hätte, der den Blick nach innen verwehrt. Dieses Recht kann dem Liberalismus niemand streitig machen. Er hat sich ja nicht ereifert, wenn andere religiöse Gruppen in ihrer Weise romantisch schwärmen. Ob sie damit wirken, steht dahin. Für sein Tun trägt er allein die Verantwortung. Niemals zuvor ist der Liberalismus mit gleich starker Phalanx, mit gleich großer Gefolgschaft ausgetreten wie jetzt. Niemals vielleicht war ein Programm seiner Stoßkraft so sicher wie dieses. Es hat Aufmerksamkeit und Interesse geweckt, das wäre schon ein Verdienst an sich. Es hat aber auch darüber hinaus die Massen aufgerüttelt und zum Nachdenken angefeuert. Haben w i r schon gewo n.n e n e s Spiel? Weit gefehlt. Aber die Wahrheit, das heißt der religiöse Liberalismus, ist auf dem Marsche. Er wird die öde Trägheit überwinden und den kalten Materialismus, und er wird die Reihen mit sich sortreißen. Und je mehr man ihn befehdet, um so beweiskräftiger ist seine Daseinsberechtigung. Hat nur die Orthodoxie ein Daseinsvecht, die doch der Zukunftshoffnungen ermangelt, hat nur sie das Judentum recht verstanden? Uns dünkt, die Zeit bänglichen Schwankens zwischen rechts und links, der zaghaften Unentschlossenheit, die nicht zuzugreifen wagt, sei endgültig vorüber. Wir fordern ein Bekenntnis zu einem Ideal. Der gemeinsame Feind versöhnt die Gegner, die selbst nicht immer einig sind, in blindem Uebereifer. Ist das keine verderbliche Verirrung? Einstweilen aber fordert der Liberalismus seine Widersacher durch die Klarheit seines Programms heraus. Nicht ganz so erschlagen ist er, wie es nach den wortreichen Erklärungen der Gegner den Anschein hat. Er wird noch auf der Wahlstatt sein, wenn alle Verdächtigungen verstummt sind, die heute gegen ihn erhoben werden. Sie sind weder wissenschaftlich noch sachlich haltbar, sie sind gewaltsam und erkünstelt und dienen wahrlich nicht dem Prestige der Gegner. Merkwürdig, daß man jetzt beginnt, den Liberalismus zu befehden. Sein Streben lag längst vor aller Augen. Ohne ihn wäre keine große Organisation in Deutschland zustande gekommen. Ist das kein Beweis von religiöser Willenskraft und Lebenskunst? Jetzt gehet hin und erschlaget sie im Rainen der von e u ch allein behaupteten Rechtgläubigkeit. Wir werden uns tapfer schlagen und u n s e r Judentum als echte Frucht am Stamme unserer Gemeinschaft würdigen. Wir werden die Heißsporne bekehren, die ihre Stunde jetzt gekommen glauben. Lpeetator. Simonkches Seminar kür Gartenbau und handkertigbeit in Keine. Einführungsbericht von Direktor Alexander. 3n fruchtbare Felder eingebettet, nach Süden hin begrenzt von einem etwa 300 Morgen großen Wald, liegt die Statte, deren Aufgabe es fortan sein soll, die praktische wie unterrichtliche Ausbildung der Lehrer in Gartenbau und Handfertigkeit (Holz- und Metallarbeit) zu übernehmen.