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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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: 186 im Interesse der deutschen Judenheit, sind ihnen Hekuba. Die allgemeinen deutschen Kulturbestrebungen werden kühl beiseite liegen gelassen, in die spezifisch jüdischen Interessen dienenden Organisationen sucht man sich zum Zwecke zionistischer Agitation hineinzudrängen, ohne doch je etwas für sie zu leisten. In einem anderen zionistischen Artikel zur Zentralvereinsresolution (von Dr. Moses in der „Jüdischen Rundschau") wird gesagt: „Wir Zionisten brauchen den Vergleich nicht zu scheuen, wenn gegeneinander abgewogen werden soll, was Männer aus unseren Reihen für die deutsche Kultur geleistet ' haben und was die übrigen Judenheit nach dieser Richtung hin getan hat. Auch hier entscheidet die Tat und nicht das Wort." Das klingt schön, ist aber kein Beweis. Nun läßt sich — wenigstens bis jetzt — nicht die Kulturarbeit der Tausende einzelner Individuen erfassen und werten. Behauptung steht also gegen Behauptung. Aber eine Art Beweis gibt es doch, wenn man die Höhenleistungen erfaßt, und wägt. Ich wähle das Gebiet, das mir am nächsten liegt. Es gibt zahlreiche zionistische Juristen. Und ich kann mich trotz angestrengten Nachdenkens nicht an eine einzige Leistung eines dieser Herren für die deutsche Rechtswissenschaft erinnern. Auf der Seite des „Zentralvereinsjudentums" zeugen die Namen erster Wissenschaftler wie Makower, Lilienthal, Eugen Fuchs, Hachenburg, Nosin, Oberneck neben vielen düs minorum gentium (dabei sind noch einige wesentlichste, deren Zusammenhang mit dem „Zentralvereinsjudentum" nicht so ganz auf der Hand liegt, sortgelassen). Das Ergebnis ist auch kein Wunder, wenn man erwägt, daß unter den zionistischen Juristen heute die Tendenz besteht, ihre Doktorarbeit über jüdisches Recht zu machen. Auf anderen Gebieten (nur konsequent in deutscher Politik, aber auch zum Beispiel in den Standeskämpfen etwa der Aerzte, Rechtsanwälte, Kaufleute) ist die gleiche Erscheinung zu beobachten. Und als eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, kann Franz Oppenheimer gelten, der zwar eingeschriebener Zionist, aber der Meinung ist, daß das Westjudentum den Zionismus nicht brauche, und der sich daher nicht den Weg verbaut hat, in der deutschen Kultur und durch sie für die Menschheit zu wirken. IV. Die Zionisten sollen aber, meinte ich, auch nicht bereit und geeignet sein, bei der Erkämpsung der Gleichberechtigung dem Zentralverein zur Seite zu stehen. Haben sie denn nicht ihre Bereitschaft oftmals erklärt? Hören wir Lichtheim hierüber: „Wenn die staatsbürgerlichen Bestrebungen des Zentralvereins erreicht sind ... — was bleibt dann den Zentralvereinlern zu wünschen übrig? Sie haben alles, was sie erstreben, und die Folge wäre die allmähliche Aufsaugung der jüdischen Minorität durch die Majorität. Wir Zionisten betrachten diesen Prozeß als unvermeidlich. Wir halten die Durchsetzung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung für nötig. Wir wissen, daß diese Aussaugung, diese Assimilation, große Teile des jüdischen Volkes zum Verschwinden bringen wird. Aber wir können in diesem Programm keinjüdisches Programm sehen" (im Original gesperrt). Wer aus diesen Sätzen ganz klug wird, verdient einen Preis. Der unbefangene Leser entnimmt ihnen, daß der Zionist diesen Kampf zwar für nötig, das Ergebnis aber für unerwünscht hält. Warum er nötig ist, bleibt unklar. Daß er nötig sei aus Gründen übernationaler Gerechtigkeit, wird man bei extremen Blutnationalisten nicht annehmen können. Bleibt die einzige Auslegung, daß er nötig ist, weil er im Augenblicksinteresse der einzelnen deutschen Juden liegt, daß er