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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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und Maßnahmen, dem überhandnehmenden Abfall Vom Jüdenrum zu steuern) erwies, sich als eine sich dufdrängende ^Notwendigkeit, der Jugend Zunächst ein . wirklich modernes Gebetbuch in die' Hand zu gebest. Sicherlich besaß die Hauptgemeinde in Frankfurt seit dreißig Jahren das Geigersche Gebetbuch. Wer Geiger selbst,würde dasselbe 'für die jetzige Generation als veraltet angesehen haben. Vor dreißig Jahren mußte man noch mit einem Geschlecht rechnen, das seine Wurzeln in einer orthodoxen Lebensführung hatte, das noch mit dem Hebräischen verwachsen.war. Es konnte also gar nicht in Frage kommen, den hebräischen Teil der Liturgie nur aus ein Minimum zu reduzieren. Mittlerweile hat die Kenntnis der hebräischen Sprache beträchtlich abgenommen und ist tatsächlich auf dem Wege, ganz zu verschwinden. Man kann das aufs tiefste bedauern, aber damit kann die Tatsache nicht aus der Welt geschafft werden. Und die traurige Folge ist, daß die aufwachsende jüdische Generation das Gotteshaus meidet, weil es sich fremd in demselben fühlt; denn die Uebersetzungen und Bearbeitungen der alten Gebete tragen wenig oder gar nichts zu ihrer Erbauung bei, weil sie nicht den adäquaten Ausdruck ihrer Wünsche und Gefühle bilden. Die Erhaltung des Judentums heischt demnach ein Gebetbuch, das den Anschauungen der Gegenwart gerecht wird. Unsere Jugend muß wieder beten lernen, beten mit Verständnis, mit Innigkeit und Andacht, unb dies kann selbstverständlich nur in der Muttersprache g^ schehen.. In der oben genannten Denkschrift präzisiert das Komitee seine diesbezüglichen Wünsche, die es verdienen, nachgelesen zu werden. In diesem Zusammenhänge wollen-wir indes aus dieser Denkschrift etwas anführen,' das von kulturhistorischer Bedeutung ist. Dr. Seligmann teilt uns nämlich eine Unterredung mit, die er mit Rechtsanwalt Plotke über die'Gebetsbuchfrage hatte, für die wir ihm zu ganz besonderem Danke verpflichtet sein müssen. Wir machen hier die Bekanntschaft mit einer Laienseele, wie sie uns nur selten auf unserem Lebensweg begegnet ist. Es ist eine wahre Nehemiasnatur, die alles daransetzen will, um die-Religion der Väter dem jetzigen. Geschlecht zu erhalten. Was. er begeistert und begeisternd. seinem Rabbiner vorträgt, sollten , alle Rabbiner.sich anhören, aber so anhören,-wie es-Dr. .Seligmann getan-hat.- Es sind keine neuen ,welterschütternden- Gedanken, aber es, ist der-Brustton innerster Ueberzeugung, der aus ihm. spricht, und darum so, überwältigend wirkt. Diese- Unterredung sollte in tausenden Exemplaren gedruckt und jedem deutschen Juden, ins Haus geschickt werden, Ich, will einiges ansühren, um Interesse für das ganze, zu erwecken. .. , Plotke klagt über den unzeitgemäßen Gottesdienst. .Er sagt unter anderem: „Unser Gebetbuch ist für uns veraltet, unser Kultus in der Hauptshnagoge hat nicht die Kraft, die Gebildeten sestzuhalten und unsere Frauen und Kinder anzuziehen. Ich selbst bringe^meine Kinder nicht dazu,, gern - zum Gottesdienst zu gehen; und was ich an meinen Kindern erlebe, erleben mit mir und uns viele Hunderte. Das ist ein Zustand, .der nicht so weiter bestehen darf. . . . Die bisherige Reform war nur eine ästhetische und theoretische Reform. . . . Hat man aber den Gottesdienst von innen heraus verbessert? Während der.mehr als halbstündigen Thoravorlesung schwatzen die Frauen und die Männer; die einzigschönen Psalmen werden hergeleiert ohne Verständnis, oder zu einer oft recht langweiligen Musikaüssührung verwandelt. ... Die Orthodoxie hat auf die Juden des neunzehnten und zwanzigsten'Jahrhunderts ihre Anziehungskraft verloren. Die Kinder wandeln nicht mehr in den Wegen der Väter. Die intellektuellen Kreise haben sich — mit verschwindenden Ausnahmen — von dem altjüdischen Leben entfernt und entfernen sich mit'jeder Generation weiter von demselben. Wir stehen mitten in einer neuen Taufperiode, und unsere Zeit hat eine der schmählichsten Abarten derselben, die frivole Kindertäuse gezeitigt. In solcher Zeit erwarten wir, von den Rabbinern, die ein Herz für ihr Judentum haben, , daß'sie nicht tatenlos zuschauen und über den Verfall jammern oder schimpfen, sondern daß sie, wo eine religiöse Sehnsucht, nach ihnen ruft, dieser Sehnsucht Entgegenkommen. . . ." Aus Dr. Seligmanns Gegenrede sei nur folgendes angeführt: „Der liberale Rabbiner, den die Gegner mit Vorliebe des Opportunismus beschuldigen, hat in Wirklichkeit außer seiner Ueberzeugung nichts und niemanden für sich. — Die