Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 16 -'i Der Gemeindevote. Berlin, 18. April 1913 Deklase zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Sorrelyondknrm und Kschrtchtm. DrutWand. y. Berlin, 15. April. Im Gemeindehaus, Rosenstraße, tagte am 13. d. M. eine von fast allen Bezirkskomitees, besonders auch den süddeutschen, beschickte Versammlung, in der sich die „F r e i e.O rganis a t i o n der deutschen Mitglieder der Alliance Jsraslite Universelle" definitiv konstituierte. Eröffnet wurde die Versammlung von dem Vorsitzenden des Bezirkskomitees Berlin-Brandenburg, Herrn Dr. I. Ginsberg, der die Erschienenen mit herzlichen Worten begrüßte und unter Hinweis auf die erfreulicherweife beendeten Kämpfe der Hoffnung Ausdruck lieh, daß sich die Entwicklung der Alliance in deutschen Landen nunmehr wieder in aussteigender Linie vollziehen werde. Er gab sodann ein Bild von der neuen freien Organisation, die als die Spitze der acht Bezirkskomitees, in die Deutschland eingekeilt ist, gedacht ist. Bon Herrn Senator Fischer-Hannover, der durch Unpäßlichkeit am Erscheinen verhindert war, lagen mehrere schriftliche Anträge vor, die fast alle mit nur geringen Modifikationen angenommen wurden. Die Versammlung beschloß hierauf, daß der Vorstand der Freien Organisation nur aus fünf Personen, einem Vorsitzenden, dessen Stellvertreter und drei Beisitzern bestehe. Zum ersten Vorsitzenden wird hieraus einstimmig Herr Dr. Isidor Ginsberg gewählt. Als stellvertretender Vorsitzender wird gleichfalls einstimmig Professor Dr. Kali sch er und zu Beisitzern die Herren Senator Fischer- Hannover, Rechtsanwalt Bärwald - Frankfurt a. M. und Dr. Braun- Breslau gewählt. Dann wurde in die Beratung des zweiten Punktes der Tagesordnung „Propaganda" eingetreten. Der Vorsitzende teilt mit, daß ein Zirkular an alle deutschen Mitglieder der Alliance versandt werden soll, das auch bereits im Manuskript vorliegt, aber nicht die Zustimmung der Versammlung findet. Herr Rechtsanwalt B ä r w a l d- Frankfurt, der ein sehr zugkräftiges Exposs über den Inhalt eines solchen Rundschreibens gibt, wird nun beauftragt, die ausgesprochenen Gedanken in abgekürzter Form niederzuschreiben und den Entwurf des Flugblattes vorzulegen, der dann den einzelnen Bezirkskomitees zur Begutachtung und Aeußerung etwaiger sonstiger Wünsche vorgelegt werden soll. Sodann wurden - bezüglich der Propaganda die folgenden Anträge des Herrn Dr. M arc n s, des Leiters des Deutschen Bureaus der AJU., angenommen: „1. Die bestehenden deutschen Bezirks- und Lokalkomitees sind straffer zu organisieren. Wo derartige Komitees noch, nicht bestehen,, sind solche einzurichten. Ueber die Zweckmäßigkeit entscheidet der Vorstand des Bezirkskomitees, zu dem der Ort gehört. 2. Eine allgemeine Propaganda für die Werbung neuer Mitglieder ist seitens aller Komitees in die Wege zu leiten. Die Propaganda soll-mit Aufrufen und Rundschreiben einerseits und mit Versammlungen und Vorträgen andererseits einsetzen. Die Vorträge sind von den Vororten der Bezirkskomitees mit Hilfe des Deutschen Bureaus zu organisieren. Als Redner wären die in den Bezirken wohnenden Rabbiner und Lehrer zu gewinnen. Nötigenfalls wird vom Deutschen Bureau der AJU. ein Redner zur Verfügung gestellt. 3. Jedes Bezirks- oder Lokalkomitee, ist berechtigt, von dem Deutschen Bureau der AJU. schriftliche Arbeiten für die Förderung der Organisation und Popaganda zu verlangen. 4. Alle Komitees haben dem Deutschen Bureau der AJU. alljährlich bis Ende Oktober ein namentliches Verzeichnis ihrer Mitglieder, bis Ende Dezember eine Bilanz ihrer Einnahmen und Ausgaben zuübermitteln." Alsdann wurde noch ein Antrag des Herrn Senator Fischer angenommen, in welchem die Erhaltung eines guten Verhältnisses zu allen . jüdischen Organisationen als ein unbedingt zu erstrebendes Ziel bezeichnet wird. Insbesondere wünscht, die Freie Organisation mit dem „Hilfsverein der deutschen Juden" in freundschaftlichen Beziehungen zu bleiben. Diese Resolution soll dem Hilfsverein der deutschen Juden zur Kenntnisnahme übermittelt werden. Mit herzlichen Dankeswo'rten und dem Versprechen, seine ganze Kraft, in den Dienstdes ihm anvertrauten Ehrenamtes zu stellen, schloß der Vorsitzende nach dreistündiger Dauer die Tagung' welche den. definitiven Zusammenschluß derdeutschen Mitglieder der A l l i