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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-05-02 · Heft 18 (2.5.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77. Jahrgang Nr. 18 Berlin, 2. Mai 1913 eitung desAudentums. Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse viese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps«« Unter Leitung des Geheimen RegierungZ-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf: Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu rich en. Verlag von Rudolf rnofse, Berlin. tfltftStlf Vibelkritik. Von Rabbiner Dr. Behrens, Göttingon. — 1J mjUU« Die Woche. — Ottilie Sachs. Von 31 egina Reißer. — Professor A. Berliner. Von Albert Kay. — Zwei deutsche Staatsmänner über die Gleichberechtigung der Inden. Von I. B. Münz, Wien. — Ucbereifer . . . Von Cp ec tat or. — Simonsches Seminar für Gartenbau und Handfertigkeit in Peine. Einführungsbericht von Direktor Alexander. — Feuilleton: Der General von Chammcrow. Purimhumoreske von Sam. Gordvn. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. - Sprochsaal. Der Gemrlndebote sBeilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Köpenick-Berlin, Aus Oberschlesien, Breslau, Posen, Saarbrüden, Brannschweig, Gelnhausen, Homburg v. d. Höhe, Straßbnrg i. E., Wien, Ne>v Park. — Von Nah und Fern. Mbelkritik. Von Rabbiner Dr. Behrens- Göttingen. ie religiöse Stimmung der Menschen wird wesentlich beeinflußt durch ihr Verhältnis zur Bibel. Jedes Geschlecht hat in der ihm eigentümlichen Weise zu ihr.Stellung nehmen, sich mit ihr auseinander setzen müssen. Das Ergebi nis ist vielfach bestimmt durch die geistige Struktur, die dem Zeitalter ihr Gepräge ausdrückt. Die Skala läuft von strengster Gläubigkeit bis zu kühnster Forschung. Denn die ewigen Wahrheiten, die in der Bibel für das religiöse Denken und für das sittliche Verhalten des einzelnen ausgestellt werden, sind vor Jahrtausenden ausgesprochen, und sie tragen den ronrantischen Schimmer einer vergangenen Zeit. Geschichte, Sprache und Kultur haben Teil an diesem einzigartigen Werke schöpferischen Geistes. Ihre Schleier gilt es zu durchdringen, um zu dem Heiligtum der biblischen Welt vorzudringen, um ihre Begriffe dem Verständnis der Gegenwart näher zu bringen. Dem Geheimnis der Sprache sind die jüdischen Gelehrten des Mittelalters mit großem Erfolge nachgegangen, aber der Wissenschaft des jüngsten Jahrhunderts blieb es doch Vorbehalten, in die Dunkelheit vieler Stellen neues Licht strahlen zu lassen. Die Erweiterung der sprachwissenschaftlichen und geschichtlichen Kenntnisse, die Funde und Ausgrabungen im alten Orient, haben das Bibelstudium neu befruchtet und das Interesse für die Bibelwissenschaft in hohem Maße geweckt. Aber man blieb nicht bei den Ergebnissen stehen, die sich aus sprachlichen und geschichtlichen Untersuchungen verstanden. Man versuchte Erscheinungen zu erklären, die wie der Prophetismus u. a. noch immer rätselhaft blieben, man versuchte auch, sich in den Geist der biblischen Bücher zu versenken und glaubte, ihnen nach dem Vorgänge verwandter Wissenschaften ihr Alter, ihre Tendenz ablauschen zu können. Man forschte nach Verfasser, Aufbau und Einheitlichkeit der einzelnen Partien, kurz, inan legte den Maßstab an, der bei jeder Literaturgattung Verwendung findet. Die wissenschaftliche Untersuchung führte zu interessanten Entdeckungen, zu bahnbrechenden Aufschlüssen, die sehr sorgfältig nachgewiesen wurden. In jüdischen und christlichen Gelehrtenkreisen ist an diesen Aufgaben mit großer Hingebung gearbeitet worden, wenn auch die Zahl der jüdischen Gelehrten, die sich mit diesem Gebiete befassen, sehr gering ist. Es ist selbstverständlich, daß in einer so ausgebreiteten Wissenschaft, wie dem Bibelstudium, eine reiche Auslese an Hypothesen, an kühnen Aufstellungen geboten wird, die im Kampfe der Geister gegeneinander stehen und mit dem nötigen Rüstzeug verteidigt werden. Im Streit nur wird die Wahrheit gewonnen, die Zukunst mag entscheiden, welche Partei in den Auseinandersetzungen der Gegenwart Recht behält. Der Glaube aber ist längst als irrig erwiesen, der da meint, daß sie alle wie Spreu vor dem .Winde verwehen, daß sie Phantasiegebilde nicht ernst zu nehmender Gelehrten seien. Auf die einzelnen Fragen soll hier zunächst nicht eingegangen werden. Bibelkritik ist also nichts anderes als eine Form, wie moderne Menschen sich mit der Bibel abzufinden versuchen. Haben wir Juden daraus irgend etwas zu besorgen? Schwerlich. Den Wahrheitsgehalt, die ewigen Ideen, die sittliche Verpflichtung tastet die Bibelkritik nun und nimmer an, wenn sie mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln ihnen näher tritt. Sie versucht sie aus ihrer Zeit zu erklären und ihren Sinn tiefer zu erfassen. Sie bescheidet sich, das Unerklärliche unerklärt zu lassen, und sie entäußert sich nicht der gebotenen Ehrfurcht vor diesem Heiligtum des Menschengeschlechts. Wie alle echte Wissenschaft, so eignet sich auch der Begriff der „Bibelkritik". nicht zum Schlagworte in dem Kampfe der religiösen Parteien. Sie ist weit entfernt davon, zu zerstören und niederzureißen, den Glauben oder den Gehorsam oder die Treue zu vernichten. Nur ängstliche Gemüter mögen das befürchten, die nur von ferne dies angebliche Schreckgespenst zu schauen glauben, ohne mit ihrem Wesen sich je vertraut gemacht zu haben. In Wirklichkeit wird die Bibelkritik imstande sein, Begeisterung für das Bibelwort zu wecken, wenn sie recht verstanden und gewürdigt wird, wie alles, was durch Prüfung uns neu zu eigen gegeben wird: Was du ererbt von deinen Vätern hast, e r w i r b es, um es zu b e s i tz e n. Die religiöse Erneuerung, die in der Gegenwart angestrebt wird, kann nur erreicht werden, wenn innerhalb jüdischer Kreise der Bibel man sich wieder zuwendet, diesem Ausgangspunkt alles religiösen Denkens und Lebens. Wie einst die Menschen entschwundener Tage im Schatten der Bibel sich freuten ihres Weinstocks und ihres Feigenbaumes, so wollen auch wir aus dem gleichen Quell schöpfen, die wir mehr des Trostes und der Aufrichtung, der Ermunterung und des Ansporns bedürfen. Wohl uns, daß auch einem kritischen Geschlecht sie noch dargeboten werden in unverminderter Kraft, aber in neuem Licht und in sieghafter Größe.

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