Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229085--69356-3281653- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
176 Schnitzler: Krokellar SernhsrÄi.' as Stück, das in Oesterreich verboten ist, wird seit Anfang Dezember im Berliner Kleinen Theater allabendlich unter großem Zulaus und Beifall des Publikums gespielt.;g)a der Titelheld ein Jude ist, verschiedene andere, zum Beispiel einige seiner Assistenten, gleichfalls dem Judentum angehören, einige andere Antisemiten sind, so hat sich 'die Meinuna verbreitet, es handele sich hier um ein jüdisches Stück. Das ist nun eigentlich nicht der Fall. Professor Bernhardt — das ist kürz der Inhalt des Stückes — hat als Direktor des Elifabethanum einem Geistlichen den Zurritt zu einer Sterbenden nicht gestattet, die keine Ahnung von ihrem bevorstehenden Tode hatte. Er hat den Zutritt verboten, weil er fürchtete, das Erscheinen des Geistlichen würde die letzten Momente der Kranken verdüstern. Darüber ist es durch falsche Aussagen der Krankenschwester und eines an dem Krankenhause tätigen medizinischen Kandidaten zu einem Prozeß gekommen, infolgedessen Bernhardt wegen Gotteslästerung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden ist. Er sitzt diese Strafe ab, nachdem er eine Berufung ab gelehnt hat, wird von seinen Anhängern im Triumphe eingeholt und glänzend gerechtfertigt, da die einzige Zeugin ihre beschworene Aussage zurücknimmt. Er gedenkt ein Buch über seinen Fall zu schreiben und man steht am Ende des Stückes eigentlich vor einem neuen Skandal, ohne daß man sagen kann, daß die Sache zu Ende sei. So schließt das Stück in höchst unbefriedigender Weise. Aber was geboten wird, fesselt den Leser und Hörer ungemein. Die österreichischen Verhältnisse, der Minister als Streber, der Hosrat (Sektionschef) als Atheist und Skeptiker, die Kollegen Bernhardis, teils eifrige Juden, teils wahrheitsliebende Christen, seine Gegner und Neider: offene und verkappte Antisemiten, werden vorzüglich gezeichnet. Nicht minder der Priester, eine Prachtgestalt, ein Mann, der im Grunde seines Herzens dem tapferen Verfahren des Professors Beifall zollt, ferner ein Journalist, der Typus des wichtigtuenden Tagesschriststellers, ein jüdischer Landarzt, halb aufdringlich, halb devot, ein vollkommener Schlehmil, der getaufte Verteidiger, der sich als Säule des Rechts aufspielt, und manche andere prachtvolle Typen. Und doch hat man, nachdem man während der Vorstellung unter dem Bann des Dichters oder, sagen wir besser, eines ausgezeichneten Porträtisten und Karikaturisten gestanden hat, kein reines Gefühl. Denn stehen wir denn wirklich ganz auf der Seite des Professors? Der Minister, sein Jugendfreund, charakterisiert ihn einmal mit den Worten: „Was dir fehlt, oas ist der Blick für das Wesentliche, ohne den alle Ueberzeugungstreue doch nur Rechthaberei bleibt." Und der Professor sagt einmal von sich: „Meine letzten Worte unterscheiden sich selten von meinen ersten", und das Stück endet mit den Worten Bernhardis zum Hofrat: „Sie in meinem Fall hätten genau so gehandelt", worauf der Hofrat entgegnet: „Möglich, da wäre ich halt gerade so ein Viech gewesen, wie Sie." Das heißt mit anderen Worten: der Professor ist ein unentwegter Rechthaber, eine Art von Michael Kohlhaas, der von seinem Rechte nicht einen Buchstaben aufgeben will, ein Charakter oder das, was man so nennt, aber kein sympathischer, für das Leben völlig unbrauchbar. Und hat er denn wirklich