Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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aufbewahrt wurden, die im Tempel nicht mehr verwendet werden konnten und die ebenfalls zu Schafes Einnahmen gehörten. Er zündete ein solches an und holte^azis der Küche eine zerbochene Untertasse, auf der ein schwarzer Bodensatz sich befand, den er mit etwas Wasser aufweichte, so daß der Brei eine gewisse Ähnlichkeit mit Tinte bekam; aus einem Gänseflügel, der das ganze Jahr als Staubwischer Verwendung fand und am Erew-Pessach zum Zusammenfegen des Chomez' diente, entnahm er einen Federkiel, den er als Schreibfeder zurechtschnitt und schließlich verschaffte er sich noch einen großen Papierbogen, indem er aus Schafes Machsor für Jomkippur das Vorblatt entfernte. Dann ließ er sich am Tische nieder und begann eifrig zu schreiben. Baum blickte ihm über die Schulter und sein Staunen kletterte noch eine Stufe höher hinauf. Klotz bedeckte nämlich das Papier mit Buchstaben des russischen Alphabets in allen möglichen und unmöglichen Zusammensetzungen, ohne jeglichen Zusammenhang, ohne jegliche Bedeutung. Denn auch für Klotz war die russische Sprache ein Buch mit sieben Siegeln und seine Gelehrsamkeit ging nicht weiter als bis zum Hinmalen der einzelnen Buchstaben, wie sie ihm gerade in den Sinn kamen, ohne daß er deren Bedeutung ahnte. Zu welchem Zwecke dieses geschah, mochte der Himmel wissen.- Endlich waren beide Seiten vollbeschrieben und die mühselige Arbeit beendet. „Jetzt fehlt nur noch eins," sprach er, sein Werk mit zufriedenem Lächeln betrachtend. Er begab sich nach dem gemeinsamen Schlafsaal, von wo er nach zwei Minuten mit einem großen, roten, wächsernen Siegel zurückkehrte. „Wo hast du denn dieses aufgetrieben?" fragte Baum, über die Findigkeit seines Gefährten erstaunt, aber auch zugleich beunruhigt. „Du weißt doch, daß Meier Stump eine „Kabolo", eine Autorisation zum Schächten besitzt-ich wünsche nur, er möchte sich irtümlicherweise einmal selbst den Hals durchschneiden-von dieser habe ich einfach das Siegel losgelöst", erwiderte Baum ungerührt, während er das Siegel vorsichtig am brennenden Licht erweichte und an der Stelle befestigte, die er vom Geschreibsel leer gelassen hatte. Jetzt hielt er das Papier auf Armeslänge von sich und betrachtete es mit stolzer Befriedigung. Es war in der Tat eine stattliche, imponierende Sache und einem Dokument eines russischen Dorfschulzen nicht ganz unähnlich. „Soweit wäre nun alles fertig", sprach er weiter, das „Dukement" faltend und in die Rocktasche schiebend. „Jetzt, Baum, willst du mir die drei Rubel bis morgen borgen?" .Baum entnahm schweigend dem Ziegenlederbeutel, der sehr oft als Tabaksbchälter dienen mußte, die einzelnen Münzen, die er dem Freunde einhändigte. „Der Gottesdienst ist jetzt zu Ende, und wir wollen zu Chaskel, dem Trödler, gehen. Vielleicht finden wir dort noch das, was wir brauchen." Ehaskel, ein lustiger Bruder und kein Spielverderber, wenn - es galt, einen lustigen Streich auszuüben, besaß ein „Altes" .Warenhaus, d. h. eine Trödlerbude für alte Sachen, wo nach der Versicherung des Besitzers alles zu Haben war: Schubkarren und geräucherte Heringe, eingerahmte Bilder und srischgelegte Eier, Zylinderhüte und Sauerkraut, Sirup und Federbetten, seidene Kleider und dreibeinige Schemel, kurz alles, was man brauchen konnte, von der Wiege bis zum Grabe. