Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Doch^ wohin wir immer trieben/ - 7 Eins ist stets bei uns geblieben, Dieses Eine war ein Buch. Unsre großen Helden starben. Unsre Könige verdarben, Unsres Tempels Mauer fiel, Doch lebendig wie vor Alters Sind die Lieder unsres Psalters^ Denn der Geist kennt kein Exil. Lausch' erschauernd der Erzählung 'Don des kleinen Volks Erwählung Und von der Äeghpter Tod- , . Doch es werde das Verzeichnis All der Plagen dir zum Gleichnis Dessenwas der Menschheit droht! . In dem Meer von Not und Leiden,, Sieh, wie sich die Wasser scheiden, Stark inmitten zieht der Held; Kein Geschick kann ihn bezwingen^ Werk des Geists, es muß gelingen, Denn dem Geist gehört die Welt. Merk' es, Kind, noch nicht beschieden Ist den Kämpfenden der Frieden, Doch ihr Glaube ist gefeit: Alles Größte, das geschehen, Ist nicht'mehr, als leises Wehen Von dem Großen künftiger Zeit. Jene Zeit mitzubereiten. Ist das Ziel, dem wir uns weihten. Ist das Werk, das unser harrt. Schöpfen drum aus den Berichten, Aus den bunten Weltgeschichten , Trost für trübe Gegenwart. Gib', o Sohn, dich nicht dem Heute, Nicht dem Gestern gar zur Beute, Vorwärts zeigt des Lebens Bahn; Väter-Erbe, das verwaiste. Nimm es auf in ihrem Geiste, Es zu mehren, tritt es an! Lern' aus Tag und Zeit erkennen, Was wir heut' Aegypten nennen, Was als Kanaan uns gilt; Lies im Buch, das wir gerettet, Wie sich Gott darin verkettet Mit der einen Menschheit Bild! Fasse Mut, die dunklen Zeiten Frei und kühn zu überschreiten, Wähl' zum Kampfplatz dir die Welt, Zum Geschütz dir den Gedanken/ Niederwerfend alle Schranken,' Bis dereinst die letzte fällt! Bis erfüllt die alten Lieder Und die Menschen all als Brüder Unter einem Gott vereint. Bis geendet jede Plage, , Bis verstummt die letzte Klage Und kein Menschenaug' mehr weint. Emil Spiegel, Prag. 192 H e r r R e d ä k t e u.r! Nach längerer Abwesenheit nach Hause-zurückgekehrt, kann ich erst heuteauf die Notiz in Nr. 7, Seite 82, Zurückkommen, in -der Sie über, angebliche literarische Tätigkeit des Nikolaus Flamellus zugunsten der Juden sprechen. Der gleiche Bericht war. wohl auch' dem.Berliner Lokalanzeiger entnommenin' der „Oesterreichischen Wochenschrift", 1912, Nr. 32 zu lesen. In derselben Zeitung, Seite. 681 desselben Jahrgangs, findet sich eine Berichtigung aus meiner Feder. Ich weise dort auf „La Grande Eiicyclopedie“ hin, wo ebenfalls das Gerücht, als hätte sich Nikolaus Flamellus an dem Grundeigentum der 139-1 aus Frankreich vertriebenen Juden bereichert, als Unbewiesen bezeichnet wird. (Ön a pretendu sans le prouver). In demselben Artikel wird gesagt, daß Nikolaus Flamellus überhaupt nichts geschrieben hat. „Tändis qli’on connäit ün gräiid nombre d’oeuvres dfe Sön freie, Jeän Fiäinel, iä signätüre de Nicholäsi FläMel ne se rentoptre päs. Es hat demnach Nikolaus Flämel kein Werk zugunsten der Juden verfaßt. Auch in dem Artikel über Jean Flämel steht nichts von einer literarischen Tätigkeit zugunsten der Juden und weder in Leon Kahns „Ges lluils de Paris“ .noch in dem Artikel „France“ in „Jewish Encyclopedia“ findet sich der Name der Brüder Flämel erwähnt. Der Bericht ist also höchst wahrscheinlich Legende. Zu den Notizen über die Geschichte der Juden in Treviso, Seite 83, Nr. 7, sei mir gestattet, auf eine Notiz in G. Wolfs Aktenstücken zur Geschichte der Juden in Steinschneiders Hebräischer Bibliographie VI» 67, hinzuweisen, wo es heißt: „1492, 30. July: Die Rädelsführer des Aufstandes gegen die Juden in Treviso, deren Häuser und Shnogogen zerstört wurden, sollen gestraft werden." Wolf hat, ohne den Fundort zu neunen, wahrscheinlich nur die Eintragungen in den Registraturen österreichischer Archive von Akten, die Juden betreffend, abgeschrieben. Vertreibungen jüdischer Gemeinden aus einzelnen Städten und ganzen Provinzen waren im fünfzehnten Jahrhundert die Regel. Der Bericht, daß ein Jude verurteilt wurde, ein Kreuz Jur Sühne begangener Gotteslästerung zu stiften, ist jedenfalls keine Ausnahme. David Norsa aus Mantuahatte im Jahre 1495 ein Haus gekauft, auf dessen Wand ein Muttergottesbild gemalt war. Obwohl 'er von dem Bischof die Erlaubnis erhalten hatte, das Bild zu entfernen,' entstand darüber eine solche Aufregung unter dem Pöbel, daß Norsa mit Mühe sein Leben rettete. Herzog Francesco Gonzaga, der damals die italienischen Truppen im Kriege gegen Karl VII. von Frankreich befehligte, gab dem Maler Montegna den Auftrag, ein Bild zur Verherrlichung des Sieges von Fornovo, 6. Mai 1495, zu malen, wofür die Juden bezahlen mußten. Das Bild heißt „Nöstra Signora della Vittoria“ und zeigt vier Juden, welche andächtig zur Madonna aufschauen. Es wurde 1799 von den Franzosen nach Paris geführt und befindet sich jetzt im Louvre. Aehnliche Fälle dürften auch sonst noch vorgekommen sein. Mir ist erinnerlich, daß sich auf der Karlsbrücke in Prag ein Kruzifix, mit der hebräischen Aufschrift WVlp t&llp befindet, cur dessen Sockel eine Widmungstasel erzählt, das Kruzifix sei von Juden zur Sühne für die Lästerung der heiligen Dreifaltigkeit errichtet worden. Ob darüber irgendwo Näheres berichtet ist, ist mir nicht bekannt. Der Artikel „Prague" in „.Jewish Encyclopedia“ enthält nichts darüber. Einigermaßen ähnlich ist ein Fall, der sich vor etwa dreißig Jahren in Brünn ereignete. Dort besaß die jüdische Firma Brüder Brück eine Dampsmühle, an deren Außenwand noch von der Zeit eines früheren-christlichen Eigentümers ein Heiligenbild gemalt war. Die < Dampfmühle branntenieder, und die jüdischen Besitzer ließen, wohl aus Furcht vor der Stimmung dcr Arbeiter, bei dem Neubau der Mühle auch das Heiligenbild wieder Herstellen, Ergebenst Gotthard Deutsch. Cincinnati, Ende März. -