Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
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170 auch vielfach der Fall ist. — Der Differenzpunkt liegt in der Gesinnung, in der Ueberzeugung, um nicht zu sagen, in einem Do gma. Man erschrecke» nicht! Wir müssen über den schönen-Traum hinauskommen, als gäbe es eine Re-1 ligion ohne Glauben; gerade liberale Juden müssen ein sehen,, daß in der Religion, die ihnen Weltanschauung in erster, und erst in zweiter Linie religiöse Lebensführung ist, gemeinsame Ueberzeugungen, Erkenntnisse und Bekenntnisse die Grundlage der Gemeinschaft bilden. . Der Unterschied gegenüber anderen . Religionen ist nur der, daß unsere Dogmen unter dem Lichte der Vernunft stehen, und'mit deren Errungenschaften - fortschreitend, slüssig im Wort und frei in der Auffassung durch den Jndividualgeist und durch das Gemeindebewußtfein sind. Dies vorausgeschickt, meinen wir nun: ' Gemeinsam dem orthodoxen und liberalen Judentum sind: im Bekenntnis: Der einig-einzige Gott, die Anschauungen von seinem Wesen, seinen Eigenschaften, seinem Walten in Natur und.Menschenleben; von der Geistigteil der Seele, ihrer.ursprünglichen Reinheit, Willensfreiheit, Kraft zum Guten;, von der Sünde und Buße, der-Gnaden!- und Erlösungslehre; der Unsterblichkeit und Vergeltung; von der geschichtlichen Berufung Israels, seinem allgemeinen Priestertum, von der Einheit des Menschengeschlechts und. dessen Anstieg zu. den Tagen des Messiasdie nicht den Vorzug einer Menschengruppe, sondern die Beglückung der gesamten Menschheit durch den Glauben an der Einig-Einzigen bringen sollen. . Ferner in der r eligiösen Leben s o r d n u n g : Gleichheit - der , religiösen Gesinnung und Heiligung .Gottes durch die gesamte Lebensführung,, und durch besondere Veranstaltungen: als Gebet, Sabbat, und Feste, Sitten und Gebräuche. Desgleichen i n d e r r e.l i g i ö s e n Ethik.- Grundlegung derselben in der Heiligkeit des göttlichen Willens; in ihren Ideen, leitenden Grundsätzen, beachtenswerten Vorschriften, Anregungen und Winken für Persönlichkeitsleben, Familie, Gesellschaft, Gemeinde,- Staat und Menschheit. Ferner i n-b e z u g a u.f G e s ch i chte- Gleiche Gefühle für die glorreiche, heldenhafte Vergangenheit, gestützt auf starke Zusammenhänge des Blutes, der Abstammung, der Schicksale. Endlich - f ün f t e ns , daraus hervorgehend, gleiche G e - g e n w a r t s a u s g a b e n; neben! pietätvoller Pflege der Erinnerungen und wissenschaftlicher Durchdringung des Judentums Pflichten der Organisation und Verwaltung der Gemeinden,'der Festigung, im Innern und Abwehr feindlicher Angriffe; des -an den höchsten. Anford erungen zu messend er», tiefgreifenden Religionsunterrichtes; dersozialen Leistungen, der Wohlfahrtspflege an. inländischen und ausländischen Glanbensbrüdern; der Kolonisation, insbesondere im heiligen Landes - ... - ■; . Trennend ist demgegenüber allein die dogmatische Anssassnilg des sogenannten Religionsgesetzes. O r - thodoxe Ansicht ist: Unmittelbare Kundnt a ch u n g ein er unabänderliche n Ges e tz g e - b u n g durch Gott j elbst., und Anwendung derselben durch göttlich inspirierte Gesetzesgelehrte; strenge Heteroniomie, gemildert durch gläubige Unterordnung und freudigen,., heilerwartenden und -erfahrenden Gehorsam; höchstes Ziel: möglichste Kongruenz der äußeren, religiösen Lebensführung nach Maßgabe des in dem mystischen Begriffe „Tora" erkannten, göttlichen Willens. (Judentum vorzüglich und fast ausschließlich eine bestimmte Art religiösen» Tuns und Las sen s.) Liberale Ansicht ist: Mittelbare Kundg!eb u ng ei n er der Zeit und d em Orte ang epa ßten Gesetzgebung durch gotterfüllte, religiöse G si che r; der alten Zeit und dem alten Israel angehörend, insofern sie ungetrennt die Vorschriften