Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1913)
- Date
- 1913-04-11
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Spenden. Am 23. März wurden die Sammlungen eingeleitet und cs befinden sich unter den Spendern viele jüdische Namen. Kerner hatte sich ein Komitee von 4 Damen gebildet, um Wäsche usw. für die verwundeten Krieger anzunehmen und an die Behörde gelangen zu lassen. In diesem Komitee befanden sich zwei jüdische Frauen, nämlich Madame Heine, Frau des Salomon Heine, und Frau Henriette David. - , Am Krönungstage Alexanders I., am 24. März 1813, sand in der großen Synagoge ein Festgottesdienst statt, zu dem ein Herr Mendelssohn ein Gedicht verfaßt hatte, das im Gotteshause gesungen wurde. Mendelssohn mußte für dieses Gedicht später büßen, er wurde verurteilt und nur die schleunige Flucht vermochte ihn zu retten. Ebenso wurden, als die Franzosen zurückkehrten, mehrere Juden, die ihren Franzosenhaß bekundeten, bestraft. David Mayer Goldschmidt Oldenburg mußte schnell nach Altona flüchten, wo er durch den Schrecken der Flucht 1814 starb. Simon Marburg wurde, einer Familienaufzeichnung zufolge, als Geisel von den Franzosen nach Wilhelmsburg gebracht, wo er erst nach vieler Mühe von seinem Bruder ausgelöst wurde. Am 19. März erließ Tettenborn bekanntlich seinen Aufruf zur Bildung eines hanseatischen Korps, der hanseatischen Legion, und auch viele Juden folgten der Aufforderung. Eine genaue Liste der jüdischen Namen gibt es nicht, da die Listen 1842 verbrannten. Doch aus dein Gedenkbuch des Jubelfestes am 18. März 1838 läßt sich entnehmen, daß -ihre Zahl nicht ganz unbedeutend gewesen ist. Wir finden u. a. dort verzeichnet, daß Dr. med. Hartog Gerson, Dr. med. Sigismund Hahn, Dr. jur. Gustav Moritz Heckscher und Leutnant Emanuel Wertheim die Feldzüge mitmachten. Andere jüdische Namen befinden sich auf der Gedenktafel für die Gefallenen in der Michaeliskirche. Am Mittwoch, den 21. April, war die Fahnenweihe der neuen hanseatischen Fahnen. Vier Damen verbanden sich', um gemeinsam eine Fahne zu stiften und selbst zu verfertigen, darunter wieder die beiden jüdischen Frauen, Frau Heine und Frau David. Um 11 Uhr kam Tettenborn mit seinem Gefolge, ferner die Bürgergarde und zwei Batterien der Hanseaten. Die reitende Artillerie kommandierte Hauptmann Spooremann und die Fußbatterie ein früherer Preußischer Artillerist Dr. Wertheim. Auch dieser Dr. Wertheim war Jude, er war Lehrer und ein berühmter Mathematiker. Die patriotische Betätigung der Juden während der Befreiungskämpfe fand denn auch bei bedeutenden Staatsmännern Anerkennung. Zwei Jahre später bei der Beratung über die Gleichberechtigung der Juden schrieb am 4. Januar 1815 Fürst v. Hardenberg an den Grafen v. Grote nach Hamburg (mitgeteilt in Riester Der Jude): „Auch hat die Geschichte unseres letzten Krieges wider Frankreich erwiesen, daß die Juden des Staates, der sie in seinem Schoße ausgenommen, durch treue Anhänglichkeit würdig geworden. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Wasfengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben auch unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen, so wie die übrigen jüdischen Einwohner, namentlich die Frauen, in Aufopferung jeder Art den Christen sich anschlossen." Als dennoch nach kurzer Zeit die Oberalten die Juden von den Bürgerrechten ausschließen wollten, da waren es der wackere Perthes und der Bürgermeister Abendroth, die in Schrift und Wort für die Juden eintraten. Zinn Schlüsse seiner mit großem Beifall aufgenommenen Darlegungen betonte der Redner: Wenn auch im März 1813 Hamburg durch die Russen aus der französischen Fremdherrschaft befreit wurde, so war dies nur eine vorübergehende Befreiung, denn bald folgte die Rückkehr der Franzosen, die Belagerung und die Ausweisung aus Hamburg, worunter die Juden doppelt schwer zu leiden hatten. Erst ein Jahr später, am letzten Tag des Passah-Festes, war die endgültige Befreiung Hamburgs genaht. Freudigen Herzens sprachen die Juden folgendes Dankgebet „Wohin der Blick sich wandte, war Unglück und Not, trüber Nebel verhüllte die Zukunft. Schon zogen nur den Tod dem endlosen Jammer vor, er war willkommener als des Verderbens schleichende Glut. Da strahlt uns plötzlich Licht von oben und Du Ewiger sandtest uns Rettung, da Hoffnung dem Herzen entschwunden war. Das Licht durchbrach die düstere Hülle und schien der Welt und ihren Kindern. Das