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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 182

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 182 (sequence 2)
Language
German
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182 Gottes im Lande Aegypten bildet für uns, wie Maimonides sich ausdrückt, neben einer nie versiegenden Quelle des Trostes und der Hoffnung in bitterer Leidenszeit auch ein sicheres Schutzmittel „gegen Dünkel, Hochmut und Ueberhebung, eine dauernde Mahnung, in frohen und glücklichen Tagen die vorangegangenen traurigen und leidvollen nicht zu vergessen und stets in Demut und Bescheidenheit an den erlösenden Gott zu denken"«). Und zum Lobe Israels sei es gesagt: es hat auch in den glücklichsten Epochen seiner Geschichte an die traurigen Erlebnisse der Väter in Aegypten gedacht und die Erinnerung an jene Zeit zum Ausgangspunkt seines religiösen un-d kulturellen Lebens genommen. Von den drückenden Sklavenketten des finsteren Aegypten kaum befreit, zog es dem lichten Sinai entgegen, um der Welt das Walten eines aus Not und Pein erlösenden Gottes zu verkünden. Die Erinnerung an die erlittenen Leiden im Lande der Pharaonen lebendig im Herzen tragend, statuierte es als freies Volk Gesetze und Vorschriften, die, auf Milde und Treue, Erbarmen, Mitleid und Liebe aufgebaut, noch bis auf unsere Zeit Licht und Freiheit verbreiten. Unter dem Einfluß der Erinnerung an die Zuchtrute der ägyptischen Tyrannei unternahm es den Kampf gegen die zur damaligen Zeit von der geiftestötenden Macht Mirzajims beherrschte Heidenwelt, gegen Barbarei, Knechtschaft und Unterdrückung und schärfte seinen spätesten Nachkommen neben dem obersten Grundgesetze seiner Lehre, der Nächstenliebe, ganz besonders und zu wiederholten Malen das Gebot ein: Liebet den Fremdling, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegyptens. Sowohl zur Zeit des ersten wie des zweiten Tempels, in Friedens- und in. Kriegszeiten, bei fast allen Anlässen des politischen und religösen Lebens, immer wurde Israel an die einstige Schmach in Aegypten erinnert und ihm ans Herz gelegt: Denke daran, daß du ein Knecht gewesen bist im Lande Mizrajim und daß der Ewige dich erlöst hat"). Und als Israel später wieder in die Fremde ziehen mußte, sich von einer Welt von Feinden umringt sah und neue Qualen und Leiden die Erinnerung an die früheren aus seinem Gedächtnis zu verwischen drohten, so daß es der Verzweiflung nah, gleich unserem Festdichter in die bittere Klage ausbrach: Aus deinen heil'gen Höhen Ist Schmach und Greul zu sehen. Und keiner für uns steht. Kein Seher, kein Prophet. Wer lindert mir den Schmerz, Erquicket mir das Herz? da stellten seine Mischnah-Lehrer den Grundsatz auf: u) rurr» „Man denke an den Auszug aus Aegypten in den Nächten", in finsterer Leidenszeit, auch wenn die Stürme des Hasses und der Verfolgung noch so gewaltig toben. Trotz allen feindlichen Gewalten, die gerade damals, zur Zeit Hadrians, Israel umlauerten, betrachteten seine weitschauenden Lehrer die Passahnacht als eine als eine Nacht der Hut — der Vorbereitung für die einstige Erlösung aus finsterer Geistesnacht, die durch Israel für die ganze Menschheit er-, rungen werden soll. Unbekümmert um den Hohn und Spott der feindlichen Umgebung, lenkten, sie den müden Blick ihrer Zeitgenossen auf das TflUb NOL, auf die Passahfeier der Zukunft, aus jenes große Friedens- und Freiheitssest, das dem Propheten Jesaia vorschwebte, als er tröstend und ermutigend sprach: „Gedenket nicht des Früheren, und auf das 8) More Nebuchim 3, Kap. 43. °) Deut. 10, 19. ") ibid. 15, 15. u) Mischnah Berachoth 1, 5. Vergangene richtet nicht euren Sinn. Siehe, ich schaffe Neues, schon sprießt es hervor; wollt ihr es nicht beachten?"