über Kultus und. Ritus, Staats-' und Privat-, Zivil- und Kriminalrecht, Sittlichkeit und Sitte umfaßt; von Ewigkeitsgehalt in ihren Prinzipien; dagegen in steter Umwandlung begriffen und der Abrogation unterworfen im materiellen- Inhalt und der gesamten Kasuistik; Erkennbarkeit verschiedener, großer Stufen und-Phasen, und deutlicher Höhentrieb zu den - reinsten Formen verinnerlichter, religiöser Uebung und autonomer Ethik. (Judentum vornehmlich eine bestimmte Art, Gott zu erkennen und seinen, heiligen, im/ Gesamtgeiste des israelitischen Volkes aller Zeiten und Richtungen sich kundgebenden Willen zu erfüllen.) - .: - . Genügt diese Differenz, um einer aush o r ch e n d e n W e l-t -v -o n Gegnern d e s I u d e n t u m s s e i e r l i ch d i e Sprengung der jüdischen Einheit z u b e r k ü n den; mit der schlecht; verhohlenen Freude, daß man endlich den inneren Feind -entlarvt, und ihn. länger als Glaubensgenossen anzusehen nicht. verpflichtet sei? Darauf antworten wir: nein, nnd tausendmal nein! Indessen sollte der Liberalismus einsehen,'daß er wieder . eimnal u m s e i n. n. a ck t es D ä f.e i n s r e ch t innerhalb des Judentums zu kämpfen hat. Die Orthodoxie - besaß -seit 30 Jahren eine Art Vorherrschaft, weil ihr Gegner, der! Liberalismus, sich nicht zu regen wagte. Niemals hat dieser der Orthodoxie ihren Platz im Judentume verweigert; gleichviel, wie man sie theoretisch wertete, man erkannte an, daß sie eine geschichtlich begreifliche, in der Gegenwart mitberechtig te Richtung war. .Eine gleiche Anerkennung hat der Liberalismus von-der Orthodoxie niemals' zu erwarten! Es befremdet daher einigermaßen, ..wenn in Richtlinien XII der Satz begegnet: „Gemeindeinstitutionen, welche auch nur eine Minderheit der Gemeinde zur Befriedigung ihrer religiösen-Bedürfnisse brauchen, sind unbedingt zu erhalten." Für diese Toleranz kann unser Gegner kein Verständnis haben; er glaubt nicht, daß man ihm eine Einrichtung aus Gnade oder Nachsicht, zu schenken brauche; , er kann ja fordern. Zielt jener Satzauf das rituelle Schächten, auf das rituelle Tauchbad, oder worauf sonst? Man sollte meinen, wenn die Einrichtung religiös wertvoll ist, dann ist sie für alle zu erhalten bzw. herzustellen; wenn nicht, füralle zu verwerfen; wieviel Personen von einer religiösen Einrichtung tatsächlich Gebrauch machen, das darf der Maßstab nicht sein., Und wie, wenn die Einrichtung (etwa die Erteilung des Priestersegens durch sogenannte Aroniden) auch nur noch einem schrullenhaften Eigenibrödler nötig erscheinen sollte? Immerhin ist eine Uebertreibung der Toleranz sittlich höher zu veranschlagen, als jede Form des Fanatismus.- Durch den blindwütigen Vorstoß der Orthodoxie gegendie liberalen Rabbiner (denn diese vor a l l e m w o l l t e m a n treffen), ist die Lage der deutschen Judenheit blitzartig beleuchtet worden: jene verlangt die Frucht ihrer 30 jährigen Arbeitdie unbedingte Anerkennung i h re r All ei n - he r r s ch a f t, ihres ausschließlichen' Rech t e s i n n e r h a l b u n s e r e s Be ke n n t n i s s e s. Mag auch die * Weltgeschichte grade in unseren Tagen ihre dräuende Stimme vom Balkan her erheben; die jüdische Trennungsorthodoxie ruft mit den montenegrinischen Popen um die Wette: orthodox oder tot! Natürlich geistig! . Desto stärker sollten die Warnungen in allen übrigen jüdischen Lagern vernommen und beherzigt werden: „wenn Israel einig.' wäre (sagen wir, auch nur duldsam!), dann könnte keine feindliche Macht ihm schaden." Die Wortführer der „Freien jüdischen Vereinigung" haben aus der imposanten Berliner Märzversammlung die Berechtigung ihrer Mischmascherklärung nicht -nachZuweisen vermocht. Daß Männer, wie Dr. Weiße, Dr. Brann und Dr. Werner reden können, wußte man schon lange; aber diese Reden waren keine Taben,