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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-25 · Heft 17 (25.4.1913) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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bekannt macht, ihm an der Hand dieser Arbeiten die Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Gegenwart und mit gewissen Anschauungen, die von der Mehrheitsreligion bewußt oder unbewußt in das Denken.und Empfinden unserer Zeit übernommen worden sind, ermöglicht oder doch erleichtert. Denn so verfehlt, ja verwerflich jede Polemik gegen andere religiöse Anschauungemstni Religionsunterricht ist, so unerläßlich ist der positive Aufbau und die klare Abgrenzung, so unvermeidlich bei der Darstellung grundlegender Lehren des Judentums der Seitenblick auf die entsprechenden christlichen Lehren. Es sei hier nur, um ein einziges Beispiel herauszugreifen, an den ganzen Komplex der Lehren von Sünde und Sühne erinnert. Ebenso unmöglich aber ist es, an den übrigen bewegenden Ideen der Gegenwart oder an weit verbreiteten Anschauungen vorüberzugehen. Glauben und Wissen, Monismus, Entwicklungslehre sind nur einige dieser Fragen, zu deren rechter Behandlung der Schüler angeleitet werden soll. Die Apologetik kann nun einmal nicht ausgeschaltet werden. Dabei wird wiederum'eine Sammlung von kürzeren Aufsätzen, einem einheitlichen Werke vörzuziehen sein. Schon die Geschlossenheit der einzelnen Abhandlungen, die Abwechselung, die die verschiedene Schreibweise, da und dort auch die verschiedene Auffassung der Verfasser dem Leser bietet, ist förderlich. Vor allein wird das Denken, die Selbsttätigkeit des Schülers lebhaft angeregt. Und noch eines ist wertvoll. Die Schüler werden mit einem Teil dieser religionswissenschaftlichen Literatur bekannt gemacht und dazu angeregt, die Bücher selbst zur Hand zu nehmen. Ein solches Buch hat vor wenigen Monaten der Nürnberger Rabbiner Dr. Freudenthal unter dem Titel „R eligi o n s buch für den isra elitis ch en Religionsunterricht an den Obe.rklassen der G y m n a s i e n u n d Töchterschulen" im Verlage der Friedr. Kornschen Buchhandlung in Nürnberg erscheinen lassen. ' , r- . . . * Der Titel des Büches ist nicht ganz korrekt. Es ist ein Lesebuch für. den Religionsunterricht an den Oberklassen, und ich hätte es lieber gesehen, wenn es unter diesem Titel veröffentlicht worden wäre. Doch das ist eine geringfügige Ausstellung. Gewiß wird jeder sachverständige Leser mancherlei Wünsche haben, manches Stück, das hier fehlt, gern ausgenommen sehen, das eine oder das andere auch ohne sonderliches Bedauern missen. Der Verfasser selbst bittet im Vorwort um derartige Hinweise, und es ist selbstverständlich, daß ein erster Versuch nicht etwas Vollkommenes darbieten kann. Aber alles dies von vornherein zugegeben, so ist festzustellen, daß die Auswahl tatsächlich Aufsätze aus den besten Werken der besten Autoren auf diesem Gebiete enthält. Daß der Aufnahme manches anderen wertvollen Stücks die Rücksicht auf Umfang und Preis des Buches entgegenstand, ist für jeden Einsichtigen ohne weiteres klar. Ich bedaure außerordentlich, daß Schreiners „Idee des Martyriums im Judentum"^) fehlt, sind daß von den zahlreichen, fast durchweg vorzüglich geeigneten Aufsätzen in Schechters Lome Aspects of Rabbinic Theologie2) nicht ein einziger Verwendung gefunden hat. Es würde E- B. Schreiners Abhandlung eine wertvolle Ergänzung, Erweiterung und Vertiefung von S. R.Hirschs Aufsatz über-den Wert der Leiden gewesen sein, und eine der Schechterschen Abhandlungen über das „Gesetz" wäre das Korrelat zu Moses Mendelssohns Ausführungen in dem Aufsatz „Glaube und Gesetz". Ueber die Berechtigung der Ausnahme der Mendelssohnschen Abhandlung möchte ich ernste Zweifel aussprechen. Freudenthal selbst sucht sie im Vorwort mit ihrer „literarhistorischen Bedeutung und mit der Bezugnahme darauf in anderen - •*) Die jüngsten Urteile über das Judentum. Anhangs S. 167 ff. 2) Oder auch die Abhandlung über. die jüdische Lehre von der Vergeltung im ersten Teil der Ltuäies in Judaism. 