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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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187 Palästina von dem offiziellen Zionismus geleistet wird, nachdem er sah, daß es ohne praktische Arbeit nicht gehe und man mit dem politischen Ziel kaum noch einen Hund vor den Ofen lockte, nicht an das heran, was andere Organisationen, zum Beispiel die „Jka" und der Hilfsverein der deutschen Juden, in so großzügiger Weise leisten. Auch die Herren .Referenten haben sich durch Schlagworte und das Gerede der lauten zionistischen Rufer-Garde in den Bann der Legende zwingen lassen, während doch die historische Wahrheit eine ganz andere Sprache spricht. Sieht man näher zu, was hinter dem zionistischen Wort-Elan steckt, so kommt nicht viel mehr heraus als tönender Schall. Aber die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins, so lautet der zweite Teil der Legende, ist doch das ureigenste Verdienst des Zionismus. Die Herren Referenten haben auch hier, in der Anerkennung dieser angeblich zionistischen Erfolge, keine historische Prüfung vorgenommen. Hätten sie dies getan, dann hätten sie betonen müssen, daß Streben und Erfolg, das jüdische Selbstbewußtsein zu heben, viel älter sind als der Zionismus. Das taten lange vor dem Zionism u s und tun auch jetzt mit noch größerem Erfolge, die Logen und der Z e n tr a l v er e i n. Nicht die zionistischen Vereine und nicht die zionistische Bewegung, sondern die auf deutschem nationalem Boden stehenden, von den Zionisten so heftig befehdeten K.-C. der - Studentenvereine waren es, die die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins lange vor den Zionisten auf ihre Fahne geschrieben haben und mit bestem Erfolge diese Bewegung inszenierten. Und aus dem Gebiete der Verbreitung von jüdischen Kenntnissen, einem Gebiete, für welches der Zionismus sich gleichfalls Verdienste vindiziert und ihm die Herren Referenten zuzuerkennen geneigt waren, haben lange vor dem Z i o n i s m u s die Vereine, für jüdische Geschichte und Literatur gewirkt. Mögen diese Vereine auch nicht all das leisten, was sie nach der Absicht der Gründer leisten sollten, sie haben doch sehr viel dazu beigetragen, das Interesse und die Kenntnisse in der jüdischen Literatur und Geschichte in weitesten Kreisen zu verbreiten. Der Zionismus, der mit schönen Worten natürlich immer „Großartiges" und „Einzigartiges" leistet, mit Worten — das sei betont —, hat selbst heute dem, was die Vereine für jüdische Geschichte und Literatur leisteten und noch leisten, nichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Für ihn ist die jüdische Geschichte auch nur ein Agitationsmittel zionistischer Tendenz. Von einer Ver-. breitung von Geschichts- oder Literaturkenntnissen, die vom Streben nach Objektivität diktiert wäre, ist wenig die Rede. Jedenfalls aber ist es der Legende dritter'Teil, daß die Zionisten sich, und nicht die anderen längst vor ihnen, die Pflege jüdischer Geschichte und Literatur haben angelegen sein lassen. Aber dieRenaissancederhebräischenSprache und Literatur, so sagt der Legende vierter Teil, ist durch die Zionisten heraufgeführt. Sieht man der Sache aus den Grund, dann muß man sagen, die beiden Herren Referenten haben auch hier keine historische Untersuchung angestellt. Die hebräische Literatur.wurde lange vor den Zionisten von den alten Chowewe Zion und sonstigen Freunden der heiligen Sprache eifrig gepflegt. Wir haben unter den deutschen Zionisten keinen gesehen, der die hebräische Sprache gelernt hätte. Von den Führern wenigstens ist uns keiner als Hebraist bekannt, und ebensowenig ist bekannt, daß sie die hebräische Sprache erlernen. Der einzige ist Heinrich Loewe, mit dem sie ja auch