Intellektuellen, für dm die Reform bestimmt ist, lassen ihre Rabbiner im Stich; sie bilden keine, geschlossene Phalanx wie die'Orthodoxen) sie haben nicht die Kraft oder die Neigung zur religiösen Organisation. . . . Wo in aller Welt hat ein liberaler Rabbiner eine begeisterte Gemeinde, die zu ihm gestanden 179 —- - wäre in Trem' und ihn getragen^ hätte?' Undank und -Gleichgültigkeit, von innen, Haß und Angriffe von außen — das ist das Lös der liberalen Rabbiner. . . -. Wen möchte)da die Lust anwandeln, sich für weitgehende Reformen-im Judentum einzusetzen?" Schließlich einigen sich die friedlich Streitenden und Dr. Seligmann verspricht, sich von der kalten Gleichgültigkeit, die im liberalen Judentum herrscht, nicht abschrecken zu lassen. Er beschließt diese-hochinteressante Unterredung mit folgenden Worten: „An meiner Mithilfe soll es nicht fehlen. Ich hege mit Ihnen den'frohen Zukunftsglauben, der sich, durch alle Bleigewichte der Trägheits'argumente nicht erschüttern, durch alle pessimistische Schwarzseherei nicht abschrecken läßt, wo es 'ein Gutes und Großes gilt,' mitzuschasfen von ganzem Herzen und ggnzerfMe." ' ' " ' ‘ '; Und. Dr. S. hat Wort gehalten. Er hat seine Gemeinde mit einem Gebetbuch beschenkt, das ich' nicht anstehe als epochemachend auf dem Gebiete der jüdischen Liturgie zu bezeichnen. Dasselbe ist' jü d i s ch im eminentesten Sinne dieses Wortes und wird' in dieser Beziehung von keinem" Siddur und Machsor übertrofsen. Es hat aber vor jenen den Vorzug, daß es ein wahres, für unsere Zeit, für unsere Bildungsstufe, für unsere Erkenntnis der Zentralideen'des Judentums, für unsere religiösen Gefühle in jeder Beziehung passendes Gebetbuch ist.' Wohl ist . auch hier die alte Form gewahrt, und hebräische Gebete begleiten die deutschen „Bearbeitungen". Aber diese Bearbeitungen sind von ihren Texten ganz unabhängig., Ein' neuer, lebendiger Geist durchströmt sie. Es sind Schöpfungen, die einem betenden Herzen entsprungen. Ja, wer solche Gebete schreiben kann, der ist ein gotterfüllter Beter. Hier ist nichts Gekünsteltes, keine leere Phrase. Hier ist alles so einfach, so innigvon heiligem Gebetsgeist durchdrungen, wie ich das noch in keinem jüdischen Gebetbuche gesunden habe. Ob Seligmann alte Psalmen nachbetet- oder-in neuen-Worten dem religiösen- Gefühle Ausdruck verleiht, alles' wirkt -andachtserweckend und belehrend; belehrend insofern,-daß hier dashistorische Bewußtsein geweckt, der prophetisch universelle Gedanke in den Mittelpunkt gestellt, der Geist der jüdischen Vorzeit heraufbeschworen wird. In Jubeltönen erschallt hier das' Lied von der - in brüderlicher Liebe vereinten Menschheit. Mit einem Worte: Seligmann besitzt die in unserer Zeit so seltene göttliche Gabe, dem religiösen Gefühl Israels innigsten Ausdruck zu -verleihen. Deswegen gebührt ihm der Dank von-dem Deutsch redenden Israel. Und wenn es heutzutage in gewissen jüdisch-literarischen Kreisen fast zur Sitte geworden ist, tüchtige Arbeiten totzuschweigen, so kommt sicher die Zeit, in der man , Dr. Seligmanns Gebetbücher als Mustergebetbücher ansehen wird, in deren Geist und Richtung unsere künftigen Liturgien sich entwickeln werden. . Zum Schlüsse sei hier noch aus eine neue Gabe, mit der Seligmnnn uns beschenkt hat, in aller Kürze hingewiesen. Sein heiliger Eifer, für die Erbauung seiner Glaubensgenossen zu wirken, hat S. bestimmt, sich auch unserer alten Hag ad a anzunehmen. In einer Prachtauflage liegt sie vor uns. Hier ist altes und neues innig vereint. Von dem künstlerischen. Wert dieser Hagada werden wohl ändere sprechen. Ich will nur sagen, daß es eine wahre Augenlust ist, dieselbe anzüsehen und in ihr zu blättern. ' Die alte Ordnung (Seder) ist beibehalten und was die jüdische Volksseele charakterisiert: Lebensernst gepaart mit Lebensheiterkeit, kommt hier zum besten-Ausdruck. Und sicher wird diese neue Hagada in den Kreisen, in denen, der „Seder" noch „gegeben" wird, zur Reform des zur Karrikatur gewordenen Seders beitragen. Dem rühmlichst bekannten Verlage I. Kaufsmanns sei noch. Dank gesagt für das Prachtgewand, in das er unsere alte Hagada gehüllt hat. . Stockholm, 30. März 1913. , ' G. Klein. SyreHsaal. Jüdisches Studenten- und Jugendheim, ' Charlottenburg, Grolmanstraße 28. ■ Charlottenburg, Datum des Poststempels. . . Eingesandt! v . Aufruf! ■ , ■ ’• , ' Groß-Berlin als der. Mittelpunkt des geistigen,, wirtschaftlichen und', gesellschaftlichen Lebens unseres, deutschen Vaterlandes, beherbergt dauernd eine br t r ä ch tl.ichä, Anz.ah V. jün-g cixf Ju.den,. tzik

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