Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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im Begriff sich mit Renatus von Ormond, einem vielver- I mögenden Mann, zu vermählen, und fand nicht Zeit, des Bruders Tun zu beaufsichtigen. So konnte 'Bernhardin ungehindert seinen Launen folgen und dumme Streiche machen. Daß Ring und Gürtel sein werden mußten, stand fest in ihm. Weshalb hatte seine Mutter, sie stammte aus. Südfrankreich, so viel Sinn für Schönheit, für Eigenart, in ihn gepflanzt? Trug nicht sie die Schuld, daß er bis zum heutigen Tage noch keine Dame gefunden hatte, die er zur Gattin hätte nehmen mögen? An jeder Frau fand er etwas zu tadeln. War es nicht ein Charakterfehler, der ihn an ihr abstieß, so mindestens irgendein äußerer Fehler. Die eine hatte zu große Füße, die andere war zu üppig, einer dritten Nase war plump geraten. An einer gefielen ihm die Brauen nicht, oder sie hatte" eine rauhe Stimme, oder sie kicherte zu viel. Da ich, wie es den Anschein hat, keine Erben hinterlassen werde, so kann ich mein Einkommen für mich verbrauchen, kalkulierte Bernhardin, die aufsteigenden Bedenken beschwichtigend, und eilte die Stufen zu Favollas Gewölbe hinab. Jan ließ sich nicht blicken. Bernhardin wollte eben ärgerlich werden und Lärm machen, als der Händler austauchte. Er sah noch fahler aus als gewöhnlich und feine Haltung'war eine gebrochene. „Nun," begann Gentillot ungeduldig, „was verzieht ihr euch so lange? Sprecht schnell, damit ich weiß, woran ich bin." Jan machte eine abwehrende Handbewegung. „Es tut mir leid, gnädiger Herr, doch — der Ring ist unverkäuflich. Den Gürtel könnt ihr haben." . „Weshalb unverkäuflich?" Gentillots Augen blitzten zornig auf. „Ihr seid ja ein sonderbarer Kautz. Meint ihr, es mache mir Spaß, täglich in eure Höhle zu laufen? Gestern war der Ring verkäuflich, weshalb soll er heute nicht verkäuflich sein?" „Weshalb nicht? Weil ein Vorkommnis hindernd eingetreten ist." „Das Vorkommnis möchte ich kennen. Ein Wort bleibt ein Wort. Gestern sagtet ihr ja, heute könnt ihr nicht nein sagen." „Entschuldigt, gnädiger Herr, es ist unmöglich, das Kleinod zu verkaufen." „Habt ihr es gestohlen und fürchtet ihr, durch mich verraten zu werden?" Jan erhob stolz das Haupt. „Wir zahlen bar, was wir einkaufen, und die Quellen, von denen wir unsere Waren beziehen, sind lauter und bekannt." „Weshalb dann das Getue?" „Ich kann euch das nicht auseinander setzen, der Ring ist eben nicht zu haben." „Das wollen wir sehen. So springt man mit Edelleuten nicht um. Ich werde eure Weise bekanntgeben, mögen die Bürger eurer Stadt die Rätsel lösen, die ihr mir aufgebt." Jan Favolla senkte bekümmert das Gesicht. Alles andere, nur das durfte nicht geschehen. In den Mund der Leute durfte er nicht kommen. Sollteer eine neue Judenverfolgung heraufbeschwören? Neue Ströme unschuldigen Blutes fließen machen? Waren seine Verborgenheit, sein Leben im Dunkel, seine Selbstverleugnung, sein Aufgeben aller Ansprüche vergebens gewesen? Er kannte die Bürger seiner Stadt zur Genüge, um nicht zu wissen, daß der leiseste Funke genügte, verderblichen Brand hervorzurufen, den alten Haß neu zu entfesseln. Mit schwankenden Schritten begab er sich hinter den Vorhang, verweilte etliche Minuten dort, während Bernhardin sich in seinen Mantel hüllte