reichlich Parade machen. Die „Organisation für hebräische Sprache und Literatur" entwickelt sich erbärmlich. Die Zionisten trinken Bier und glauben, wenn sie das Wort „Hedad" rufen, daß sie Hebräisch können, daß sie Hebraisten sind. Allerdings noch eines haben die Leiden Referenten vergessen zu erwähnen, und das scheint uns nicht unwichtig. Nachdem der Zionismus gesehen hat, daß man die jüdischen Massen nicht so leicht bewegen kann mit Charter und Politik, da haben sie sich gemausert, haben sie sich anderen zugkräftigen Fanfaren zugewandt. Mit einem Male „widmen" sie sich der Gemeindepolitik, suchen sie in die Gemeindestuben zu gelangen und stiften auch hier nur, wie in den meisten jüdischen Organisationen, in die sie den Fuß hineinsetzen, lediglich U nfrieden. Das laute Geschrei hat die zionistischen Massen suggeriert. Aber die Herren Referenten auf dem Delegiertentage des Zentralvereins durften auf Grund ihrer historischen Kenntnisse nicht jene vierteilige Legende noch durch ihre Autorität stützen. ' N. N. Antrrrichtskragen? Gin neues Religionsbuch. . Von HermannVogelstein. I. s ist eine der vielen Antinomien der jüdischen Geschichte, daß im Judentum so frühzeitig wie in keiner anderen Gemeinschaft das Problem der allgemeinen Bildung der Volksmasse seiner Lösung zugesührt Und diese Lösung von der religiösen Seite her in Angriff genommen wurde, daß aber am Ausgang des jüdischen Mittelalters, d. h. etwa zur Zeit Mendelssohns, so gut wie nichts vorhanden war, was den Namen Religionsunterricht verdient Wie. Das System der religiösen Unterweisung durch gottesdienstlichen Vortrag und durch die an das Gotteshaus sich anlehnende Schule haben Christentum und Islam aus dem Judentum übernommen. Zu Beginn der neuen Zeit war im Judentum die Predigt vernachlässigt und verwahrlost, als öffentliche Institution bestand wohl in jeder größeren Gemeinde das Beth hamidvasch, die Gelehrtenschule, oft genug in recht fragwürdiger Verfassung; für den Unterricht der Jugend war vor; Gemeinde wegen nicht gesorgt, das war vielmehr Sache eines jeden Hausvaters. Nur die Armenschule bestand, oft mit den ungeeignetsten Lehrern besetzt, denen man ein kümmerliches Gnadenbrot gab. Die Erklärung für diese Antinomie gibt die jüdische Geschichte des Mittelalters und der ersten Jahrhunderte der sogenannten neuen Zeit. Der furchtbare Druck, der aus den Juden lastete, die großen Schwierigkeiten, vielfach die Unmöglichkeit einer geeigneten festgefügten Gemeindeorganisation, die Beschränkung der Anzahl der Gemeindebeamten und die Notwendigkeit, Leute, die man geduldet haben wollte, als Hauslehrer zu beschäftigen, sind die äußeren Gründe; der innere Grund ist im Zusammenhänge hiermit die allmählich fast hermetische Absperrung von jedem Luftzuge allgemeiner Kultur und Bildung. Das verträgt auch das tiefste religiöse Empfinden aus die Dauer nicht. Die Folge mußte ein Verdorren der noch aufrecht erhaltenen religiösen Unterweisung sein; sie beschränkte sich fast ausschließlich auf Aeußerliches, in die Tiefe drang sie nicht ein. Die nachmendelssohnsche Zeit brachte eine völlige Umwälzung. Die allgemeine Kultur beeinflußte die Art der religiösen Unterweisung, man begann die Gesetze der Pädagogik auch auf den jüdischen Religionsunterricht anzuwenden. Für die Art der Darbietung bildete man sich an den Vorbildern, die der christliche Religionsunterricht mit seiner mehrhundertjährigen Erfahrung lieferte. So hat man außer den hebräischen Disziplinen die biblische Geschichte, sodann die Glaubenslehre oder den „systematischen" Religionsunterricht, schließlich die jüdische Geschichte gepflegt. Erst allmählich lernte man wieder *) Vgl. „Allg. Ztg. d. Judentums", 1910. S. 397 ff.

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