199 _____ Aufsätzen" zu rechtfertigen. Jedenfalls widerspricht sie dem Plane des Buches; ich lasse sie. trotzdem deshalb gelten, weil wir ein geschichtliches- Lesebuch, in das sie gehört haben würde, bisher nochmicht besitzen. Ein Teil dieser Abhandlung ist in dem kürzlich erschienenen ersten Heft der „Denkmäler jüdischen.Geistes" äbgedruckt; vielleicht kann aus diesem Grunde bei. einer Neuauflage auf diesen'Aussatz verzichtet werden. Sieht man aber von derartigen einzelnen Ausstellungen und Wünschen ab, so wird man im allgemeinen die Auswahl als eine sehr glückliche und wohlgelungene und im Sinne und gemäß dem Zweck des Buches vollständige bezeichnen müssen. Schon die Tatsache allein, daß die wundervollen Auffätze von Steinthal über die Andacht und über das auserwählte Volk, von Cohen über Feindesliebe und über Judentum Und Staat, von Lazarus über die jüdische Sittenlehre^) den Schülern zugänglich gemacht werden, genügt, um das Buch als für die Zwecke des Unterrichts wertvoll anzuerkennen. Aber alle dargebotenen Abhandlungen sind mehr oderminder stark überarbeitet worden. Durchweg sind Schwierigkeiten philosophischer Auseinandersetzung gemildert, vielfach ist die wissenschaftliche Terminologie und damit der Reichtum an Fremdwörtern durch deutsche Ausdrücke ersetzt, wenngleich nach dieser Richtung für eine neue Bearbeitung noch manches zu tun übrig bleibt. Die allzu umfangreichen Auseinandersetzungen sind mit außerordentlichem Geschick gekürzt worden. Wer z. B. die aus Baecks. „Wesen des Judentums" aufgenommenen Stücke mit dem Original vergleicht, wird dix große Geschicklichkeit anerkennen, mit der Freudenthal fast ohne jede Abänderung des Textes ganze Absätze fortgelassen hat, die sür den Zweck des Schulbuches ein Ablenken von dem Hauptgedanken darstellen, oder Umstellungen vorgenommen hat. Für den Schüler werden Baecks Ausführungen erst in dieser Darbietung recht nutzbar. Noch andere Abhandlungen sind aus Ausführungen verschiedener Verfasser zusammengesetzt oder durch Er- 'hänzungen des Herausgebers erweitert. Hier waren Schwierigkeiten, die die verschiedene Schreibweise bot, zu beseitigen, und man muß anerkennen, daß dies dem Herausgeber im allgemeinen durchaus gelungen ist. Die 24 Abhandlungen sind in sechs Abteilungen gegliedert: Religion, Judentum, religiöse Ideen, religiös-sittliche Ideen, die innere Aufgabe, die äußere Stellung. Diese sechs Abteilungen umfassen so den ganzen Komplex der religiösen Fragen. Für die Schüler sind manche der Abhandlungen wohl immerhin noch zu abstrakt und zu schwierig. Aber es kann und soll nicht der Zweck des Buches sein, lediglich eine geeignete Privatlektüre sür die Schüler zu bieten. Hier hat die Tätigkeit des Lehrers einzusetzen, hier vermag der Lehrer an der Hand dieser Aufsätze den Schüler zu leiten und ihn in das Gebäude religiösen Denkens einzuführen, Schwierigkeiten zu beheben und die Ehrfurcht vor menschlicher Gedankenarbeit und vor den ewigen Ideen des Judentums zu erwecken. Das Buch hat aber gerade darum einen weiteren Vorzug. Wie alles wirklich Gute, das für die Jugend geschrieben ist, auch den Erwachsenen lesbar und wertvoll sein muß, so bleibt dies Buch dem jungen Menschen über die Schulzeit hinaus. Die erfreulicherweise jetzt . bereits' ziemlich reiche jüdische religions-wissenschaftliche Literatur ist der großen Mehrzahl unserer Gebildeten denn doch fremd. Wer besitzt alle die Bücher von Baeck, Cohen, Wogen, Geiger, Güdemann, Hirsch, Köhler, Philippson, Steinthal u. a.! Aber wie wertvoll ist es, unseren Gebildeten ein gutes Buch mit Abhandlungen dieser Autoren über die jüdische Religion in die Hand geben zu können, ein Buch, das durch seinen geringen Umfang und seinen billigen Preis geeignet ist, Aufklärung über *■) Die Titel der Aussätze sind nach dem Freudenthalschen Buche angegeben. ' .v

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