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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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$cm war ihm heftig in den Arm gefallen, doch zu spät.: Gentillot stand, keines Wortes mächtig, vor der erhabensten Erscheinung, die er je erblickt hatte. Ein Mädchen , von der, ernsten Schönheit einer griechischen Göttin blickte Hm aus! der Lumpenumhüllung entgegen.. Das Geschöpf selbst war erlesen gekleidet in ein Brokatgewand von tiefem Blau, das die Elfenbeinfarbe feiner Wangen zum Brennen brachte. Ueber der schmalen Stirn teilte sich «das rabenschwarze Haar in üppigem,Scheitel. Bernhardin hatte nie geträumt, daß e§. solche Menschenaugen geben könne. Die Rätsel deS Morgenlandes leuchteten aus ihren unergründlichen Tiefen, ihre Farbe war Schwarz, auf dem die Sonne spielt. In ,zitternder Verwunderung stand er da und wagte nicht zu sprechen, bis ein flüchtiges Lächeln, das die granatroten Lippen der Jungfrau überflog, ihm seine Geistesgegenwart zurückgab. Er stammelte: „Verzeiht!" und neigte das Haupt vor ihr. .. Nun isüs genug!" Jans flatternde Blicke richteten sich gebieterisch-aus die Schöne. „Hinein!" Sie riß mit einem Ausdruck des Abscheus die letzten Fetzen, die ihre hohe, schlanke Gestalt umhüllt hatten, von sich, und wandte sich dem Vorhang zu. „Vergebt, Herr, daß ich euch so viel Mühe gemacht habe." Ihre Stimme klang tief und bebte leicht. Bernhardin fing ihren Blick auf und trat einen Schritt näher. „Wohin geht ihr, Fräulein? " „In unsere Wohnung." Und sich Jan zuwendend, sagte sie weich: „Gesteht es, Vater, wäre es nicht schöner, da Herr von. Gentillot nun schon in die Geheimnisse unserer Familie eingeweiht ist, ihr bätet ihn,-bei uns einzutreten?" - Jan kämpfte einen Augenblick mit sich, dann versetzte er höflich:- - „Bitte, wenn ihr eintreten wollt?" Gentillot folgte der Einladung und trat hinter den Vorhäng. Ein holzgetäseltes Gemach, von dessen'Decke silberne Lampen niederhingen, nahm ihn auf: Permuttereingelegte Tische, niedere Diwane mit'herrlichen Perserteppichen bedeckt, geschnitzte Truhen 'und hundert umherstehende Kunstgegenstände fesselten den Blick. Hinter diesem Gemach lagen noch ein paar andere, mit ebendemselben Reichtum, demselben Geschmack eingerichtet. Bernhardin sah sich betreten um.. War all dies Wahrheit, nicht Traum, nicht Täuschung? War das Weib vor ihm wirklich — Jan Favollas Tochter? „Setzt euch!" Sie richtete die samtenen Augen aus ihn und deutete auf einen der Diwane. Er hörte indes kaum, was sie sagte. Aus dem Innern des nebenanliegenden Gemachs kam eine Gestalt hervor, ganz silbrig, ganz, unwahrscheinlich. Es war ein Greis, Dem der lange schlohweiße Bart weit über den Gürtel fiel. Sein Gesicht, Knochen über die weiße Haut gespannt war, leuchtete in einem Licht, das irgendwoher aus ünwahrnehmbarer Quelle zu kommen schien. Die erbleichten, halbblinden Äugen hatten den Ausdruck der Gestorbenen, den großen, grenzenüberschauenden, der alles in sich begreift. „Wer ist das?".stammelte.Bernhardin. „Mein Urgroßvater." „Orpa," der Alte, ging auf sie zu: „Wer ist der Herr? Wie könnt ihr Fremde, hereinlassen?" „Er ist meine Kundschaft, Großvater." Jan schob einen Sessel «herbei, doch der Alte ließ, sich nicht nieder, sondern kam ganz,nahe an Bernhardin heran, hob beide Handflächen gegen ihn auf und sagte: „Gesegnet sei euer Wntritt!" dann entfernte er sich.,- :. , „Er . hat eure Seele