Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenige Worte seien dieser Zusammenstellung hinzugefügt. Unsere Zeitung stand und steht auf dem Boden, in dem Rießer wurzelt. Gleiche staatsbürgerliche Rechte für die Juden, so lautet unsere wie seine Forderung; die deutschen Juden sind, bei treuem Festhalten an ihrem Glauben, Deutsche und kennen keine andere Volkangehörigkeit, das ist unser wie sein Bekenntnis. An dieser Forderung und an diesem Bekenntnis festzuhalten, das ist das Gelöbnis, das^ wir dem Andenken .des tapferen Mannes weihen. * Noch immer gilt es, wie zu Rießers Zeit, gegen den Antisemitismus zu kämpfen. Wir haben in dev letzten Nummer über die Beeinträchtigung der Juden im Bankgewerbe gesprochen. Zu dieser Angelegenheit schreibt die „Frankfurter Zeitung" folgendes: Die im ersten Morgenblatt vom 22. v. M. abgedrnckte Notiz über Antisemitismus im Bankgewerbe hat in hiesigen Bank- und Börsenkreisen lebhaftes Interesse gefunden. Sie ist dahin zu ergänzen, das; die Tendenz, keine Juden anzustellen, sich nicht nur neuerdings hier bei einer Bank, in deren Leitung ein Wechsel eingetreten ist, bemerkbar macht, sondern das; sie bei einem spezifisch Frankfurter Institut, nämlich der Frankfurter Bank, schon seit Jahren zu beobachten ist; unter den zahlreichen Angestellten dieser Bank befindet sich kein einziger Jude. * Ueber das Königsberger Kaiser hoch haben wir früher mannigfache Mitteilungen gebracht. Darum geben wir nachstehendem Artikel des „Berliner Tageblatts" Raum: Wir haben seinerzeit ausführlich über die sonderbaren Vorgänge bei dem Ausbringen des Hochs auf den Kaiser bei der Jahrhundertfeier vom 5. Februar in Königsberg berichtet. Wie erinnerlich, war dort im Schloßhose beim Fackelzug das Kaiserhoch, welches ursprünglich der „Verein jüdischer Studierender" ausbringen sollte, von dem Vertreter des „Vereins deutscher Studenten" ausgebracht worden, und seiner Geistesgegenwart hatte es der Sprecher des „Vereins jüdischer Studierender" zu danken, daß er der Festsetzung zufolge doch noch zu seinem Recht kam. Wir haben dann auch von dem widerspruchsvollen ' Hin und Her in den Auslassungen der verschiedensten Stellen — Oberhofmarschallamt, Hausmarschallamt — Königsberger Ilniversitätssekretariat — Kenntnis genommen. Jetzt, nach Zweieinhalb Monaten, also etwas sehr post kestuin, 'läßt sich der damals von verschiedenen Seiten angegriffene Prorektor der Königsberger Universität Professor Dr. Winter nochmals, und zwar diesmal offiziell, in dieser Angelegenheit vernehmen. Wie unser Königsberger Korrespondent uns mitteilt, veröffentlichte der Prorektor soeben am schwarzen Brett der Universität folgenden Anschlag: . ' „Zu den mehrfach in der Presse gegen die hiesige Universitätsbehörde in bezug auf die Vorgänge beim Kaiserhoch gerichteten An- - griffen teile ich der Studentenschaft folgendes mit: Der Prorektor hat sich veranlaßt gesehen, den dem „Verein jüdischer Studierender" durch das Los zugesallenen Auftrag, das Kaiserhoch auf dem Schloßhof auszubringen, wieder zurttckzuziehen und einem Deputationsmitglied zu übertragen, weil der Abgesandte der Universität eine von dem Herrn Hausmarschall Seiner Majestät ihm gegebene Anweisung dahin verstanden hat, daß der Ausbringer des Kaiserhochs eines der' Mitglieder der Deputation sein müsse, deren Zahl (fünf) der Universitätsbehörde vorgeschrieben war, und deren Zusammensetzung und Mitglieder bereits durch Beschluß der Studentenschaft bestimmt waren. Von dieser Veränderung der ursprünglichen Vereinbarungen konnte den von seinem Verein mit dem Kaiserhoch beauftragten Studierenden keine Mitteilung mehr gemacht werden, weil dieser trotz einer bestimmten Anweisung, daß alle mit Ehrenämtern Betrauten sich zu einer letzten Versammlung an; Abend vor der Feier einzufinden Hütten, zu der Besprechung nicht erschienen war; wenn der Studierende behauptet, daß unter den vom Sekretär noch dabei verlesenen Namen der seinige gefehlt habe, so konnte er sich damit von meinem an alle Vertreter gerichteten Auftrag nicht entbunden fühlen und hätte zum mindesten sich erkundigen müssen, ob seine Ansprache nötig sei. Der Auftrag, den der Prorektor nach der Versammlung dem Sekretär erteilt hat, den betreffenden Studierenden nunmehr umgehend schriftlich von der veränderten Sachlage in Kenntnis zu setzen. ist von denr mit Vorbereitungen zur Feier ganz besonder-s überlasteten Beamten auszuführen vergessen worden. Königsberg i. Pr., 21.