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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-02 · Heft 18 (2.5.1913) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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-—— 208 Gin internationales Publikum horcht den Klängen der Kurkapelle, Laute von überall. Elegante Damen und Herren und zwischendurch sieht man kleine armselige Juden im langen Rock, manchmal ist er sogar modisch gestutzt, aber ihr unverfälschter Jargon verrät sie. Aus Galizien kommen sie oder Rußland. Ja, diese Juden aus dem Osten! Sie sorgen um ihre Gesundheit und sie achten auf das Kind, das es mal besser haben soll. Als ich eine Zeitlang in Galizien lebte, kam ein alter Jude zu uns, der mit alten Kleidern handelte. Er hatte zehn Kinder. Sein Kaftan war abgeschabt und speckig, auf der Hose hatte er hundert Flicken, die-Kinder liefen barfuß in der sonderbarsten Kleidung umher, aber so viel errackerte er immer, daß seine Frau, deren Gesundheit ihm heilig war, nach Franzensbad gehen konnte, denn das Kind, das sie ihm alljährlich aus dem Tisch legte, mußte gesund sein. Das ist ein Fall für tausend. In allen Bädern, in allen' Kurorten begegnet man ihnen immer wieder in überraschend großer Zahl. Und in Krakau sollen heuer 860 Mädchen maturiert haben. Darunter über 500 Judenmädchen, nicht Kinder Gebildeter, sondern Töchter armer und ärmster Juden. Das Wort Nietzsches: „Nicht -fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf" hat unbewußt ewig in diesem Volke gelebt. Für einen jüdischen Vater hat alle Misere, alle Plage, alles Leid, aller Jammer und alle Verzweiflung des Lebens -nur den -einen Sinn — -das Kind -soll -es besser haben. Das Kind soll sich einen besseren Platz erobern am Wirtshaustisch des Lebens. Dieser Gedanke, den man jetzt wissenschaftlich erarbeitet, dem man langsam Eingang schassen will, dem man -nachhorcht in -allen seinen Windungen und Konsequenzen, den man langsam säen will in der Menschen Herzen, -nach dem haben die Juden immer gelebt. * In Rußland fand -eine Debatte in der Duma über die Ausschließung der Juden vom russischen Heeresdienste statt. Es wäre unendlich traurig, wenn die -darin geäußerten Ansichten wirklich Gesetzeskraft erlangten. Der betreffende Bericht der „N. I. K." lautet so: Die Duma hat am 16. April in einer -geheimen Sitzung das Rekrut-enkontingent für das Jahr 1913 verabschiedet. Von den Parteien der Rechten war dabei wieder einmal die Frage der Ausschließung der Juden aus dem Heere yufs Tapet gebracht worden. Da die Berichterstattung über die Sitzung untersagt wurde, ist es vorläufig noch unbekannt, in welchem Sinne die Duma zu dieser Frage Stellung nahm. ' Der Ausschluß der Juden aus dem Heere ist in Rußland keine neue Frage. Die reaktionären, antisemitischen Parteien operieren mit dieser Forderung seit Jahren, um auf diese Weise die bürgerliche Entrechtung der Juden im Zarenreich zu rechtfertigen. Aus dem gleichen Grunde wehrt sich aber die jüdische Bevölkerung Rußlands, unterstützt von den fortschrittlichen Parteien, energisch gegen dieses odiose Privilegium. Die Juden, die die bürgerliche Gleichberechtigung anstreben, wollen auch alle Lasten und Pflichten auf sich nehmen. Obwohl in der Heeresleitung und in maßgebenden Regierungskreisen wenig Neigung vorhanden zu sein scheint, dem Drängen der einflußreichen antisemitischen Kreise in dieser Angelegenheit nachzugeben, ist es bei den unklaren politischen Verhältnissen, die im russischen Reich herrschen, schwer zu beurteilen, ob die Anschauungen der fortschrittlichen intelligenten Kreise durchdringen können. Vom Verlaufe der geheimen Dumasitzung ist imr soviel durchgesickert, daß die Verhandlungen über den Antrag betreffs Nichteiüstellung der jüdischen Rekruten äußerst stürmisch und erregt waren. &&■;> Mtilie Sachs. Von Regina Neißer. as Leben der verehrungswürdigen Frau, die am 6. Mai ihren 80. Geburtstag begeht, zeigt uns viel reiche Huld des Glückes, der sonnigen Freude, aber noch mehr beugendes Leid und herben Schmerz, jedoch verklärt durch den Zauber der Liebe, der Kunst und Anmut, geistiger . und seelischer Hoheit, wahren, -echten Menschentums. In Breslau stand ihre Wiege, in ihrer Vaterstadt hat sich ihr langes, segensreiches Leben abgespielt, in dieser steht sie bis zur Stunde vor uns, Liebe und Verehrung heischend und in ausgedehntestem Maße genießend. Als die Tochter des Kaufmanns D. Jmmerwahr und seiner Gemahlin geborenen Silberstein erblickte Ottilie am 6. Mai 1833 das Licht der Welt. Gemeinsam mit einer zahlreichen Geschwisterschar genoß sie eine äußerst sorgfältige Erziehung, sie besuchte die Heinemannsche Schule und ihre liebsten Jugendgenossinnen waren die Bauerschen Töchter, die sich später auf -dem 'Gebiete der Humanität so unschätzbare Verdienste errungen haben. Gemeinsam mit diesen durfte sie sich der anregenden und begeisternden Einwirkung des Religionsunterrichts Abraham Geigers, der in ihrem Elternhause freundschaftlich verkehrte, erfreuen, . und die durch den unvergeßlichen Seelsorger in der Breslauer Gemeinde eingeführte Mädchenkonfirmation hinterließ einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck in den jungen Mädchen. Schon in der Schule machte sich bei der kleinen Ottilie hohe musikalische Begabung und insbesondere ein vielversprechendes Gesangstalent bemerkbar, so daß ihr schon oft kleine. Solis bei den Schulfestlichkeiten anvertraut wurden. Die fürsorglichen Eltern übergaben die Tochter dem damals bedeutendsten Gesangslehrer Breslaus, Hirschberg, und dieser pflegte den wunderschönen Sopran. Inmitten ihrer Gesangsstudien mußte Ottilie aber auch alle häuslichen Arbeiten lernen, die treffliche Mutter hielt streng darauf, daß die Tochter auch die Kochkunst erlernte. Damals herrschte, in dem -weit über die Grenzen der Provinz Schlesien hinaus berühmten Geschäftshause noch die schöne patriarchalische Sitte, daß die zahlreichen Angestellten in der Familie des Chefs ihre Beköstigung genossen, und die Freitag- und Festtagabende, an denen dreißig junge Leute die Mahlzeiten der Familie teilten, zählen zu den leuchtendsten Jugenderinnerungen unserer verehrten Jubilarin, Ottilie Sachs. Tsm:m

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