Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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m gewicht fand, ob der Rausch nicht verging wie ein anderer Rausch. Er wollte sich prüfen. Nach mehreren schlaflosen Nächten und durchkämpften Tagen fand er, daß sich nichts in ihm ändere. Er war im Grunde ein wenig komplizierter Charakter. Was er begehrte, nach dem streckte er die Hände aus,, und hätte er sie dabei auch verbrannt. Uebrigens hatte er nichts zu befürchten. Er war wohlhabend, unabhängig, der Prinz, in dessen Dienst er stand, ein geistvoller liebenswürdiger Mensch, der ihm gern den Abschied bewilligen würde, wenn er ernsthafte Gründe dafür anführte. Und wenn er sich aus seine Güter zurückzöge, um fern der Gesellschaft nur seinem Glück zu leben? Wen ginge es etwas an? Zu allem entschlossen, stürmte er nach dem Keller hinab, riß den Vorhang zurück und trat in die Wohnung der Favollas. Jan kam ihm bestürzt entgegen. „Rust eure Tochter," sagte Gentillot erregt. „Meine Tochter? Weshalb? Was wollt ihr von ihr?" „Ich will sie zur Frau nehmen." Favolla erbleichte. „Ist das — euer Ernst?" Gentillot brauste auf. „Meint ihr, ihr reiztet mich- Scherze zu machen?" „Verzeiht, aber," Jans Zähne schlugen aneinander, „das kann ja nicht sein, kann ja nicht sein." „Weshalb nicht? Ist es nicht öfter vorgekommen, daß Edelleute Unebenbürtige zu Gattinnen nahmen? Ueberdies ist euer Kind eigenartiger und schöner als die Frauen, denen ich begegnet bin, ich brauche mich seiner nicht zu schämen." „Es ist also wirklich euer Ernst! Aber Herr," Jan hob die Hände zu Gentillot auf, „weshalb sucht ihr nicht in den Schlössern eurer Kreise nach der Genossin, wo Kindersegen, holde Geschöpfe genug für euch heranblühen ließ, weshalb wollte ihr dem Armen im.Keller, der nur einen einzigen Schatz besitzt, dieses einzigen berauben?" Gentillot sah die Tränen in Favollas Augen und fühlte Mitleid mit ihm. „Ueberdies kennt ihr meine Tochter ja gar nicht, wißt nichts von ihr, außer, daß sie ein glattes Gesicht besitzt." „Welch kurzsichtige Rede! Ihr, der in morgenländischer Weisheit aufwuchset, wißt es doch, daß die Seele sich ihren Leib baut; teilt ihr diesen Glauben mit mir, dann werdet ihr zugeben, daß ich eure Tochter kenne, deren Anblick ich tief in mich eingesogen habe." „So wartet zum mindestens noch, edler Herr, und laßt mir zur Ueberlegung Zeit." „Was wollt ihr überlegen?" Gentillot fühlte heiße Ungeduld in sich aufsteigen. „Ihr wollt^wärten, bis sie ihren Vorgängerinnen hier unten gefolgt ist. Denn das sage ich euch, eure Tochter zieht gern mit mir, ich Habs in ihren Augen gelesen. Sie wird sterben, zwingt ihr sie, euch zu gehorchen." „Nicht mir, ihrem eigenen Herzen soll sie geihorchen. Ich will zu ihr gehen und mit ihr sprechen. Wartet indessen." Gentillot ballte die pulsenden Hände zusammen, um seine Fassung und Ruhe zu bewahren. Vielleicht überredete der Vater dort drinnen in einem der geheimnisvollen Räume sie, die er liebte, wie Gott seine Schöpfung, daß sie dem Fremden nicht folge. Jan hatte sie nicht überredet. An seiner Hand kam sie hoch und unirdisch schön herein, neigte das Haupt und kreuzte vor Gentillot die Arme. Er verstand das Zeichen. Orpa war sein! Sie wollte es so und der