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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-25 · Heft 17 (25.4.1913) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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Handelsgeschäften der russischen Landbevölkerung, trugen die Ehammerower'ihr Anliegen auch einem jüdischen Makler vor, der sie anfänglich eigenartig ansah, schließlich aber ihnen sagte, daß er wohl ein reich sortiertes Lager solcher Lewonos habe, nur müßten sie sich bis zum Abend gedulden, da seine Frau verreist wäre und den Schlüssel zum Speicher mit genommen. -Die Bauern waren zufrieden und verbrachten die Zeit bis dahin in der üblichen Weise, indem sie in einer Schenke eifrig dem Wodki zusprachen. Am Abend führte sie der Jude nach dein Hofrauyr, wo er ihnen in einer mit Wasser gefüllten Tonne einen Prachtvollen Vollmond zeigte, von dem, wie er sagte, der ganze Hof so prächtig erleuchtet wäre. Die Muschiks waren ganz entzückt und nach langem Schachern und Feilschen wurde man handelseins. Sie zahlten die bedungenen zwei Rubel, die Tonne wurde fest vernagelt und auf einen Karren verladen. Nach einer weiteren Herzstärkung machten sie sich auf den Heimweg, wo sie etwa nach vierzehn Tagen wohlbehalten anlangten. Die Freude aller Dorfbewohner war groß, die Erwartung aber noch größer und, um sich die Zeit bis zum Abend zu vertreiben, begaben sich alle nach der Schenke. Endlich war die Pechfinstere, rabenschwarze Nacht hereingebrochen, so daß die Leuchtkraft der gekauften Leibono nur noch viel besser zur Geltung kommen dürfte. Vorsichtig und umständlich wurde die Tonne geöffnet, doch — es war kein Mond zu sehen. Die Tonne wurde nach allen Seiten gedreht und gewendet, das Wasser wurde durch ein Tuch gesiebt, aber es war keine Spur von einem Mond vorhanden. Die Wut und die Entrüstung der Bauern war groß; sie schimpften, sie fluchten, sie jammerten, aber die Lewono ließ sich nicht blicken. Am meisten natürlich schimpften die drei Abgesandten, die steif und fest behaupteten, daß der Jude den Mdnd wieder aus der Tonne geschmuggelt, als sie sich zur Heimreise durch ein Schnäpschen stärkten. Die anderen stimmten dem bei, und seit jener Zeit-darf sich kein Jude in Chammerow blicken lassen. Jetzt, Klotz, wirst du dir wohl von den dortigen Bauern ein Bild machen können." „Wenn sich alles tatsächlich so verhält, so wird uns bald geholfen sein, während den Bauern ihr Judenhaß teuer zu stehen kommen soll. Verstehen sie denn Russisch?" „Russisch? Wer sollte es ihnen denn beigebracht haben? Außer ihrem littauischen Kauderwelsch verstehen sie nur noch das Grunzen ihrer Schweine und das Blöken ihrer Rinder." „Das wäre noch kein Beweis ihrer Dummheit," bemerkte Klotz nachdenklich. „König Salomo verstand auch die Sprache der Tiere und war dennoch ein weiser Mann." „König Salomo verstand die Sprache der Tiere, weil er weise war; die Chammerower aber verstehen die Sprache der Tiere, weil sie zu dumm sind, um etwas anderes zu verstehen", erwiderte Baum. „Wie weit ist es denn nach Chammerow?" „Mit einen: guten Gespann kann man es in zwei Stunden erreichen." Baum hätte gern erfahren, was Klotz eigentlich mit all diesen Fragen bezweckte; da er aber sah, daß dieser keine Aufklärung geben wollte, so hielt er alle weiteren Fragen für vergeblich. „Wir wollen etwas schneller gehen," sprach Klotz, sich aus seinem Nachdenken gewaltsam aufrasfend. „Baum, halte den Kopf hoch," fuhr er ermunternd fort; „wir wollen nicht wie verprügelte Hunde an der Wand schleichen, um nicht den Hallunken Gelegenheit zu geben, sich über uns noch weiter lustig zu machen. Außerdem habe ich jetzt einen mordsmäßigen Hunger." - Baum gab keine Antwort, doch seine Verwunderung nahm zu, als er die Entschlossenheit und Fröhlichkeit