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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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- 183 Herr Lieber! gesagt sein lassen, daß die deutschen Juden kein Fremdkörper in Deutschland sind, sondern Vollbürger, so gut wie er, Söhne des deutschen Vaterlandes, die sich von ihren christlichen Brüdern durch nichts unterscheiden als durch ihren Glauben, und in diesem Glauben nie ein Hindernis gesehen haben und nie sehen werden, ihr Deutschtum zu bewahren. * In der Budgetkommission des Reichstags fand eine Aussprache über die Zulassung jüdischer Reserveossiziere statt. Der Abgeordnete Gvthein schnitt wieder diese Frage, wie schon wiederholt, an. Auch der Kriegsminister erneuerte seine früheren Ausführungen. Die Militärverwaltung trete durchaus ein für die völlige Gleichberechtigung, und fei auch jederzeit bereit, in jedem einzelnen Fall in eine Prüfung einzutreten. Er sei aber nicht in der Lage, direkt 4» die Offizierswahl einzugreisen. Auch Vertreter des Zentrums wandten sich mit großer Schärfe gegen die zweifellos vorhandene Zurücksetzung jüdischer Ofsiziersaspiranten. Vom Zentrum wurde angeregt, ob nicht die Wahl der Reserveoffiziere dem Reserveofsizierkorps entzogen und dem aktiven Offizierkorps überwiesen werden könnte. Es würde dadurch manche Beschwerde, sei es über Zurücksetzung einer Konfession, fei es über ungleichmäßige Behandlung aus politischen Gründen, verschwinden. Gegen diesen Vorschlag hatte der Kriegsminister Bedenken. Bei der Marine liege die Sache ganz anders, weil die in Betracht kommenden Persönlichkeiten vielfach schon durch den Beruf als Kapitäne -usw. ihre Qualifikation beweisen, während das aktive Offizierkorps der Armee die persönlichen Verhältnisse der Bewerber nicht kennen würde. Ein Sozialdemokrat verlangt für die Aufnahme in die Kadettenhäuser eine Vorschrift über die Mindestzahl auszunehmender jüdischer Bewerber. Von freisinniger Seite wird dem widersprochen, da man in dieser Partei solche Anstalten überhaupt nicht wünsche. Die Aussprache über diese Frage geht weiter, ohne daß noch Erklärungen aus dem Kriegministerium gegeben werden. * Im preußischen Abg eord netenhause bei den Verhandlungen über den Kultusetat hat Herr Cassel in einer längeren Rede folgende Ausführungen gemacht: Schließlich ist kritisiert worden, daß in Charlottenburg ein jüdischer Direktor an die Spitze einer höheren Lehranstalt gestellt worden ist. Wir in Berlin hatten auch schon einen katholischen Direktor, obwohl die Mehrzahl der Schüler keine Katholiken waren. Von einer Gefährdung der Disziplin durch die konfessionelle Zugehörigkeit des Direktors sollte man nicht sprechen. Der jüdische Direktor ist von der Regierung bestätigt worden und muß also auch ihr als ein Mann erschienen sein, der geeignet ist, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Es wird schon gesiebt worden sein, und die Negierung wird nicht sofort zugegrisfen haben. Wenn aber gegen die Persönlichkeit nichts einzuwenden war, dann müßte die Negierung die Bestätigung erteilen, nwllte sie sich nicht mit der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung in Widerspruch setzen. Wir haben in Berlin Lehrer der verschiedensten Konfessionen, und von irgendwelchen Unzuträglichkeiten haben wir nichts gehört. Hoffentlich nimmt sich die Regierung des von ihr bestätigten Direktors an, wenn etwa in der Öffentlichkeit unbegründete Klagen über die Swäche seiner Disziplin erhoben worden sein sollten. Möge sich unser Schulwesen gut weiter entwickeln und auf beu verschiedensten Gebieten Männer heranbilden, die dem Vaterlande dienen können. * Von einem Zion der Antisemiten träumt der bekannte antisemitsche Kämpfer Herr Fritsch. In einem Artikel seines „Hammer", in dem er die bisherige Wirkungslosigkeit der Agitationen feiner Partei zugesteht, macht er folgenden Vorschlag: „Wenn wir nicht die Macht besitzen, die große Luftreinigung im ganzen Reiche vorzunehmen, die gesamte Umwelt mit einem neuen Geiste zu erfüllen, sollen wir dann nicht wenigstens versuchen, aus einem abgegrenzten Stück Erde, das nicht an der großen Heerstraße der