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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-11 · Heft 15 (11.4.1913) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 15 (11.4.1913)
Date
1913-04-11
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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denn sie sind unfruchtbar. Für den gewöhnlichen, Hausgebrauch find diese Beruhigungspulver gut, und. sie wirken , als Suggestion; wenn aber Fragen und Probleme aufbauchen, bann genügt es nicht, zu sagen, hütet euch vor. den starrsinnigen Orthodoxen und hütet euch vor den stürmischen Liberalen,. denn sie haben beide ebensowohl Recht als Unrecht! Dü will man.wissen: auf wessen Seite steht heute in dieser oder jener Sache das bessere Recht? Ein Mann, wie Zacharias Frankel, in Ehren; der Liberalismus wandelt ganz in seinen Spuren! Wie kann uns aber der der Orthodoxie nahestehende, verehrte Rabbiner Dr. Werner „eine radikale Partei" nennen? Mit Verlaub: wohin gehören denn die N e f o r m g e m e i n d e n Deutschlands u n d Amerikas? Warum werden diese dem Publikum unterschlagen mitsamt der bei ihnen vorhandenen Summe von jüdischer Intelligenz und Opserwilligkeit?! Bei Politischen Parteien mag es hingehen, im Kampfeseifer die Trennungslinien, die jene, selbst ziehen, zu ignorieren; in der Religion fordert es die Gerechtigkeit, sie zu respektieren! Ein Wort auch an unsere Zionisten, die sich mit der Orthodoxie zur Abwehr der Richtlinien zusammengefun-den. Sie beweisen, daß wieder eine neue Wandlung mit ihnen vorgeht; daß das nationale Programm auf die Dauer nicht zureicht, und die vielgerühmte Neutralität in religiösen. Dingen vorschnell in die Brüche gegangen ist. Sie bekämpfen nicht, die religiöse liberale Gesinnung, sondern die Gegner des politischen Zionismus; sie sollten aber bedenken, daß die Waffenbrüderschaft mit der Orthodoxie recht teuer bezahlt werden muß, und die Früchte des Sieges nicht der Zionismus ernten würde. Statt ins Schlepptau der. Unduldsamkeit zu geraten, sollten die Zionisten bedenken, daß sie in religiöser Hinsicht an die Seite des Liber a l i s m u s g e h ö r e n , der ebenso, wie sie selbst, eine innere Erneuerung und Vorwärtsentwicklung auf Grund des historischen Judentums anstrebt.' Gelingt es ihm . nicht, libevälgesinnte.Juden zu gewinnen — Orthodoxie und Zionismus sind und bleiben Gegensätze! Der Liberalismus kann heute sagen: viel Feinde, viel Ehr'! Wir versuchten eine Würdigung der Richtlinien als einer Manisestation, die eine ungewöhnlich heftige, religiöse Polemik Hervorgerusen hat. Die wahre W ü r d i g u n g wird er st e i n s e tz e n , wenn die Heftigkeit des Streites sich gelegt haben wird. Sollte sich zeigen, daß die N a m e n s z e i ch n u n g von Richtlinien ein t a k t i s ch e r F e h lex war, nun denn-, er wäre in der guten Absicht gemacht würden, der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, und damit, nach dem guten Glauben der Unterzeichner, dem Gesamtjudentum einen bedeutenden Dienst zu erweisen. Die liberalen Rabbiner brauchten keine Richtlinien; sie sind allesamt besser, als es nach ihren Grundsätzen scheint! Merkwürdiges Naturschauspiel; da es sonst umgekehrt zu sein pflegt. — Was liegt Menscheil, die für ihre Ideale begeistert sind, an einigen Sätzen in ihrer ersten Fassung! Sie sind Werdende, die nach Goethes schönem Worte immer dankbar sind. War anderseits die Zeit nicht reif für ihre Ansichten, dann können sie sich trösten und geduldig warten. Was im Anfänge des Jahrhunderts gesät, wird, geht vielleicht im.Zenith. desselben auf. Der Liberalismus der 63 deutschen Rabbiner und ihrer schweigsamen Gesinnungsgenossen beruht nicht aus einem bedruckten Blatt Papier, sondern wurzelt tief in ihren Geistern und ihren Herzen! Zerreißet nur immerhin die mahnenden Zeichen; wir denken mit Carlyle: Arbeiten und nicht verzweifeln; und mit Jesaja: „Mjt uns ist Gott!" 171-——- Die Woche. •' Berlin, den 8^ April 1913. it Interesse und Bangen blicken wir alle nach wem Osten Europas. Die von den Mächten: England, Frankreich, Deutschland, Italien, Oesterreich-Ungarn ins Werk gesetzte Flotten d e m o n st r a t i o n hat begonnen. Sie bezeugt zwar einträchtiges Zusammengehen der europäischen Mächte, hat aber Montenegro bisher nicht gehindert, seine Anstrengungen gegen Skutari fortzusetzen. Pie Friedenssehnsucht wird, zwar immer stärker, die verbündeten Balkanstaaten wollen aber offenbar immer bessere Bedingungen erlangen und lassen sich, ihrer Kraft vertrauend, von den europäischen Mächten wenig imponieren. Wie soll das enden? * Die Erinnerung an die große Zeit von 1813 wird durch manche Beiträge von jüdischer Seite gepflegt, So finden wir tm „Hambnrgischen Korrespondenten" einen Bericht über einen Vortrag des Herrn Rabbiner E. Dukesz aus Altona über „Hamburgs I u d e n i m Jahre 181 3", den wir hier folgen lassen: Die Konsistorialgesetze, wie sie in Paris für alle jüdischen Gemeinden von dem Pariser Sanhedrin vorgeschlagen und auch genehmigt wurden, traten unter der Franzosenherrschaft auch für. Hannbürg in Kraft. An: 18. Februar 1813 traf von Paris ein kaiserliches Dekret ein, worin die Wahl eines Konsistorialräbbiners für Hamburg, des elsäßischen Rabbiners. H. Lazar, mitgeteilt wird. / Die letzte. Sitzung der Administration unter der. damaligen französischen Herrschaft fand am 22. Februar 1813 statt, wo die Notabeln das Geld, für die Reise und für die Wohnungseinrichtung des neuernannten Konsistorialrabbiners bewilligten. Vom 18. Februar bis 26. April fand keine Sitzung 'statt. Die gewaltigen Umwälzungen, die Niederlage Napoleons, ' der Rückzug aus Rußland lenkten die' Aufmerksamkeit von den Gemeindeangelegenheiten ab, und ebenso, wm Hamburg 8 Tage ohne Behörde war, so scheint auch die' Jüdische Gemeinde 2 Monate ohne eigentlichen Vorstand gewesen zu sein. Das Jahr 1813 war nach der jüdischen Kalenderrechnung ein Schaltjahr. Am 15. März, es war dies am Fasttag Esther, begaben sich Hamburger Deputierte nach Bergedorf, um die nahenden Russen zu begrüßen.. Am 16. März, am Purimseste, herrschte in der Gemeinde, eine dop-, pelt freudige Feststimmung, die sich in den folgenden Tagen noch steigerte in der Erwartung der russischen Befreier, lieber den Einzug Tettenborns am 18. März, berichtet uns Haarbleicher in seiner Geschichte der jüdischen Gemeinde: „Dieser unvergeßliche Tag erfüllte Christen und Inden mit nie geahnter Begeisterung. Entzückt lag alles einander in den Armen, durchflammt von dem Gefühl der wiedererlangten Freiheit. Die Teilnahme der Juden Hamburgs an den folgenden Befreiungskriegen war eine bedeutende. Wenn man in Erwägung zieht, daß Napoleon, mögen seine Beweggründe wie immer gewesen sein, es dennoch war, der die Gleichberechtigung der Juden zuerst, anerkannte, die Lage der Juden in Frankreich und anderen Ländern durch sein Einwirken so gestaltete, daß sie schließlich zur Erlangung der Bürgerrechte führte, wenn wir ferner bedenken, daß Hamburgs Ratsherren, trotz der so oft vom wohlwollenden Senate anerkannten Nützlichkeit der Juden, für die Hebung des Handels und ihrer Mitarbeit an allen kulturellen Bestrebungen, ihnen dennoch die Bürgerrechte versagten, so wäre es vielleicht verständlich gewesen, wenn die Juden die französische Herrschaft begünstigten. Es war dies aber durchaus nicht der Fall. Es ist auch kein einziger Fall bekannt, wo die Juden Hamburgs die Franzosen unterstützten oder irgendwie begünstigten. Die in Hamburg zu damaliger Zeit wohnenden Juden bedeuteten eine wesentliche Macht. Es waren mehr als 7000 Seelen, unter denen sich sehr reiche, einflußreiche Männer befanden, die. wohl imstande gewesen wären, den Franzosen Hilfe zu leisten. Aber die Liebe zur Vaterstadt, zu dem Lande, das sie beherbergte, wurzelte so tief in ihnen, daß sie mit Gut und Blut für Hamburgs Freiheit, für Deutschlands Macht und Selbständigkeit eintraten und mutig mitkämpften, um die französische Fremdherrschaft äbzuschütteln. Nicht nur'die Männer, sondern auch-jüdische Frauen und. Mädchen beteiligten sich mit Begeisterung, an den patriotischen

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