a n c e h e r b ei g e s ü h r t hat. ### Berlin, 15. April. In der soeben erschienenen Apriluummer des Gemeindeblattes wird folgender beachtenswerter Be» schluß des Gemeindeborstandes bekauntgegeben: Aus den Kreisen der Besucher der Alten Synagoge ist wiederholt-der Wunsch ausgesprochen worden, daß dett Knaben, die nach Vollendung des '13. Lebensjahres, zum erstenmal feierlich zur Thora aufgerusen werden, in der früher herkömmlichen Weise-gestattet werden möge, einen Abschnitt aus der Thora sowie den Prophetenabschnitt (Haftara) selbst zu verlesen. Dieser" in kleineren Gemeinden wohl überall noch herrschende Brauch ist in dett Synagogen unserer Gemeinde seit längerer Zeit nicht mehr üblich. Die Thora wird vom Kantor, der Prophetenabfchuitt von dem Rabbiner vorgetragen. Der Vorstand der Gemeinde hat nunmehr beschlossen, daß in der Alten Synagoge diejenigen Knaben, die bei einem der in dieser Synagoge amtierenden Rabbiner ihre Befähigung erweisen, an dem Sabbat ihrer Barnnzwafeier einen Abschnitt ans der Thora sowie den Prophetenabschnitt in der hergebrachten Weise selbst vortragen dürfen. L2 Berlin, 15. 2lpril. Am letzten Sonntag fand die 29. Generalversammlung des Vereins „Freunde der Taubstummen" (Jedide Jlmim) im Brüdervereinshause statt. Der erste Vorsitzende des Vereins, Geheimer Sanitütsrat Dr. I. Boas, eröffnete die Versammlung und gab einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Vereins im verflossenen Vereinsjahr. Er führte aus, daß die vom Verein „Freunde der Taubstummen" in Berlin-Weißensee unterhaltene Anstalt vom 1. April 1912 bis 1. März 1913 von 44 Kindern besucht war. Diese wurden in Gemeinschaft mit noch dreien nicht in ' der Anstalt wohnenden Kindern in allen Fächern der Volksschule und auch in Hebräisch unterrichtet. Der Lehrgang der Schule erstreckt sich über acht Jahre. Die Kinder gehen durch sechs Klassen, von denen die untersten vier einstufig sind. Die Schule untersteht, dem ältesten jüdischen -Taubstummenlehrer, Herrn K o l o d z i n s k y , der von fünf Lehrern und zwei Lehrerinnen unterstützt wird.' Die Erziehung der Kinder leitet Frau Direktor Reich, der ihre Tochter und eine Erzieherin zur Seite stehen. Der Vorsitzende erwähnte dann den günstigen Gesundheitszustand der Zöglinge und wies im weiteren Verlaufe seines Berichtes ans die großen Vorteile hin, die das neue Gesetz über die Beschulung taubstummer Kinder vom 7. August 1911 für den Verein mit sich bringe. Das neue Gesetz, das am 1. April 1912 in Kraft trat, bestimmt unter anderem, daß die Kommunen für das Schulgeld der in ihrem Bezirke wohnenden armen Kinder auszukommen haben. So hofft der Verein, daß die Stadt Berlin für die in der Anstalt weilenden Berliner Kinder das ihrige beisteuern werde. Der Referent besprach dann das für den Verein so schwere Baujahr. Rund 147 000 .Mark hätte der Erweitevungs- und Neubau verschlungen, wovon nur 126 000 Mark, allerdings aus eigenen Mitteln, gedeckt seien. Den Betrag für das neugekaufte Gartenland dazu gerechnet, hat der Verein neben seinen sonstigen enormen Lasten noch eine Hypothek von 66 000 Mark zu verzinsen. Die finanzielle Lage des Vereins sei keine beneidenswerte. „Aber im Vertrauen auf die opferfreudigen Herzen unserer Mitglieder und unserer Glaubensgenossen," so schloß der verdienstvolle Leiter des Vereins, „sehen wir dem neuen Vereinsjahre getrosten Mutes entgegen." . Der zweite Punkt der Tagesordnung, die Entlastung des Vorstandes, fand rasche Erledigung nach Anhören der Revisoren. Der dritte Punkt der Tagesordnung, die Bewilligung-'des Etats, fand ebenfalls rasche Erledigung; denn alle Voranschläge wurden einstimmig angenommen. Demnach balanciert der Etat zwischen 65 000 und 60 000 Mark. Das ist bei einem privaten Wohltätigkeitsverein eine respektable Summe. Nun ergriff der zweite Vorsitzende des Vereins, Herr Ludwig Ginsberg, das Wort, um in herzgewinnender Rede die großen Verdienste des ersten Vorsitzenden zu schildern,, .der trotz seines Alters von 80 Jahren noch immer seine ganze Kraft dem Vereine widme. Sein Vorschlag/ihn zum Ehrenmitgliede des Vereins zu er-' nennen, wurde einstimmig angenommen. Geheimrat Boas dankte tiesgerührt und gelobte, weiter, wie bisher, seine Kräfte in den Dienst der guten Sache zu stellen. Indem erdas ihm überreichte Diplom annahm, sagte er: „Ich will bis zu ' meinem letzten