Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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210 burtstage von einem intimen Kreis von Freunden und Verehrern überreicht wurde. Der Leser findet da unter den Beitragenden' die glänzendsten Namen der jüdisch-literarischen Welt und zugleich die Titel aller Werke ansgeführt, die vergreise Gelehrte in dem Zeitraum von 1866 bis 1903 publiziert hat. Ich erwähne nur noch seine geradezu klassische Schrift: Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter (erste Auflage 1871, zweite vermehrte, zugleich als Beitrag für deutsche Kulturgeschichte, Berlin 1900, Poppelauer) und begnüge mich hier eine seiner epochalen Schriften ^zu nennen, die in den letzten zehn Jahren erschienen ist: Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch, erster Teil 1909 und zweiter Teil 1912, über die ich in diesen Blättern eingehend referiert, und meinen damaligen Ausführungen heute nur den Wunsch hinzuzufügen habe, daß es mir vergönnt sein möge, auch über den, wie ich höre, der Vollendung entgegengehenden dritten Teil sowie über seine demnächst erscheinende „Ehrenrettung des Maiinvnides" referieren, zu dürfen. — Was den greisen Jubilar besonders vorteilhaft auszeichnet, das ist die tiefernste Ueberzengung, von der sein, literarisches Schassen getragen ist, das redliche Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, das ihm in seinem, segensreicheil Leben, voranleuchtete. „Gerecht und, wahr", lautete von jeher seine Devise. Das.bezeugen seine, Werke, bekundete und. bekundet sein liebenswürdiges Wesen im Verkehr mit Andersdenkenden, deren religiöser Freisinn ihn vielleicht im Innersten des Herzens schmerzen, für deren wissenschaftliches Streben aper, er stets Sinn und Verständnis besitzt und ihnen die gebührende Achtung nie versagt. — . . Darum ehren und lieben wir ihn und wünschen ihm auch ferner Glück und Segen. Albert K atz. Erari deutsche Staatsmänner über die Gleichberechtigung der Juden. et Genius des deutschen Volkes inag in Scham und Trauer sein Haupt verhüllen. Die deutschen Inden müssen noch immer tun ihre Gleichberechtigung kämpfen und ringen? Ein großer Teil des Volkes der Dichter und Denker verschließt sich noch immer hartnäckig der Protlamierung der Menschenrechte, und die preußische Negierung sagt ihr Ja und Amen dazu. Wie ganz anders präsentierte sich der preußische. Kanzler Fürst v. H a r d e n b e r g! Als die Städte Lübeck und Hamburg im Jahre 1815 ihren Israeliten die unter der napoleonischen Herrschaft erlangten Rechte wieder entreißen wollten, schrieb ihnen der großzügige und weitsichtige Kanzler von Wien aus folgenden Brief: „Die Schicksale der Judeuckn den.nördlichen Provinzen Deutschlands tonnen dem Professor Jl. Berlinerpreußischen Staate nicht gleichgültig sehn, weil durch eine fortdauernde Bedrückung und gehäßige Ausschließung von Rechten, auf welche sie als Menschen Anspruch haben, der ihnen gemachte Vorwurf der Jmmoralität verlängert, u. die Absicht unserer Negierung: d u r ch T h e i l n a h m e a n a l l e n bürgerlichen Rechte n u n d Pflichten die Spuren eines Vorwurfs zu verwischen, der nur aus einer drückenden, verächtlichen u. knechtischen Behandlung h-ervorgegangen i st, vereitelt wird. Es hat die Geschichte unseres letzten Krieges mit Frankreich bereits erwiesen, daß die Juden des Staats, der sie in seinen Schoß ausgenommen, durch Treue und Anhänglichkeit würdig geworden. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Wafsengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenthums und der Verachtung von Kriegsgefahren auszuweisen, so wie die übrigen jüdischen Einwohner, namentlich die Frauen, in Aufopferungen jeder Art sich den Christen anschließend Im Anschluß hieran sei erwähnt, daß im Jahre 1831 in der bayerischen Kammer der Abgeordneten, die sich fast einmütig für die völlige Gleichstellung der Juden mit den christlichen Staatsbürgern erklärte, der Abgeordnete L a n g unter anderem sagte: „Das Edikt von 1813, welches den bayerischen Israeliten das Staatsbürgerrecht erteilte, fand bei seinem Erscheinen nur Schacher- und Hausierjuden vor. Diese, von Jugend auf vernachlässigt, für nichts Höheres gebildet, ohne alle wissenschaftlichen Kenntnisse, ohne mechanische Fertigkeit, konnten sich keine andere Hilfsquelle eröffnen. — Bereits sieht man nur die vom Kummer und Alter gebeugten Juden von Haus zu Haus sich mühsam schleppen, um so ihren kümmerlichen Unterhalt zu suchen; dagegen die jüngere Generation betrat die vom Staat ihr eröffneten Wege. Nirgends ließen es die Juden an Aufmunterung und tätiger Unterstützung fehlen. Auf ihre Kosten sorgten sie für die Bildung und Erziehung der Jugend, und, obschon ihnen der Staatsdienst noch verschlossen ist, so bilden sich doch viele jüdische Jünglinge aus reinem Eifer für die Wissenschaften auf Hochschulen unermüdet aus." Was die Wirkung der Zulassung der bayerischen Juden zu bürgerlichen Gewerben betrifft, so führt dieser Verteidiger einer heiligen Sache der Humanität den Bericht der dortigen Staatsregiernng vom Jahre 1819 an. Nach dieser Mitteilung hatten sich sechs Jahre nach der Erteilung des Staatsbürgerrechts schon 252 jüdische Familien dem Ackerbau zugewendet, 169 Familien den Geiverben, 839 Söhne jüdischer Eltern widmeten sich dein Handwerk, andere bildeten sich praktisch für den Landban aus. Wem die angeführte Zahl der bayerischen Juden, die sich in einem Zeitraum von sechs Jahren für die Landwirtschaft und Gewerbe qualifiziert hatten, im Verhältnis zur dortigen jüdischen Bevölkerung zu gering scheint, der wolle die