Vater gab sie frei. ' „Und nun geht mit mir hinaus in die Sonne," .stammelte er nach einigen bewegten Worten, „ich weiß nicht, wie sie euch kleidet, habe ich euch doch nur im Dämmer eurer Lampen gesehen. Wollt ihr mit mir hinausgehen?" Jan erschrak. „Was bedünkt euch? An der nächsten Ecke würdet ihr einen Straßenauflauf erregen, sähe man euch beide miteinander." „Nein, das darf nicht geschehen, um euretwillen nicht geschehen. Dann, Fräulein, seid bereit, heute abend ein Pferd zu besteigen, das hier vorm Hause halten wird. Euer Vater mag euch bis zum Stadttor geleiten, wo ich mit meinen: Diener euch erwarte. Ich will euch meiner Mutter zuführen." Sie ritten im Sonnenschein dahin, die Sonne stand Orpa wohl an. Zuerst wurde sie wie trunken von ihr undtaumelte. Als Bernhardin sie aber vor sich aufs Pferd nahm und den starken Arm um sie schlang, da breitete sie jauchzend die elfenbeinfarbenen Hände nach der segnenden Mutter am Himmelszelt. Und Bernhardin flüsterte ihr zu: „Nun sollst du immer in ihrem Glanze wandeln und ihr Kuß soll von deinem Scheitel nicht mehr weichen." So hell war es um sie beide, daß Orpa ihm am Wege gestand, das Begebnis mit dem Ringlein sei absichtlich von ihr herbeigeführt worden. Sie habe ihn zwischen den Falten des Vorhangs erblickt, indes nicht gewußt, wie sie sich ihm bemerkbar machen konnte. Gewußt habe sie nur, zufolge einer tiefen Ahnung in sich, daß, wenn er sie sähe, seine Liebe ihr gehören würde. Da habe sie das Ringlein angesteckt und gerade an dem Finger, von dem es am schwersten abzulösen war. „Aber du trägst es ja nicht mehr," sagte er lachend über der Frauen List, „hast du es durchsägen lassen?" „Die Tränen, die ich um euch weinte in den Tagen, da ihr nicht kamt und ich euch verloren gab, haben es herabgleiten lassen. Mein Vater will es mir als Hochzeitsangebinde schenken." Frau v. Gentillot empfing Favollas Tochter voll herablassender Güte. Im ersten Augenblick über die Eröffnung ihres Sohnes bestürzt, fand sie bald ihr Gleichgewicht wieder. Ja, sie bewunderte nicht weniger als ihr Sohn die hohe Schönheit des Mädchens wie dessen bescheidene reizvolle Art. An dem'Tage, da Orpa, die bald wieder heimgekehrt war, zum letztenmal ihrem Keller entstieg, um das draußen ihrer harrende Pferd zu besteigen, das sie der neuen Heimat entgegentragen sollte, tauchte im Rahmen der Tür eine silberne Gestalt auf und zwei die Grenzen der Endlichkeit überblickende Äugen richteten sich auf sie. „Sei gesegnet," rief der Greis der schönen Urenkelin nach, indem er die Innenflächen seiner bleichen Hände erhob, „sei gesegnet! Deine jungen Augen werden mehr Tränen da draußen in der Sonne vergießen, als sie es getan hätten hier im Dunkel des Asyls deiner Väter. Aber der Wille des Herrn bahnt dir den Weg ins Licht, so gehe ihn denn."-— Der greise Seher hat recht behalten. Orpa Gentillots Glück hat sie viel Tränen gekostet, aber ihrer ungeachtet war es doch ein volles Glück, Erdenglück eben. flm Lrdrrabmv. ör', mein Kind, die alten Sagen. Hör', was aus vergangnen Tagen Heut zu uns herüberklingt; Was sie Ewiges verkünden. Gilt es, ewig neu zu finden, Daß die Weihe uns gelingt! Hör': Der Weltgeschichte Wogen Warfen uns in weitem Bogen' Allwärts hin nach hartem Spruch;