*2) Ja, Israel hat es zu allen Zeiten beachtet/ und auch wir achten daraus, harren' mit Sehnsucht jenem großen Moment der Völkerfreiheit und des Völkerfriedens entgegen und feiern darum alljährlich das Fest der „ungesäuerten Brote", nicht bloß zur Erinnerung an die Erlösung unserer Väter aus Aegypten, nicht bloß zum Gedächtnis an die vielen Unterdrückungen und Errettungen unseres Stammes in Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch als Symbol des künftigen Passah, das in Eintracht und Liebe mit Israel die gesamte Menschheit feiern wird. E Die Woche. B e r l i n, den 15. April 1913. ie Weltlage hat sich gebessert. Zwar sind noch nicht alle düsteren Wolken vom politischenHorizontverschwunden, doch erhellt er sich allmählich. Serbien hat seine Truppen von Skutari zurückgezogen und es scheint, daß Montenegro aus die Eroberung der Festung gegen eine von den Mächten verbürgte Anleihe, deren Höhe verschieden angegeben wird, zu verzichten gedenkt. Zwischen Bulgarien, der hauptkriegsührenden Macht und der Türkei sollen die Friedensbedingungen festgesetzt sein und es ist zu hoffen, daß die übrigen Balkanstaaten, so uneinig sie auch untereinander sind, dem Beispiel Bulgariens folgen werden. Der Weltfriede, der arg bedroht schien, ist infolge des unerwartet entschiedenen Auftretens Rußlands gegen Montenegro gesichert, wenigstens für eine Weile, und die Streitigkeiten zwischen den Balkanstaaten bedeuten, soweit man es voraussetzen kann, für Europa keine unmittelbare Gesahr. So kann man mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß der Friede binnen kurzer Zeit wirklich geschlossen werden kann, und mit dem wirklichen Frühling, der in der letzten Zeit einem unliebsamen Nachwinter Platz gemacht hat, aber nun doch bald wieder und dann dauernd der Welt beschert sein mag, als tzine volle Beruhigung in die Welt einziehen wird. * In den deutsch en parlamentarischen Körperschaften ist von den Juden vielfach die Rede. In seiner Rede zur Militärvorlage im Reichstage vom 8. April hat der politisierende, sreikonservativ-antisemitische Abgeordnete Generalleutnant z. D. v. Liebert anläßlich der Frage des Offiziersnachwuchses laut Parlamentsberichten sich folgende Aeußerungen zu leisten gewagt: „Auch hierzu hat sich im „Berliner Tageblatt" schon ein Mitarbeiter gemeldet und angeregt, jüdische Offiziere einzustellen. Der Herr könnte diese Sorge der Heeresverwaltung und dem Osfierkorps selbst überlassen. Was durch die Eins ührungvonFremdkörPern aus einem Offizierkorps werden kann, zeigt jetzt die türkische Armee, die Juden, Christen, Armenier aufnahm, wodurch sie den osmanisch-mohammedanischen Charakter verlor und ein Gemengsel wurde." Gegen eine solche Darlegung muß man aufs entschiedenste Verwahrung einlegen. Die jüdischen Soldaten in den deutschen Heeren von den Befreiungskriegen an haben stets ihre Pflicht getan und an der Seite ihrer andersgläubigen Kameraden wacker gefochten. Die höheren jüdischen Offiziere in Oesterreich, Frankreich und Italien, die gleichen, mitunter höheren Rang als Herr Liebert einnahmen, haben ihrem Stande nur Ehre bereitet, ihr Glaube hat sie nie gehindert, in vollem Maße ihre Pflicht zu tun. Vor allem mag sich aber 1S) Jesaia 43, 18—19; siehe auch Berachoth 13 a.

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