Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Nachdem Ottilie die Schule verlassen hatte, wurde sie Mitglied der von Mosewius in Breslau begründeten Singakademie, und schon 1849 als sechzehnjähriges Mädchen sang sie die große Solopartie sür Sopran in Mendelssohns „Elias", und erregte damit stürmische Begeisterung. Es war chr dank der Güte chrer Eltern vergönnt, ihre Studien in Paris bei den berühmtesten Gesangsmeistern der Zeit, Bordogni und Manuel Garcia dem Jüngeren, fortzusetzen und zu vollenden. Heimgekehrt, wurde sie bald eine Stütze der Singakademie, namentlich bei den Aufführungen der großen Oratorien, wie auch in dem intimeren musikalischen Freitagszirkel, in dem sich die Elite der sangesfrohen Zeitgenossen .zusammenfand. Ihre echte Weiblichkeit, ihre Bescheidenheit, die Grazie ihres Geistes und Wesens, gepaart mit tieser Herzensgüte, ließen sie den Liebling eines großen erlesenen Kreises werden. Kaum zwanzigjährig, wurde sie die Braut des Sohnes eines ihrem Eltern-, hause ebenbürtigen Patrizierhauses, Siegmund Sachs, und am 23. August 1853 empfing der aus reinster gegenseitiger Neigung geschlossene Seelenbund durch Abraham Geiger Segen und Weihe. Sie erzog ihre Kinder in trefflicher Weise. Eine Priesterin ihres Hauses wie ihrer Kunst, übte sie diese zum Schmuck ihres Hauses und stellte sie oft und gern in den 'Dienst der guten Sache. Ihre unschätzbare Mitwirkung bei den großen Wohltätigkeitskonzerten in Breslau legte beredtes Zeugnis sür ihre edle, echt menschenfreundliche Gesinnung ab.. Nachdem sie einst in einem von Karl v. Holter zugunsten eines Blinden veranstalteten Konzert gesungen hatte, verewigte der schlesische Barde sie in einer Dichtung. Ihr Halls wurde eine Pslegestätte der Kunst. Oft fanden dort die Uebungen des musikalischen Zirkels statt, Mosewius und sein Nachfolger Julius Schäffer verkehrten oft und gern dort; kein Künstler von Bedeutung, der in Breslau Auftrat, verabsäumte, dort Eingang zu finden, wir nennen nurMubinstein, Bieuxtemps, Däsiree Artot und verschiedene andere, und vielfach hat ihre Kunstausübung Frau Sachs auch mit dem schlesischen Adel in Berührung gebracht. Die Feier der silbernen Hochzeit bildete den Höhepunkt in ihrem Leben. Noch einige glückliche Jahre waren ihr an der Seite ihres Gatten beschieden, im Frühling 1886 wurde er ihr durch den Tod entrissen, und mit dem Dichter konnte sie sagen: „Nun hast du mir den ersten Schmerz getan!" In der Erinnerung der Zeitgenossen lebt Siegmund Sachs unvergessen fort. Seitdem sind fast drei Jahrzehnte dahingerauscht. Wie unsere verehrte Jubilarin in hoher Seelengröße aus dieser schwersten Prüfung hervorging, das steht im Einklang mit ihrer edlen Persönlichkeit. Sie verstand es in einzig eigenartiger Weise, ihren Kindern den Vater zu ersetzen und blieb ihrer Kunst bis zur Stunde, wenn auch nicht mehr ausübend, so doch Strebende fördernd und schützend, treu. Seit einer langen Reihe von Jahren dem Borstand der Singakademie angehörend, später als dessen Vorsitzende, gegenwärtig als Ehrenvorsitzende, gab ihr fünfzigjähriges, und 1908 ihr sechzigjähriges Jubiläum als Mitglied dieser Vereinigung die hochwillkommene Veranlassung, die verehrungswürdige Greisin in wohlverdienter Weise zu ehren und zu feiern.. In den musikalischen Festtagen des Sommers, 1912 anläßlich des Bachfestes wetteiferten die vornehmsten Vertreter der Kunstwelt, an ihrer Spitze Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der Protektor des Festes, und Graf Hochberg, Frau Sachs ihre Huldigungen darzubringen. Eine treue Tochter ihrer Vaterstadt, eine treue Tochter' ihres