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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-25 · Heft 17 (25.4.1913) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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Die hiesige Handelshochschule, die vor einigen Jahren aus einem Privatinstitut in eine staatliche Anstalt umgewandelt wurde, wird von 1700 jüdischen Stcrdenten und Studentinnen besucht. Bei der llebernahme der Handelshochschule in staatliche Verwaltung hatte die Negierung in die Satzungen der Anstalt eine Bestimmung eingesügt, wonach für die Aufnahme jüdischer Studierender eine Prozentnorm -mit rückwirkender Kraft festgesetzt wird. Die 1700 jüdischen Handelshochschüler waren infolgedessen mit einem Schlage aus der Anstalt ausgeschlossen. Nach jahrelangen Kämpfen gelang es ihnen durchzusetzen, daß sie wenigstens als „freie Hörer" zugeläfsen wurden. Jetzt erklärten aber die Kiewer Behörden, daß sie als freie Hörer nicht das Wohnrecht in Kiew besäßen und die Stadt verlassen müßten. Wieder begann ein langwieriger Rechtskampf und die Anrufung höherer Instanzen. Allein alle Vorstellungen und Bitten der bedauernswerten jüdischen Studenten blieben erfolglos: Vor einigen Tagen erhielten sämtliche „wohnrechtslosen" freien Hörer und Hörerinnen die polizeiliche Aufforderung, innerhalb einer kurzen Frist die Stadt Kiew zu verlassen. In letzter Stunde wurde beim Generalgouverneur ein zeitweiliger Aufschub der Ausweisungen erwirkt, doch ändert dies nichts an der Tatsache, daß 1700 jüdische Lernbeflisseue, die seit Jahren in Kiew ihren Studien obliegen, in den nächsten Monaten gezwungen sein werden, ihr StuhWm plötzlich zu unterbrechen und die „heilige" Stadt zu verlassend * Die „Aurore" berichtet, daß man in S m tj r n a wieder das Märchen von einem R i t u a l m o r d zu verbreiten gesucht hat. Eine griechische Mutter vermißte ihr Kind. Sofort stieß ein Schmiedegeselle den Ruf aus, die Juden hätten das Kind gestohlen, um es zu schlachten. Es kam zu drohenden Zusammenrottungen; glücklicherweise wurde das Kind von der Polizei wohlbehalten gefunden und der Mutter zurückgegeben. Der Schmiedegeselle wurde verhaftet. Dasselbe Blatt meldet auch, daß gelegentlich der verabfcheuenswürdigen Ermordung des Königs von Griechenland in Saloniki .Anklagen seitens vornehmer Griechen laut wurden, die Juden seien an diesem Verbrechen schuld. Auch hier hat sich die völlige Unwahrheit des Geredes heraus- - gestellt. Aber die Juden in Saloniki fürchten beständig einen neuen Ausbruch des Hasses der Griechen. Lrirk sus China. Von Bruno Schindle r. nbei erlaube ich mir. Ihnen ein Memorandum 51t übersenden, das ich ausgearbeitet und an die jüdische Gemeinde zu Schanghai gerichtet habe, und bitte Sie um einen Abdruck desselben in Ihrem geschätzten Organ. Es handelt sich um eine Hebung der Juden im fernen Osten. Meine Absicht ist zunächst aus Schanghai gerichtet. Was hier not tut, ist eine feste Organisation. Die Schanghaier Gemeinde setzt sich aus den verschiedensten Elementen zusammen: Sephardim (meistens aus Bagdad und Bombay), Aschkenazim (meistens Deutsche und Engländer auf der einen und Russen resp. Galizier, Rumänen aus der anderen Seite). Die Sephardim und die deutschen Aschkenazim sind sozial sehr hochstehend und zählen zu den ersten Finanziers am Platze, während bei den Russen usw. dies nicht der Fall ist. Im Gegenteil gehören sie einer sehr niedrigen gesellschaftlichen Stifte an, sind meistens sibirische Flüchtlinge oder sonst nach hier verschlagen. Die Kluft zwischen Sephardim und Aschkenazim ist ungeheuer und dazu kommt noch, daß die deutschen Juden, die nach hier kommen, sich als solche sehr selten zu erkennen geben. So hat Schanghai trotz der reichen Leute (und Schanghai ist vielleicht eine der reichsten