Joch der Bedrückung zerbrach und die Menschheit atmete auf. Deine Huld erfüllte den Erdenraum, und Gram und Leid waren verschwunden. Dank, mächtiger Netter! Dir in den Himmelshöhen/' * Zur Beilisaffäre wird aus Kiew der „N. I K" geschrieben: -o J Der „Kiewljanin" brachte dieser Tage folgende, offenbar hvchoffizwse Erklärung: „Die Gerichtssache des Mendel B e i l i s, der wegen Ermordung des Andrei Juschtschinsky angeklagt wird, geht ihrem Ende entgegen. -Der Untersuchungsrichter für wichtigste Angelegenheiten des Petersburger Kreisgerichts, N. A. Maschkewitsch, der die gerichtliche Untersuchung in Sachen der Ermordung des Andrei Juschtschinsky leitet, ist am 10. (23.) März wieder in Kiew eingetroffen, wo er einige Personen von neuem vernehmen will, um manche Einzelheiten aufzuklären. Diese Arbeit wird nur einige Tage in Anspruch nehmen. Das gesamte Material der ergänzenden Untersuchung des Herrn Maschkewitsch wird alsdann der Staatsanwaltschaft des Kiewer Kreisgerichts übermittelt werden, die ihrerseits eine neue Anklageschrift abzufassen haben wird. Wie wir erfahren, wird in der neuen Anklageschrift das Material verarbeitet werden, das auf den rituellen Charakter des Mordes hinweist, was ja bekanntlich in der ersten Anklageschrift nicht der Fall war. Die Anklageschrift wird der Anklagekanzlei der Kiewer Gerichtskammer unterbreitet werden, die zu beschließen haben wird, ob die Anklageschrift gutgeheißen werden, oder aber, falls ihr das Material für die ganze Anklage gegen Beilis unzureichend erscheinen wird, die ganze Sache annulliert werden soll. Sollte die Anklageschrift von der Kammer genehmigt werden, so wird die Gerichtsverhandlung gegen Beilis nicht früher als im Mai stattsinden können. Alle die Zeitungsnachrichten, wonach die Anklageschrift in Sachen des Beilis bereits der Anklagekanzlei der Gerichtskammer unterbreitet worden sei, entsprechen der Wirklichkeit nicht." Unter dem 27. März wird der „N. I. K. ferner aus Kiew telegraphisch' berichtet: Untersuchungsrichter Maschkewitsch hat heute den Saizewschen Ziegeleihof, wo Beilis wohnte, von neuem besichtigt und sich dort wieder einmal Lehm für die chemische Untersuchung geholt. Es soll nämlich fest-gestellt werden, ob der an den Kleidern des ermordeten Knaben gefundene Lehm von gleicher Beschaffenheit sei, wie der in der Ziegelei gebrauchte. Am 28. März war die erneute Zeugenvernehmung. Inzwischen wird eifrig für die Schaffung einer günstigen „Stimmung" gearbeitet. Rechtsanwalt Margolin, der Verteidiger Beilis', hatte sich dieser Tage vor dem Kiewer Kreisgcricht wegen eines angeblichen Versuches zur Bestechung und Verleitung zu falscher Zeugenaussage zu verantworten. Die berüchtigte Vera Tschebhriakow, die Brasul-Bruschköwsky als die Hauptschuldige an der Ermordung Juschtschinskys bezeichnet hat, und die vor kurzem wegen Urkundenfälschung zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde, beschuldigte Margolin, er habe sie zu überreden versucht, gegen eine, entsprechende Vergütung den Knabenmord aus sich zu nehmen. Margolin bestreitet selbstredend auf das entschiedenste die Behauptungen der vielseitigen, ehrenwerten Dame. Er führte den Nachweis, daß er sie bloß aus Veranlassung Brasul-Bruschkowskys besucht hatte, um sich ' in der verwickelten Angelegenheit Klarheit zu verschaffen. Da Margolin beim Petersburger Kreisgerich't als Rechtsanwalt eingetragen ist, wurde die Angelegenheit der Anwaltskammer des Petersburger Kreisgerichts zur Entscheidung übertragen. # Derselben Quelle entnehmen wir nachstehenden Artikel aus New Jork: Antisemitische Strömungen in politischen . Kreisen Amerikas. Nachdem inr gesellschaftlichen und geschäftlichen Leben Amerikas seit geraumer Zeit ein ständig wachsender Judenhaß zu verzeichnen ist, zeigen sich letzthin auch im politischen Leben der Vereinigten Staaten bedrohliche Anzeichen für einen fortschreitenden Antisemitismus. So brachten dieser Tage New-Porker Zeitungen die Aufsehen erregende Nachricht, daß der Republikaner-Klub der New-Aorker Westseite künftig keine Juden mehr aufnehme. Diesen: Klub gehörten bisher zwanzig jüdische Mitglieder an, die sich sämtlich eines hohen Ansehens erfreuten. Kürzlich ^un empfahlen zwei dieser jüdischen Mitglieder zwei andere Juden zur Aufnahme in den Klnb; ihre Namen standen mit denen von 25 nichtjüdischen Kandidaten auf der Abstimmungsliste, aber während die übrigen 25 einstimmig aus--