Glaubens, die Traditionen ihres Elternhauses hochhaltend, übt Frau Sachs werktätig Nächstenliebe. Seit Jahrzehnten dem Vorstand der Mädchenabteilung' des Israelitischen Waisenhauses angehörend, hat sie an dessen Spitze 1882 die damalige Kronprinzessin Viktoria, spätere Kaiserin Friedrich, bei deren Besuch der Waisenanstalt empfangen. Frau Sachs hat das Leid aller derer erfahren, die ein hohes Alter erreichen. Von dem großen, glänzenden Kreise, der sie einst umgab, sind ihr die-meisten indie Ewigkeit vorangegangen. Aber für alles Erdenleid hat die gütige Vorsehung einen Trost. Eine neue Generation ist um sie herangeblüht, neue Freuden sind ihh, erwachsen. Wer ihr je nahe getreten, liebt und verehrt in ihr die hochsinnige Frau, die sich stets in Glück und Unglück gleich trefflich bewährt hat. Möge ihr ein freundlicher. Lebensabend winken! Krokellor % Berliner. (Zu seinem 80. Geburtstage.) ie Wissenschaft ist frei, sie kennt in ihrem Bereich keine Parteirichtung und kümmert sich nicht um die-religiösen und sonstigen Differenzen der Gesellschaft. Das gilt für uns auch von der Wissenschaft' des Judentums. Sie fragt nicht nach dem sogenannten religiösen Standpunkt ihrer Jünger; sie fragt nur nach ihrem geistigen Vermögen, ihrem Wahrheitsstreben und ihren geschaffenen Werken, um. sie für die Mit- und Nachwelt nach Gebühr zu bewerten. Die Intoleranz auf dem Gebiete des Geistes, im Reiche der Theorie war und ist im Judentume eine exotische Pflanze, des allgemeinen Gedeihens unfähig, sie kann sich wohl des einen oder des anderen bemächtigen, die Meinung der Gesamtheit beherrscht sie nie. Diese beurteilt und schätzt die Männer ihrer Wissenschaft nicht nach deren religiösen Gesinnungen, sondern nach ihren wissenschaftlichen Leistungen, die lichtverbreitend der Eintracht und dem Frieden dienen. Wer sein ganzes Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt, in ihrer Ergründung und Fortentwicklung das Ziel und den Zweck seines Erdenwallens erblickt hat, der steht über den Parteien und Richtungen des Tages, und keiner von ihnen steht das Recht zu, ihn für sich allein in Anspruch zu nehmen. Er gehört ebenso, wie die Resultate seiner wissenschaftlichen Studien, der Gesamtheit an, die nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, chm, so oft eine passende Gelegenheit sich bietetihre Anerkennung und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Ein Forscher dieser Art ist der Nestor unter den zeitgenössischen jüdischen Gelehrten, Professor A. Berliner, der am 1. Mai d. I. sein 80. Lebensjahr vollendete. Der Jubilar huldigt bekanntlich in religiöser Hinsicht einer streng konservativen Weltanschauung; sein Name ist sür gewisse Kreise ein feststehendes Programm, dem wir nicht immer zustimmen können. Das kann und darf uns aber nicht abhalten, am heutigen Tage seiner großen Verdienste um unsere Wissenschaft rühmend zu. gedenken, und ihm gemeinsam mit seinen zahlreichen Freunden und Verehrern unsere. Huldigung und unsere herzlichsten Wünsche entgegenzubringen. Isaak Halevi aus Worms schrieb einst an Raschi: „Durch Dich ist das Zeitalter nicht verwaist, und solcher, die . Dir gleichen, möge es viele in Israel geben." Dieses Wort.richten wir heute als Festgruß an den verehrten Jubilar, dessen „Raschi-Ausgabe", und „Targum Onkelos" auch den spätesten Geschlechtern für ihre biblischen Studien unentbehrlich sein werden. Ich muß es mir versagen, die vielen Werke, mit denen der Jubilar unsere Literatur bereichert hat, hier namhaft zu machen. Wer sich dafür interessiert, den verweise ich auf die Festschrift „Birkath Abraham", die ihm zu seinem 70. Ge-