aber sofort abgebrochen werden soll oder muß, wenn der nationale Traum der Zionisten der Erfüllung naht, von dem einzelnen Zionisten schon dann, wenn er sich „jenseits", in Palästina, eine Zukunft schaffen kann. Praktisch hat man übrigens von einer Teilnahme der Zionisten an diesem Kampfe nichts gemerkt; vielmehr haben sie jeden Mißerfolg mit Freudengeschrei begrüßt, jeden Erfolg totgeschwiegen — im Interesse ihrer Agitation. Aber die Vertreter dieser theoretischen Anschauung, sind zur Führung dieses Kampfes, auch wenn sie ihn führen wollten, nicht geeignet. Welcher Art die „deutsche Gesinnung" des „Zentralvereinsjuden" auch sein mag, er kann ihn führen, sei es, daß er ihn führt im Interesse des Deutschtums, sei es im Interesse des Fortschritts der Menschheit, der Gleichberechtigung aller Menschen in der deutschen Kultur und ihrem Staat. Aber der Zionist kann ihn nicht führen, denn er führt ihn, wenn überhaupt, allenfalls im Alleininteresse seines „Volkes", und dem kann der von gleichen Gedankengängen ausgehende deutsche Antisemit das Interesse seiner Blutsgemeinschaft entgegensetzen. Die Resolution des Zentralvereins gibt demnach trotz aller unvermeidlicher „Verschwommenheit" die Möglichkeit zu rein- Hcher Scheidung widerstreitender Gedankengänge. Möge auf diesem Wege fortgeschritten werden, zum Wohle des deutschen Judentums, wie die einen, zum Wohle des Deutschtums, wie die anderen, zum Wohle der von der nationalistischen Gefahr zu befreienden Menschheit, wie die dritten sagen werden. Bit Legende der Suggestion. us dem Delegiertentag des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" haben die beiden Herren Referenten, die zu der Auseinandersetzung des ,Vereins mit dem Zionismus sprachen, dem Zionismus Verdienste zugeschrieben, die der Richterstuhl der Geschichte ihm vorenthalten wird. Es. hat sich in dieser Hinsicht im Laufe der Zeit eine Legende eingebürgert, der man nun doch endlich ein Ende bereiten sollte. Wenn lauttobende Agitation und überhebende Großrednerei in ihrer suggestiven Kraft auch immer auf gewisse Kreise ihre Wirkung ausüben mögen, so wird der kühle, historisch denkende Kopf sich doch fragen: Hatten die Herren Geheimer Juftizrat Eugen Fuchs und Professor Falkenheim wirklich Recht, als sie dem Zionismus zuerkannten, daß er auf dem Gebiete der Palästinakolonisation, in charitativer Wirksamkeit, auf dem Gebiete der Hebung des Selbstbewußtseins, und auf dem Gebiete des Hebraismus und der hebräischen Literatur Pionierarbeit geleistet, sich Verdienste erworben habe? Es ist eine tief eingewurzelte Legende, die künstlich durch Schlagworte und hohle Töne entstanden, durch die gleichen Mittel ausrechterhalten wird. Das Kolottisationswerk in Palästina ist längst, ehe man noch an einen Zionismus dachte, von den Chowewe Zion und dem Baron Edmund v. Rothschild in umfassendem Maße in Angriff genommen gewesen; der Verein „Esra" hat, als Herzt noch im tiefsten Assimilantenwasser, seines Judentums kaum bewußt, schwamm, höchst Anerkenenswertes geleistet und leistet es noch heute. Die Herren Fuchs und Falkenheim haben ganz vergessen, daß im Gegenteil der Zionismus das nun der Mauserung verfallene Wort und Programm lange Zeit hindurch als Richtschnur betrachtete: „Ohne den Charter r ü h r e n w i r k e i n.e Hand in Palästina". Die praktische Palästinaarbeit wurde direkt perhorresziert und jede charitative und Kolonisationsarbeit fcireft verspottet und verhöhnt. Diese „kleinen Mittelchen" wollte man ruhig den unpolitischen Organisationen überlassen. Und auch heute noch, nachdem der Zionismus die Unfruchtbarkeit seines politischen Ziels selbst erkennt, reicht das, was auf dem Gebiete der jüdischen Kolonisation in

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