Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1913)
- Date
- 1913-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 16 Berlin, 18. April 1-lZ Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel o>er die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von «abbiner vr. Ludwig Phillppso« Unter Leitung des Geheimen Regiemngs-Batr profestor Dr. Ludwig Geiger Vertag: Rudolf Mosse,^5erlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum!", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu rich en. Verlag von Rudolf Masse, Berljn. TIZum Pcisscchsest. Von Albert KaH. — Die Woche. — UelLjUU« Die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Inden. — Glossen zum Streit Zentralverein—Zionismus. Von W. Berit auer. — Die Legende der Suggestion. Von N.. N. - Unterrichtsfragen. Von Hermann Vonelstein. — Zur Geschichte der Inden in Wien. Don Ludwig Geiger. — Feuilleton: Die kluge Orpa. Novelle von Tt. I. — Am Sederabend. Von Emil Spiegel, Prag. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Königsberg i. Pr., Lissa i. P., Hirschberg, Hainburg. Hannover, Wiesbaden, Wien, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Lum Osllahkrtt. VonAlbertKatz. ie kein anderes Fest des Jahres, ist das Fest der „ungesäuerten Brote" reich an historischen Erinnerungen und verherrlicht durch eine Fülle poetischer Sagen, die der dichtende Geist des jüdischen Volkes in uralter Zeit erdacht und zu einem, anmutigen Kranz um die Majestät des göttlichen Namens und das Haupt Israels gewunden hat. Alle diese erhebenden Erinnerungen und sinnigen Sagen ranken sich um den biblischen Bericht über jene große Stunde der Erlösung unserer Väter aus der jahrhundertelangen Knechtschaft im Lande der Pharaonen, die allgemein als die Geburtsstunde des jüdischen Volkes bezeichnet wird. Obgleich Jahrtausende seit diesem wunderbaren Ereignis verstrichen sind, obgleich Israel in der Folgezeit wiederholt in Knechtschaft geraten war und immer wieder, zuweilen auf nicht minder wunderbare Art, von seinen Leiden befreit worden ist, so gedachten doch unsere Altvordern und gedenken auch wir alljährlich sreudig und gehobenen Herzens des Auszuges aus Aegypten, als ob wir Zeugen dieses Vorganges gewesen wären, unter dem drückenden Joche Mizrajims geseufzt und die Stunde der Befteiung miterlebt hätten. Die Erinnerung hieran bildet — möchten wir sagen — das Substrat der jüdischen Weltanschauung, zugleich die Saugewurzel, aus der auch das Judentum in der Diaspora immer neue Lebenskräfte gewinnt. Während andere Völker an die außerordentlichen Ereignisie ihrer Geschichte höchstens an gewissen Zeitabschnitten zurückdenken, um sie durch prunkhast veranstaltete Feiern im Gedächtnis der Zeitgenossen für kurze Dauer wieder auszusrischen, werden wir Juden an die Leidensgeschichte unserer Ahnen in Aegypten sowie an ihre durch übernatürliche Wunder erlangte Freiheit nicht allein am Passahfeste, sondern , an jedem Tage erinnert. In unserem täglichen Gebete morgens und abends^ an den Sabbat- und Festtagen, auch, den heiligsten des Jahres, bei der Ausübung verschiedener, insbesondere sozialer, Vorschriften, ja selbst im Gebete am Bette eines Sterbenden, immer ist es die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten, die uns dabei eingeprägt wird: Freilich - verkündet uns der Prophet Jeremia: Siehe, Tage kommen, ist der Spruch des Ewigen, da wird nicht mehr gesagt werden: So wahr der Ewige lebt, der die Kinder Israel' herausgeführt aus dem Lande Mizrajim, sondern: so wahr der Ewige lebt, der die Kinder Israel herausgeführt aus dem Lande des Nordens und aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen hattet. Freilich wird die von dem philosophisch angehauchten Ben Soma') aufgeworfene Frage, ob des Auszuges aus Aegypten auch in der messianischen Zeit gedacht werden wird, von den Weisen des Talmuds mit folgendem Gleichnis beantwortet: Ein Mann wurde auf seiner Wanderschaft von einem Wolf angefallen und durch einen Zufall gerettet. Er erzählte Freunden und Bekannten die Geschichte seiner glücklichen Errettung so lange, bis er später einmal einem Löwen begegnete und gleichfalls wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entging. Nun dachte er nicht mehr an sein erstes Abenteuer, sondern erzählte allen immerfort die Geschichte seiner Errettung von den Tatzen des Löwen. Als er aber nach einiger Zeit sich von einer giftigen Schlange umklammert sah und abermals durch eine glückliche Fügung des Geschicks der Todesgefahr entging, vergaß er die beiden ersten Erlebnisse und erzählte von nun an nur noch die Geschichte seiner wunderbaren Errettung von der Schlange'). So — bemerkt dieser Fabeldichter — ergeht es auch Israel: nw*nn na rnrotPö mann» .rvnst Seine späteren Leiden bringen die früheren in Vergessenheit). Indessen ist das nur die Ansicht einzelner, die. Mehrheit unserer Weisen deutete den Vers: „Auf daß du gedenkest des Tages, da du aus Aegypten zogest, alle Tage deines Lebens"') dahin, daß das eine Vorschrift für alle Ewigkeit, auch für die messianische Zeit sei"). „Nicht nur unsere Väter" — wird uns darum alljährlich in der Passahnacht eingeschärft — „hat Gott erlöst, sondern er hat mit ihnen auch uns erlöst." Nicht nur für die Wunder — bemerkt ein alter Lehrer — die der Ewige einst in Aegypten vollbracht hat, stimmen wir täglich die alte „Schirah", den vor Jahrtausenden von Mose und seinen Zeitgenossen gedichteten Lobgesang an, sondern auch für die Wunder, die Gott unseren Vorfahren in jedem Zeitalter und in jedem Geschlecht erwiesen und unaufhörlich auch uns erweiset). Es ist also nicht bloß der Auszug aus Aegypten, dessen wir am Passahfeste vorschriftmäßig gedenken, es erinnert uns zugleich auch an die späteren Erlösungen aus Druck und Not, die Israel auf seiner Wanderung durch die Welt so reichlich erfahren und noch bis auf den heutigen Tag erfährt. Die für alle Ewigkeit festgesetzte Gedächtnisfeier zum Andenken an die Wundertaten x) Jeremia 16, 14—15. 2) Chagiga. 14 b. 3) Berachoth 13a, * 2 3 4 *) ibid., 6) Deut. 16, 3, •?) Mischnah Vera, choth 1, 5. Jalkat Schimoni, Beschalach.