gespürt und. ist zufrieden." Die schöne Orpa richtete «die Augen auf Bernhardin. . „Aber," meinte Gentillot verwirrt, '„gestern/ erschien ' mir dieser Greis anders." >, Wie seltsam, wie seltsam! Als ob man in einer anderen Welt hier weilte! Und ihr seid wirklich des Fräuleins Vater? . Oder — wäre es doch eure Muhme?" Jan lächelte. „Was tut man nicht in der Sorge für sein Kind! Nun, da ihr hinter unsere Wände geschaut «habt, kann ich es nicht leugnen: sie ist meine Tochter. Sie ist fünfzehn Jahre alt, mit achtzehn habe ich mich vermählt:" „Und-eure Frau?" - -,Jst - tot/ ■ ebenso wie Mutter und. Großmutter. Die - Frauen leben hier unten nicht lange."- ' ' Ein Schauer ergriff Bernhardin und zugleich ein aus- - lohendes Weh.- - - - „Oh, Fräulein," er faßte fchüchtern'nach der Hand, anderen - Mittelfinger der Ring strahlte, „was habt ihr mir' getan?" Sie ließ die langen, seidigen Wimpern über die Augen gleitem „Lieber lasse ich mir den Finger, abnehmen, als das Kleinod durchsägen.- So bekommt ihr den Ring und gleichzeitig ein Andenken von mir." „Wenn mir nun aber der Finger zu wenig wäre und ich -die ganze Hand wollte?" Ein Lächeln glitt über ihr edles Gesicht. ' .. „Geh auf deine Kammer," sagte Jan rauh/ „ich habe Geschäftliches mit dem Herrn zu besprechen." Sie neigte das Haupt und entfernte sich. Schon im Rahmen der Tür wandte sie sich nach Bernhardin um. „Morgen ist Finger und Ring in eurem Besitz." ' „Rodet nicht solche Worte." Mit einem Schritt war Bernhardin neben ihr. „Im Gegenteil! Ich will —" „Nehmt eure Zunge in acht, Herr!" Jan blickte Gentillot drohend an. „Das Kind ist gefährlich. Es nimmt jedes Wort für bare Münze. Es hat noch keinen Lügner vernommen, auch selbst keine Lüge ausgesprochen."; „Bernhardin von Gentillot ist kein Lügner, das kann die Welt euch bezeugen." „Geh endlich," herrschte Jan seiner Tochter zu. Sie gehorchte. Ein Geruch wie von Lilien, auf denen die Sonne liegt, ging hinter ihr her. Bernhardin legte die Hände an die Schläfe und . ließ sich -auf einen der Diwane fallen. „Ich glaube, mir ist nicht wohl." „Geht-an die Luft, gnädiger Herr! Für euch ist das hier unten nichts. Wir sind es schon gewöhnt." (Schluß folgt.) Litersrilchr Mitteilungm. Jsr aelitisches Gebetbuch. Im Aufträge der Verwaltung der israelitischen Gemeinde in Franksurt a. M. bearbeitet .-von Rabbiner Dr. C. Seligmann. ErsterTeil: Sabbat, Festtage und Werktag. Zweiter Teil: Neujahrsfest und Versöhnungstag. ' Frankfurt a. M. 1910. Selbstverlag der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. D enk s ch r i f t z u d em . . .. neuen israelitischen.Gebetbuch von Rabbiner Dr. C. Seligmann. Franksurt a. M. 1912. . Hagada, Liturgie für die häusliche Feier der Sederabende in deutscher Sprache neu bearbeitet von Rabbiner Dr. C. Seligmann. Mit Bildern aus einer handschriftlichen Amsterdamer Hagada vom Jahre 1738 . . . und mit Kompositionen . . . zum Teil nach den alten Melodien. Verlag von I. Kaufsmann, Frankfurt a. M. 1913. Die hier anzuzeigenden Gebetbücher haben ihre besondere Geschichte, die aber von allgemein jüdischem Interesse ist. 'Darum möchte ich die Leser dieser Zeitung auf dieselben aufmerksam machen und zugleich auf die Bedeutung dieser.neuen Bereicherung unserer Liturgie Hinweisen. / - . : , - 1 Im Jahre 1902 haben hervorragende Mitglieder der Frankfurter Gemeinde ein Anti-Tauf-Komitee gebildet. Neben anderen Mitteln

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