recht in seinem Kampfe? Das Mädchen, um das es sich handelt, ist verloren. Was schadet es ihr, so müssen wir Laien urteilen, wenn ihr in ihrem letzten Moment, vielleicht schon zu spät, wirklich der Geistliche erscheint. Uns will dünken, daß hier die ärztliche Autorität ein wenig zu weit getrieben sei, daß es sich hier nicht handelt um den Gegen- *) Komödie in fünf Akten von Arthur Schnitzler. S. Fischer, Verlag. Berlin. satz reiner Menschlichkeit gegenüber geistlicher Bevormundung oder pfäffischem Eindringen, -sondern um, eine allzu starke und darum ungerechte Betonung per Autorität im eigenen Hause. Was dieses merkwürdige Stück nun aber doch außerordentlich interessant macht, das ist die lebendige Charakteristik, die spannende Handlung, die vortreffliche Zeichnung der Juden, die eben nur ihrer Wissenschaft, nur ihrem Berufe dienen und die gar nicht denken können, daß bei ihren vortrefflichen Leistungen, bei ihrem nur der Sache dienendem Streben ihr Glaube ihnen etwas schaden kann. Das ist ferner die satirische Beleuchtung der Streber, der Neidhammel, der selbstbewußten Arier, der Karrieremacher und vieler anderer. Es ist ein lebendiges Bild der Gegenwart, besonders aber eine Vorführung der österreichischen Zustände. Wofür wir dem Verfasser besonders dankbar-sind, das sind die kräftigen Worte gegen die Taufe aus Ossportunitätsgründen, das entschiedene Eintreten für Mannhaftigkeit, die Lobpreisung der Charakterstärke. Es ist eine.unterhaltende und belehrende Schilderung österreichischer Zustände, ein zugkräftiges Bühnenstück, eine von Humor gewürzte Darstellung, bei der der tiefe und ernste Grundgedanke nicht fehlt. L. G. Dir kluge Mps. Novelle von M. I. H- San Favolla zuckte gelassen die Schultern. — „Da muß ich erst mit meinem Vater beraten. Gerade diesen Ring geben wir gar nicht gern zum Verkauf hin, er ist ein Unikum." „Für mich gerade gut genug." Jan verneigte sich. „Wenn ihr euch bis morgen gedulden wollt —" „Ha, weshalb die Unruhe des Wartens? Gebt mir ihn heute schon." Ueber des Händlers Gesicht huschte ein Lächeln. „Habt ihr euch denn mit so viel Geld versehen, gnädiger Herr?" Gentillot, der in seiner Begeisterung vergessen hatte, wo er war, kam zu sich. Er erinnerte sich, daß er vor einem Kausmann stand, der Geld für seine Waren wollte. Und Geld hatte er nicht viel in seinen Gürtel gesteckt. Er sann nach. „So will ich also heute noch hier in der Herberge bleiben. Morgen sehe ich mir den Ring nochmals an, vernehme euer Preisangebot, und wenn ihr nicht zu maßlos in euren Forderungen seid, können wirchandelseinig werden." Im Notfälle verkaufe ich Beauvais, das alte Räubernest mit seinen Wäldern, um mir Ring und Gürtel leisten zu können, durchflogs Bernhardin, als er' die Stufen, die nach dem Hof führten, hinaufsprang. Am nächsten Morgen, kaum als die Sonne aufgegangen war, war er auch schon auf den Füßen. Nach einem flüchtigen Imbiß eilte er über den Marktplatz nach dem Keller des Trödlers. Unterwegs kam ihm das Tolle seines Vorgehens zum Bewußtsein. Seine Sammelwut, eine Krankheit der Kavaliere seiner Zeit, verschlang nun schon Unsummen. Wenn er weiter fortsuhr einzukaufen, so würde sein nicht unbedeutendes Vermögen bald zusammengeschmolzen sein. Indes, er besaß niemand, «der ihn von seinen Torheiten zurückgehalten hätte. Sein Vater. war längst tot. Seine Mutter, eine schwache Frau, fand alles für gut, was ihr Sohn tat. Rositte, ihre Tochter, Bernhardins Schwester, stand eben