und zum Gehen wandte, und kehrte wieder. Er hatte augenscheinlich Rates mit jemand gepflogen. „So will ich euch denn die Wahrheit bekennen, gnädiger Herr", er berührte zaghaft Bernhardins Arm, „ein Mtglied meiner Fgmisie hat irr einer törichten Laune den Ring sich an den Finger gesteckt und bringt.ihn nun nicht mehr herab." Gentillot lächelte wegwerfend. „Welch plumpe Ausrede!" „Nein, Herr, es ist Wahrheit, keine Ausrede." Jans Gesicht trug den Stempel untrüglicher Wahrhaftigkeit. ' . „Nun, wenn es Wahrheit ist, wie ihr behauptet, dann ruft also jenes Mitglied eurer Familie und sorgt gleichzeitig für etwas Oel." Um Bernhardins Mundwinkel zuckte es ungläubig. „Ihr meint, auf diese Weise den Ring zu erhalten? Gefehlt, gnädiger Herr. Den - Versuch, durch Bestreichen des Fingers mit Oel den Ring zum Gleiten zu bringen, habe ich schon in dieser Nacht gemacht, alle möglichen anderen auch, bereits ist der Finger angeschwollen, doch der Ring rührt sich nicht." „Meint ihr wahrhaftig, daß ich euch dieses Märchen glaube?" „Ihr dürft es." „Ich tu's aber nicht, oder ich sehe die Person, die mir den Streich gespielt hat, mit eigenen Augen." Bernhardin setzte entschlossen den Fuß auf die Stufe. Jans Brauen rückten finster zusammen, er wandte sich zurück und hob den Arm empor. Langsam rollte der Vorhang zur Seite. Bernhardin fühlte Grauen in sich aufsteigen. Eine hohe, unförmlich vermummte Gestalt schob sich zögernd hervor. Welch runzelige, schmutzige Hand würde er sehen, berühren müssen? „Ist es eine Frau?" fragte er mit innerem Widerstreben, auf die elende Kleidung blickend. Jan stotterte: „Ja, es ist eine Frau, nun mag sie wieder gehen, da ihr euch von der Wahrheit meiner Worte überzeugt habt." „Oh, davon habe ich mich noch lange nicht überzeugt, zeig' die Hand her", herrschte Gentillot die Gestalt an. Eine wunderschöne, edelgeformte Hand, mit rosigen wohlgepflegten Fingernägeln löste sich aus der Vermummung und streckte sich ihm entgegen. Der Ring gleißte an ihrem Mittelfinger, der leicht gerötet war. Bernhardin stutzte. Er umfaßte die Hand und fühlte ihr Beben. Gleichzeitig atmete er den Moderduft, den die grobe Verhüllung ausströmte. „Legt doch die Fastnachtsmummerei ab," eine seltsame Beklemmung hatte sich seiner bemächtigt, „sie riecht nach Moder." Jan trat rasch herzu und löste behutsam das faltige Gewand, das die Frau bis zum Hals verhüllte und ein zweites ähnliches sichtbar werden ließ. „Und wo habt ihr das Oel?" „Was wollt ihr mit Oel?" Schweißtropfen traten auf Jans Stirn, „ich habe euch ja gesagt, alle ähnlichen Versuche wurden von mir schon gemacht. Geht nun, Muhme, der gnädige Herr hat gesehen, was er mir nicht glaubte." Jan gab der Gestalt einen leichten Stoß, damit sie sich entferne. Bernhardin faßte in die Lumpen. „Halt, noch einen Augenblick. Hebt den Arm hoch. Aber nehmt zuvor das entsetzliche Tuch von eurem Gesicht, ihr müßt ja darunter ersticken, und ich fürchte, heut nacht böse Träume zu leiden, soll ich noch länger dies verhüllte Haupt vor mir sehen." „Laßt das Tuch, euch geht's ja um die Hand." „Ich habe mich hier unten an alle Schrecken gewöhnt, so werde ich wohl auch.. diesen Anblick ertragen." Bernhardin, im Glauben, ein häßliches altes Weib zu erblicken, griff zornig in den dunklen Stoff und riß ihn vom Antlitz der Vermummten.