in Klotz' Blick und Miene wahrnahm. Was mochte er nur Vorhaben? Der Sabbat gi^rg zü ^nde, und die Menschen eilten nach dem Tempel, um die Vorlesung der Megille mitanzuhören. Von der mißmutigen und wehmütigen Stimmung, die sonst um diese Zeit auf allen Gesichtern erkennbar war, da morgen wieder eine mühevolle, arbeitsreiche Woche begann, war heute keine Spur vorhanden; auch der matte Schritt und das bleiche Gesicht, eine Folge des Fasten-Esters, fehlte heute gänzlich; heute durste man ja mit vollem Magen zur Megille gehen, und das erhöhte ungemein die fröhliche Stimmung. Es war heute eine förmliche Völkerwanderung nach dem Tempel, da ja auch die Frauen zum Anhören der Megille verpflichtet sind, während die Kinder Knarren und Hamanklopser in den Händen trugen, um jedesmal beim Erwähnen' von Hamans Namen einen fürchterlichen Spektakel zu machen, um den Judenfeind symbolisch noch tausendfältig zu. verhöhnen und zu zertrampeln. Jetzt kam auch schon Schaje Pfeifer mit seiner ganzen Garde anmarschiert. Klotz und Baum gingen dicht bei ihnen vorbei, ohne auch nur um einen Zoll zur Seite zu weichen, ohne mit einer Wimper zu zucken, oder auch nur den Kopf zu wenden, als sie die spöttischen Zurufe ihrer lieben Kollegen vernahmen. „Mögen sie nur lachen," sprach Klotz gelassen; „vielleicht gelingt es uns bald in ihr Gelächter ein Loch zu schlagen, daß es etwas heiser und hohl klingen wird."-- Baum sah ihn verständnislos an. „Gehen wir denn nicht nach dem Tempel?" fragte er. „Nein," war die kurze Antwort. „Sie haben doch den Bann über uns ausgesprochen, und den Gefallen werde ich ihnen nicht tun, mich auf der letzten Bank zu den Schnorrern zu setzen. Außerdem habe ich noch eine wichtige Arbeit vor. Die ich nur erledigen kann, während die anderen fort sinöT* Zu Baums Verwunderung gesellte sich jetzt auch noch der Inmut.hinzu. Es würde ihm sehr schwer vom Gottesdienst fernzubleiben; allein gegen Klotz war er „wie Lehm unter des Töpfers Daumen". Bald hatten sie Schaje Pfeifers Wohnung erreicht, die ausdrei Räumen bestand: das Wohn- oder Schlafzimmer für Schaje und seine Frau, die Küche, die auch noch zu vielen anderen Verrichtungen benutzt wurde, und ein geräumiger Heuboden, der den Meschorerim als Schlafsaal diente, wo alle auf Strohsäcken lagen, oder sonst irgend etwas, was man mit gut entwickelter Phantasie als Schlaf- - gelegenheit hätte betrachten können. „Zunächst wollen wir etwas Eßbares suchen," sagte Klotz mit Galgenhumor. „Mein Magen knurrt fürchterlich; sicherlich, weil er weiß, daß heute nicht Ester-Taanis ist." Das Suchen war leicht, nur das Finden gestaltete sich etwas schwierig. Schajes Frau war als sehr ökonomisch bekannt — die Nachbarn nannten sie sogar geizig — und hielt alles unter Schloß und Riegel. Aber, „Suchet, so werdet ihr finden", haben unsere Weisen schon lange vor Entstehung des Neuen Testaments behauptet, was sich auch hier wieder bewahrheitete. Klotz besaß ein eigenartiges Talent zu suchen, und so entdeckte er bald ein loses Brett in der Rückwand des Speiseschrankes, dem er bald eine halbe Challe, zwei Heringe und einen großen Rettich entnahm. Schweigend, aber heißhungrig wurde alles verschlungen, doch Klotz' Gehirn blieb auch dabei nicht untätig. „Ach," seufzte er, nachdem er den letzten Bissen verschlungen: „wäre ich doch bloß nicht ein solcher Vielfraß, dann hätte ich noch eine Weile länger essen können! Aber es ist gut so," tröstete er sich wieder. „Ern voller Magen schasst einen trägen Sinn, und ich habe doch noch eine große Arbeit vor mir." Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Am Himmel erschienen drei Sterne, um dem scheidenden Sabbat das Ehrengeleit zu geben. Klotz wußte auch, wo die Lichtstümpfchen

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