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilunaen. — Arthur Mayer-Brandus. Das gelobte Land. Schauspiel in vier Akten. „Die Bühne", Berliner Verlag 1913. Ein tapferes Buch, so kann man dieses Werk bezeichnen, aber keine Dichtung und leider noch weniger ein Drama. Das Theaterpubliknm ging' gern in dieses Stück, das einige Wochen lang im Deutschere Schauspielhause aufgeführt wurde. Die Herren Rezensenten, von denen ja gar manche Juden oder getaufte Juden sind, machten sich lustig über die Leitartikel und die vielen Reden, an denen das Drama freilich reich ist und wiesen mit aufdringlicher Gelehrsamkeit nach, daß das Stück nicht aus die Bühne paßt. Daß es aber mit dem Herzblut eines wackeren Mannes geschrieben ist, daß es das große Sehnen und den furchtbaren Schmerz ausdrückt, unter dem außer dem Verfasser auch noch viele andere leiden, das ahnen sie nicht. Dieses ist der Inhalt des Stückes: Dr. Karl Lvhnstein, ein ungemein beliebter, äußerst tüchtiger Dozent der Philosophie, ist nach zehnjähriger, erfolgreicher Tätigkeit Professor geworden unter besonderer Bemühung des Dekans der philosophischen Fakultät, des Geheimrat Lehmann. Aber Glicht etwa, nachdem er durch seine schriftstellerischen und akademischen. Leistungen sich als qualifiziert erwiesen, sondern, nachdem er sichjhat taufen lassen. Zu dem Bewußtsein, daß er mit diesem Schritt ein Unrecht getan, kommt er weniger durch eigenes Nachdenken, sondern durch den Abschied eines seiner Schüler, des Sohnes eines Pfarrers, der wegen religiöser Bedenken seine Zugehörigkeit zum Christentum aufgegeben hat und den Schritt des von ihm hochverehrten Meisters nicht begreifen kann, und ferner durch das Verhalten seiner Braut, die aus Pietät beim Judentum beharren will und den Uebergang eines Juden zum Christentum ohne innere Ueberzeugung als Lüge, als Feigheit brandmarkt. Den letzten Anstoß zu seinem selbstgewählten Ende gibt eine Unterhaltung mit seinem Gönner, der liberaler Neichstagskandidat werden will, ferner eine Unterhaltung mit einigen Parteifreunden des Genannten, die ziemlich offen das Gewinnen der reichen Inden zur liberalen Sache als Geschästsknifs ausgebeu, sowie eine Unterhaltung mit Schriftstellern und Künstlern, die Lohnstein zur Sozialdemokratie herüberziehen möchten. Während die Studenten dem zum Professor ernannten, beliebten Dozenten' einen Fackelzug bringen, nmcht der Gefeierte durch einen Pistolenschuß seinem Leben ein Ende. Dieses merkwürdige Thesenstück wird durch manche wirksame Szenen bühnenmöglich: durch eine nette Abendgesellschaft bei dein Professor,, an der der genannte Geheimrat und zwei andere Professoren tcilnehmen, durch ein Gespräch mit einem Jugendfreunde, einem jüdischen Arzte, der die Taufe auss schärfste mißbilligt, durch die Figur eines Amtsrichters Leny (früher Levy), der nicht der Karriere wegen seinen Uebertritt vollzogen hat — denn Amtsrichter hätte er auch als Jude werden können --- sondern in der Hoffnung, durch seine Taufe ein maßgebendes Beispiel für Hunderte zu geben, die nun wirklich zu einer großen geistigen Gemeinschaft mit den christlichen Deutschen sich zusammenschließen würden. Der Verfasser steht aber weder auf seiten der Liberalen, die die Juden nur ihres -Geldes wegen als Helfershelfer brauchen wollen, noch auf seiten des * Karrieremachers, der seinen Glauben als Hindernis wegwirst, und am allerwenigsten auf seiten des sogenannten idealen Täuflings, der im Judentum ein Hindernis sieht, zum vollen Deutschtum zu gelangen. Und gerqde deswegen freuen wir uns des Stückes. Wir schützen es höher als Schnitzlers- Professor Bernhardi, weil es nicht mit überlegener Ruhe, zugleich mit einem Stich ins Frivole, eine halb objektive, halb ironische bloße Zeichnung der Zustände gibt. Wir freuen' uns seiner, weil es in dem gelobten Lande nicht etwa Zion oder Palästina erblickt, weil es nicht die bequeme Mahnung nusspricht — bequem, denn die Ratgeber denken ja gar nicht an sich, sondern nur an andere — in jenen fernen Gegenden ein neues Vaterland zu gründen, sondern weil es unter „Gelobtes Land" das versprochene Vaterland versteht, das Land, dem die Deutschen von Herzen angehören, in dem ihnen das rechtmäßige Verbleiben, die ebenbürtige Stellung mit anderen versprochen ist. Der Verfasser gibt die Hoffnung nicht auf, daß dieses Gelöbnis eingelöst werde und ermahnt die Juden, nach Erreichung dieses Ziels in der Heimat zu streben. So ist das Werk, ohne freilich eine Dichtung oder ein bühnenkräftiges Drama zu sein, ein tapferes Bekenntnis, dem wir gern unsere Zustimmung geben. L. G.