-April 1913. - - Der Prorektor: Winter." Nach dieser offiziellen Darlegung der Vorgänge hat also-die Vergeßlichkeit des Universttätssekretärs bei weitem die meiste Schuld an der abfälligen Aenderung in der Person des. „Ausbringers" — wie es so wenig schön in dem Anschlag heißt — des Kaiserhochs; größere jedenfalls als der vergeßliche-Vertreter des „Vereins jüdischer Studierender". # . Der Kampf.gegen die russischen Studenten» an verschiedenen deutschen Universitäten erweist sich immer mehr als ein antisemitischer Schachzug. Aus diesem Grunde lassen wir hier einen Artikel der ,-Leipziger Volkszeitung folgen: Die Hetze gegen die ausländischen, besonders die jüdischen Studenten, hat ihre Früchte getragen, der Verband der ostjüdischen Studentenvereine von Westeuropa versendet folgende -Erklärung: „Vor einiger Zeit nmrde ein Beschluß der Universitäten Leipzig und München bekanntgegeben, wonach an den genannten Universitäten fortan nur solche Studenten aus Rußland ausgenommen worden sollen, die ein zweisemestriges Heimstudium aufweisen können. Dieser Beschluß wurde von einem Teil der deutschen Presse als allseitig befriedigende und einzig gerechte Lösung der Ausländerfrage bezeichnet, da den Studierenden aus Rußland' doch die Möglichkeit gewahrt würde, ihre Studien an deutschen Universitäten fortzusetzen. Es wurde auch der Wunsch geäußert, die übrigen deutschen -Universitäten möchten dem Beispiel Leipzigs und Münchens folgen. Da diese Beurteilung ans einem völligen Verkennen der dadurch geschaffenen tatsächlichen Situation beruht, sieht sich das Zentrnlbureau des Verbandes ostjüdischer Studentenvereine in Westeuropa (Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Belgien) zu folgender Erklärung genötigt:. - Der weitaus größte Teil der in Deutschland studierenden russischen Staatsangehörigen — (etwa 80 Prozent) — besteht aus Juden, die in Rußland aus Grund der für sie herrschenden Ausnahmegesetze vom Universitätsstudium fast vollständig ausgeschlossen sind, und zwar durch die Bestimmung, das; an den russischen Universitäten Juden in ganz beschränktem Mas; (3 bis 5 Prozent der Zahl der nichtjüdischen Studierenden) ausgenommen werden können. Es ist also dem gvößten Teil der jüdischen Jugend die Möglichkeit genommen, an einer heimatlichen Universität auch nur immatrikuliert zu werden, und demnach sind diese schon von Anfang an aus die Gastfreundschaft der deutschen Universitäten angewiesen. Der Beschluß der Universität Leipzig — wenn er auch ohne bestimmte Absicht erfolgt ist — beraubt, wie auf der Hand liegt, gerade die russischen Juden vollständig jeder Möglichkeit, an -der Universität Leipzig zu studieren. Er geht in dieser Hinsicht also weit über die. Forderungen hinaus, welche die antisemitischen Blätter-aufstellen." Der russischen Korrespondenz wird zu dieser Angelegenheit aus Leipzig noch folgendes geschrieben: „Infolge der bereits gemeldeten Ausnahmebestimmung werden an der Leipziger Universität russische Juden überhaupt nicht mehr ausgenommen, da sie das von ihnen verlangte Zeugnis eines zweisemestrigen Studiums in der Heimat nicht beizubringen vermögen. Allein die Verordnung soll indirekt sogar rückwirkende.Kraft bekommen. In Leipzig besteht nämlich die eigenartige Vorschrift, daß jeder Ausländer nach vier Semestern seine Immatrikulation erneuern muß. Den russischen Medizinern, die gerade jetzt vier Semester absolviert haben, nmrde die „Neuimmatrikulation" auf Grund der jüngsten Bestimmung versagt. Sie mögen zunächst vom sächsischen Kultusminister und Reichskanzler die Erlaubnis zur Abhaltung des Physikums erlangen, dann würden sie wiederum Aufüähme finden. Vorläufig aber sind sie ausgeschlossen. Der Kommentar der neuen Bestimmung ist zwar, wie man sieht, willkürlich, aber die Folgen können für die Betroffenen recht traurige sein. Man muß noch einmal fragen: Was ist eigentlich in Leipzig passiert, daß solche drakonische. Maßregeln ergriffen werden?" Gegenüber solchen Treibereien ist es höchst erquicklich, rn einem Feuilleton der „Frankfurter Zeitung", von Marie Holzer über Meran folgendes zu lesen: