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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-02 · Heft 18 (2.5.1913) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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206 Die Woche. Berlin, den 27. April 1913. in 26. d. M. hat Herr Geh. Rat Wilhelm Herz in seltener geistiger und körperlicher Frische seinen 90. Geburtstag gefeiert. Wir bringen dem Jubilar, der zu den Unseren gehört, auch eine Zeitlang in der Gemeindeverwaltung hervorragend tätig war, unseren herzlichsten Glückwunsch dar. Vom Kaiser wurde er zum Wirkli.chen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz ernannt. Diese Ernennung ward ihm durch ein ehrenvolles Kaiserliches Schreiben mitgeteilt; Anerkennungen aller Art wurden dem Gefeierten zuteil, lieber seinen Lebens- und Entwicklungsgang entnehmen wir folgendes einem Artikel des Geh. Justizrats Dove aus der „Vossischen Zeitung": Wilhelm Herz wurde 1823 zu Bernburg geboren. Mit klarem Blick erkannte der Vater des Jubilars, daß in der damals noch unbedeutenden Hauptstadt Preußens dereinst der Zentralpunkt für den erhofften wirtschaftlichen Aufschwung liegen werde. Er verlegte daher den Sitz seines Geschäftes nach Berlin, wo es dann zu wachsender Blüte gelangte. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts trat der Sohn, praktisch und theoretisch gründlich vorgebildet, als Mitinhaber in die Firma. In rastloser Arbeit hat er seitdem über zwei Menschenalter das Geschäft gefördert und nach dem Tode des Vaters geleitet. Handel und Fabrikation sind in ihm vereinigt. Die hohe Bedeutung der Oelwie der Gummiindustrie hat er verständnisvoll erkannt und beide dem Bedürfnis der modernen Wirtschaftsentwicklung entsprechend gefördert. Daneben betätigte er sich bei Großbetrieben der verschiedensten Handels- und Gewerbezweige, die unter Benutzung der Aktienform die erste Stelle im deutschen Wirtschaftsleben auf ihrem Gebiete errungen haben. So steht er u. a. an der Spitze des Aufsichtsrates der Deutschen Bank und der Schultheißbrauerei. Früh schon Mitglied der Korporation der Kaufmannschaft, in welcher die Berliner Gewerbetreibenden sich zur Erlangung einer repräsentativen Interessenvertretung Zusammengeschlossen hatten, wurde er am 1. Januar 1866 in das Aeltestenkollegium gewählt. Hier wurde seine Arbeitskraft und seine Befähigung zur Geschäftsleitung von den Mitgliedern erkannt und ihm im Jahre 1889 die Stelle des ersten stellvertretenden Präsidenten übertragen, nachdem er 1872 bereits zum Vorsitzenden der ständigen Deputation der Produktenbörse gewählt war. Seit 1895 Präsident des Aeltestenkollegiums, war er berufen, in den schwierigen Zeiten des Kampfes um die neue Form der Handelsvertretung den Ausgleich zwischen den verschiedenen Bestrebungen herbeizuführen. In geräuschvoller Weise machten sich um die Wende des 19. Jahrhunderts in der Berliner Kaufmannschaft Bestrebungen geltend, welche die Vertretung ihrer Interessen auf breitere Grundlagen stellen und dem geiverblichen Element neben dem Börseninteresse einen erhöhten Einfluß bei der Bildung des Kollegiums eingeräumt wissen wollten. Innere Reformen des Aeltestenkollegiums, welche diesen Bestrebungen entgegenzukommen bestimmt waren, vermochten nicht, die wachsende Agitation zu beschwichtigen. In dem weisen Bestreben, die Einheit der Vertretung zu erhalten, ging das Aeltestenkollegium unter der Führung seines Präsidenten daran, durch ein Umwandlungsstatut, das allen berechtigten Ansprüchen entgegenkam, die bisherige Vertretung in die neue Form der Handelskammer überzuleiten. In der entscheidenden Generalversammlung genehmigte die Korporation das Umwandlungsstatut. Nach mannigfachen Streitigkeiten, die hier nicht weiter zu erörtern sind, wählten Wilhelm Herz und die erwähnten führenden Männer um ihn, vor die Notwendigkeit der Entscheidung zwischen den beiden Vertretungskörpern gestellt, die Handelskammer und schieden aus dem Aeltesteukollegimn aus. So war Herz berufen, die neue Handelskammer von der Errichtung an bis zum heutigeil Tage mit unermüdlichem Eifer und nie versagendem Pflichtgefühl zu leiten. Wenn sie der Erwartung, ihrer Aufgabe als Vertreterin der immer mächtiger emporwachsenden wirtschaftlichen Interessen der Reichshauptstadt und ihrer industriell hochentwickelten Umgebung gerecht zu werden, voll entsprochen hat, so verdankt sie das in erster Linie der weisen, arbeitsamen, energischen und mit Milde alle Gegensätze zum Ausgleich bringenden Leitung ihres Präsidenten. Unter den repräsentativen Persönlichkeiten der Reichshauptstadt ist