Gemeinheit liegt, uns einen geistig und physisch reinen Luftraüm zu sichern? Wollen wir in unserer- Art gedeihen können, so müssen wir uns die Umwelt schaffen, die unserem Wesen angepaßt ist; wir brauchen ein neues Lebensgeseh . . . und ein Stück Land, auf dem das neue Lebensgesetz künftig gelten soll." Aus diesem Stück Land soll der fremde anarchische Geist, der Geist der Fäulnis, der Degeneration keinen Zutritt haben, es sollen „die Lebensverhältnisse in unserem Sinne geordnet, Wirtschaftsweise, Gemeinschaftsleben, Erziehung, Rafsenpflege und religiöser Sinn in unserem Geiste gehegt" werden/ Zum Schluß teilt Herr Fritsch mit, das erforderliche Stück Boden fei bereits gesichert, und es könne alle Tage erweitert werden, wenn es nicht ausweicht, und er fordert auf, endlich Hand anzulegen zu Praktischer Tat. Das heißt also: eine judenreine Provinz innerhalb Deutschlands. Das Reichsgesetz dürfte freilich keine solche Abgrenzung gestatten. Aber auch, wenn das möglich wäre, weit wird Herr Fritsch mit seinem reindeutschen Reiche nicht kommen. Gar mancher Staat, der die Juden ausschloß, mußte sie zurückrufen, oder ging elend zugrunde. Wir sind nicht der irrigen Meinung, daß das Heil nur von den Juden kommt, aber wir wissen aus den unwiderleglichen Lehren der Geschichte, daß die Juden, wo sie ihre Kräfte ausbilden konnten, sich als mächtiger Kulturfaktor, nicht als Kulturhemmnis bewährt haben. * Der in Köln erscheinenden „Rheinischen Zeitung" entnehmen wir folgende Notiz: lieber die Z u r ü ck s e tz u n g d e r I u d e n in Bankhäuser n usw. war jüngst hier in einer Versammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Klage geführt und dabei behauptet worden, daß die Großbanken Kölns in dieser Beziehung nicht besser daständen als solche Häuser anderwärts. In der gestrigen Generalversammlung des Schaaffhausenschen Bankvereins brachte Aktionär Levy diese Angelegenheit zur Sprache, indem er an den Vorstand die Frage richtete, ob es Tatsache sei, daß an diesem Bankverein, namentlich an seinem Hauptsitz in Köln, Juden keine Anstellung fänden. Mit der Antwort des Aufsichtsratsvorsitzenden, daß der Bankverein niemals diesen „Grirndsatz" aufgestellt habe, gab der Fragesteller sich nicht zufrieden. Tatsache sei es, daß seit dreißig Jahren beim Schaaffhausenschen Bankverein Juden keine Anstellung finden könnten, weil das Bankpersonal mit solchen nicht Zusammenarbeiten wolle. Als der Aktionär daher an den Vorstand die weitere Frage richten wollte, ob dieser gesonnen sei, von nun an auch Juden anzustellen, unterbrachen lebhafte Schlußrufe den Redner, und die Versammlung beschloß, hierüber die Diskussion abzubrechen. Der Redner verließ darauf die Versammlung. ->#<- Die Genrralmrlsmmtllng des tziikoereins der deutkchen Duden. m 13. d. M. fand unter Vorsitz des Herrn Dr. I a m e s Simon im Logenhaus der Logen UOBB. die Generalversammlung des Hi l f s v e r e i n s der Deutschen Juden statt. Die Versammlung war sehr zahlreich auch von auswärts besucht. Herr Dr. James Simon berichtete über die Tätigkeit des Hilfsvereins im abgelaufenen Jahr, insbesondere auf dem Gebiete des Schulwesens und der Auswandererfürsorge. Einleitend hob er hervor, das; in; Jahre 1912 die Juden im außergewöhnlichen Maße von Katastrophen betroffen worden seien und die jüdische Solidarität sich bei dieser Gelegenheit wiederum in schönster Weise bewährt habe. Große und kleine jüdische Gemeinden in Deutschland, wie auch Einzelpersonen hätten wetteifernd für die Sammlungen des Hilfsvereins beigesteuert.. Auch das Ausland, vor allen Dingen auch Amerika und Rußland, haben sich an dem Liebeswerk beteiligt. An Stiftungen sind dem Hilfsverein unter anderem zugeslosfen von dein Ehepaar Betty und Oskar Tietz 50 000 Mark, von Herrn Fainberg, Irkutsk, 50 000 Fr. zum Bau eines Mädchenheims auf den; Lande, von Herrn Gotz, Moskau, 50 000 Fr. für den Bau eines Rabbinerseminars, von dem Vortragenden selbst 100 000 Mark. Die einmaligen Einnahmen, die Stiftungen und die Mitgliederbeiträge (170 000 Mark) belaufen sich auf über 1000 000 Mark, die Ausgaben aus über 660 000

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