jüdischen Gemeinden) keine Synagoge, keinen Rabbiner, keine würdige Schule. Mein Bestreben war nun darauf gerichtet, alle Kräfte zu vereinen und alles zu tun, um das geistige und sittliche Niveau der vom materiellen Geist angefaulten Juden, denen zumeist eine europäische Bildung abgeht, zu heben. Alsdann möchte ich um Schanghai als Zentrale die Gruppen von Penang, Singapore, Hongkong, bis oben hinauf nach Tientsin und Peking (inkl. Philippinen und Japan usw.) bringen, um so eine kompakte Masse zu haben, die jedem Ansturm des jetzt auch in China durch die amerikanischen Missionäre und deren bekehrte chinesische Freunde eingesührten Antisemitismus zuvorkommen kann. Dieser mein Gedanke hat in Schanghai überall freudige Aufnahme gefunden, und man arbeitet eifrig an einem Zustandekommen meines Projektes. Ich nehme an, daß Sie durch Ihr wertes Organ Ihr Bestes tun werden,, um die mannnigsachen deutschen Juden, die hier in China, zum Teil in Schanghai seihst ansässig sind, oder zumindest eine Filiale ihres Unternehmens Haben oder auch sonst durch Export- bzw. Importgeschäfte mit Schanghai eng verbunden sind, an ihre jüdische Pflicht und Schuldigkeit zu erinnern. Die Denkschrift lautet: „Wir haben Ihnen die folgenden Tatsachen vorzulegen und betrachten es als unsere Pflicht, diesen Schritt zu unternehmen, denn die gegenwärtigen Umstände sind derartig, daß ein weiterer Aufschub Veranlassung sein würde, den Zustand des jüdischen Lebens auf ein viel, niedrigeres Niveau zu bringen. Es ist Ihnen bekannt, daß, als der Hafen von Schanghai zuerst dem Handel eröffnet wurde, die Zahl der Glaubensgenossen sehr klein war, da sie aus zwei führenden Kaufleuten und ihren Assistenten bestand. Ihre Zahl vermehrte sich nach und nach, bis im Jahre 1875 ein Platz zeitweise zu dem Zwecke gemietet wurde, um darin die gewöhnlichen, periodischen gottesdienstlichen Hebungen abzuhalten. Der Zufluß der Juden in Schanghai ist dauernd aus allen Teilen der Welt gewesen, besonders aus Rußland, Indien und anderen Teilen Asiens. Diese neu Hinzugekommenen, einander meist fremd, bildeten.verschiedene Sektionen und Abteilungen in der Gemeinde, wie Sephardim, Aschkenazim (Deutsche, Franzosen, Amerikaner, Russen, Engländer, Indier usw.). Einige von ihnen kamen hierher mit der Aussicht, Arbeit zu leisten, während andere Flüchtlinge waren aus Rußland und anderen Orten. Die soziale Lage dieser neuen Bewohner in Schanghai ist gewöhnlich unsicher, und das sich daraus ergebende Resultat ist, daß eine gleiche Unterscheidung unglücklicherweise in den religiösen Angelegenheiten der Gemeinde herrscht. Da die Zahl der jüdischen Einwohner in Schanghai angewachsen ist, wurde es nötig, andere Synagogen zu mieten, aber sie sind für die wachsenden Bedürfnisse der Gemeinde zu klein. Es sollte nicht länger erlaubt werden, daß die Dinge in dieser Weise fortgehen, besonders jetzt nicht, wo Schanghai der ' hauptsächlichste Hasen in China geworden ist und sehr schnell anwächst; darum sollten Schritte unternommen und es sollte etwas getan werden, um die religiöse Lage der jüdischen Gemeinde in Schanghai zu verbessern. Es kann nicht geleugnet werden, daß das, was am nötigsten ist, ein religiöses Haupt ist, welches die verschiedenen Sektionen in Schanghai zusammen fassen und sie zu einer harmonisch arbeitenden Gemeinde vereinigen kann. Solch ein Mann muß natürlich im Hebräischen sehr unterrichtet sein und große Kenntnis der modernen Kultur besitzen. Er muß ein Mann von großer Beredsamkeit, von hohen Prinzipien und großem Takt sein, damit er fähig sei, der Gemeinde vorzustehen und ihren religiösen Zustand zu verbessern. - Die Erziehung der jüngeren Generation, besonders bei den weniger glücklichen Teilen der Gemeinde, ist auf einem sehr

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