dieser Führer ihrer Kaufmannschaft einer der allseitig beliebtesten und verehrtesten. Glücklich in seinem Familienleben, hat Wilhelm Herz das vornehme Patrizierhaus an der Ecke der Dorotheenstraße und des Kupsergrabens zum Mittelpunkt eines regen geistigen und geselligen Verkehrs gemacht, in dem die höchsten Spitzen der Behörden wie die Berufsgenossen und zahlreiche sonstige Notabilitäten Berlins ein- und ausgehen Vis in das Greisenalter ein Freund und Meister der Reitkunst, hat er auch zu den leitenden Sportkreisen lebhafte Beziehungen. Vor allem erfreut sich der bei allen lvichtigen wirtschaftlichen Fragen gern zu Rate gezogene Führer der Berliner Handels- und Jndustriekreise auch der huldvollen Zuneigung seines um die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes eifrig bemühten Monarchen. Aeußere Anerkennung ist ihm in reichem Maße erteilt worden. Alle aber, die ihm nahe stehen, wünschen an seinem heutigen Ehrentage, daß ihm ein schöner Lebensabend in der seltenen Kraft und Frische, deren er sich bis hierher erfreut hat, im Kreise der Seinen beschieden sein möge. * Am 22. April führte sich zum 50. Male der Todestag G a - b r i e l R i e ß e r s. Da wir im allgemeinen von solchen etwas willkürlichen Erinnerungstagen keine Notiz nehmen, haben wir es unterlassen, Rießers Verdienste besonders zu feiern, zumal ja unseren Lesern sein Wirken genugsam bekannt sein dürfte. Nur kurz sei nach einem Festartikel der „National-Zeitung" an folgendes erinnert: 1832 gründete Gabriel. Rießer in Altona die Zeitschrift „Der Jude", periodische Blätter für Religions- und Gewissensfreiheit, als deren Zweck er selbst bezeichnete, „die gerechte Sache nicht einschlasen. den Eifer nicht erkälten zu lassen, Materialien zu sammeln, Jrrtümer zu berichtigen". Aber schon im nächsten Jahre löste er die Zeitschrift auf, da er daran gehen wollte, sich in seiner Heimat eine bürgerliche Existenz zu sichern. Ein „Komitee für die bürgerliche Frei-; heit", welches beim Senat um Gleichberechtigung der jüdischen Be- ' völkerung .petitionierte, hatte ebensowenig Erfolg als Rießers j Gesuch, sich in seiner Heimat als Advokat niederlassen zu dürfen. Im j Gegenteil wurden von reaktionärer Seite Judeukrawalle inszeniert, I die ihn vorläustg den längeren Aufenthalt in der Heimat verleideten. Durch und durch verstimmt, wunderte er nach dem Frankfurter, damals zum Kurfürstentum Hesien-Kasiel gehörigen Vorort . Bockenheim, aus. Mit erneutem Eifer wandte er sich den Emanzii pations- und Aufklärungsbestrebungen zugunsten seiner deutschen; Glaubensgenossen zu. Schriften, wie „Börne und die Inden", „Das - Lessing-Denkmal und die Israeliten", „Jüdische Briese zur Abwehr und Verständigung", ferner „Offene Briese an Psitzer", der als Führer der Liberalen in Baden Gegner der Gleichberechtigung der Juden war, an den dieselbe Abneigung teilenden Führer des jungen Deutschland, Karl Gntzkow, und an den Demokraten (späteren Antisemiten und Reaktionär) Bruno Bauer, dessen Judensrage durchaus auf einem antijüdischen Ton gestimmt war, sind die Früchte dieser f unausgesetzten Tätigkeit. Dazwischen arbeitete er für den kurhessi- \ schon Staatsschatz ein juristisch sehr fein pointiertes Gutachten zu; seinen Gunsten und gegen dessen Schuldner ans, die sich ans eine angeblich für sie sprechende Generalsquittung aus napoleonischer Zeit - beriefen. Trotz dieser Musterleistung und unbeachtet dessen, daß gerade Kurhessen kurz zuvor ein Gesetz erlassen hatte, wonach seinen jüdischen Bewohnern die Wähl des Berufes freigestellt wurde — im Vertrauen hierauf war Rießer mit seiner Familie dorthin übergesiedelt — wurde sein Bürgerrechtsgesuch in Bockenheim abschlägig beschieden. Nun war guter Rat teuer. Die anregende Nähe von Frankfurt a. M. mit den vielen Freunden, die er Hierselbst aufzn- » weisen hatte, bot ihm keinen genügenden Ersatz für den mangelnden Berus. Allein, wohin sollte er in Deutschland sich zu diesem Zwecke mit der Aussicht auf Erfolg wenden? Da kani ihm in diesem Peinlichen Dilemma Erlösung von einer Seite, von der er es am allerwenigsten erwartet hatte: Seine Vaterstadt Hamburg, in der sich mittlerweile die Stimmung völlig gewandelt hatte, faßte 1840 den Beschluß, daß 1 oder 2 jüdische Notare angestellt werden sollten. Selbstverständlich bewarb sich Rießer um diesen Posten und erhielt ihn; 1857 legte er ihn wegen Kränklichkeit nieder. 1860 wurde er zum Mitglied des Obergerichts gewählt. Als erster jüdischer Richter in Deutschland schied er vor nunmehr fünfzig Jahren aus dem Leben.

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