Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jan Favollas altes, junges Gesicht versuchte freundlich, zu lächeln. Gentillot Prüfte den seidenartigen Glanz des hellroten Samts, die Schnitzerei der Armlehnen und sagte: „Der hat einen weiten Weg gemacht, er kommt aus Venedig." . Der Trödler nickte. „Ihr seid ein Kenner, ich merke es. Nehmt Platz und sagt, was ihr sehen wollt." Gentillot schaute umher und dachte: Wo mag er nur den Sessel verborgen gehabt haben? Da gewahrte er, heute brannten mehrere Lampen — einen dicken Vorhang, der das Gewölbe nach rückwärts abschloß. Dort mochten wohl noch mehr Räume mit schönen Dingen sein. Jan folgte beunruhigt den umherschweisenden Blicken seines Besuchs. Gentillot lächelte flüchtig und ließ sich nieder. „Nun, und der Gürtel, was ist's mit ihm? Was verlangt ihr für ihn?" „Er kostet dreihundert Goldgulden, Herr!" „Verdammt! Das ist viel Geld. Ich hätte ihn meiner Schwester als Hochzeitsgabe zugedacht, aber die Summe ist mir zu hoch." „Nehmt etwas anderes, gnädiger Herr, ich habe noch vielerlei. Nehmt ein Stück Schmuck." „Laßt ihr den Gürtel nicht billiger?" „Nicht möglich, Herr, es ist wahrhaftig schon der billigste Preis, den ich euch gemacht habe. Denkt nur an die Menge Perlen, die zwischen den Seidenfäden verarbeitet sind. Eure gnädige Schwester kann sich ein Halsband aus ihnen machen lassen, mag sie die Perlen nicht mehr als Schmuck des Gürtels." Jan wollte noch mehr Argumente Vorbringen, aber Gentillot sagte kurz: „Zeigt mir also den Schmuck." Der Trödler verschwand und kam gleich darauf mit einem Kästchen wieder. Es enthielt verschiedene Kleinodien, darunter Ringe mit bunten Steinen besetzt. Gentillot warf einen Blick auf den blinkenden Tand und stieß ihn verächtlich beiseite, so daß einige der Ringlein zu Boden kollerten. „Wie wagt ihr mir solches Zeug vorzulegen? Habe ich euch nicht gesagt, daß ich nur Wertvolles und Seltenes sehen will?" „Einen Augenblick, Herr!" Die krummen Finger suchten die verstreuten Schätze geduldig zusammen, und trugen sie hinter den Vorhang. Darauf erschien Jan mit neuem Schmuck. „Auch das ist Bettel." Bernhardins Augen wandten sich gelangweilt ab. „Verzeihung," der Trödler suchte aus der Kassette ein Halsgeschmeide hervor, „diese Kette aus Gold ist seine indische Arbeit." „Aehnliches sah ich schon bei unseren - Goldschmieden drüben." „Die ahmen nach, dies hier ist Originalarbeit." „Das Kettchen reizt mich ebensowenig, als diese plumpen Halbedelsteine mit ihren polternden Farben." Jan krümmte den Rücken. Gentillot stieg ungeheuer in seiner Achtung. Wer er war, hatte der kluge Trödler schon ausgekundschaftet. Indes wagte er doch die Behauptung: „Wenn eure Bereitwilligkeit, auszugeben, eurer Kennerschaft gliche, dann wäre es nicht schwer, euch zu dienen. So wird es mir nicht leicht." „Holt mir nochmals den Gürtel." Jan holte ihn. Das seltene Gewebe, von schimmernden Perlen durchzogen, gefiel Bernhardin heute noch besser als gestern, so daß er versonnen wie zu sich selbst sagte: „Ich muß ihn haben." „Weshalb, gnädiger Herr? Vielleicht gefällt euch etwas anderes besser. Ich will euch noch einiges, zeigen." „Was wollt ihr mir denn zeigen?" ..Schmuck." >,Pah, Schmuck! Mit dem scheint es armselig bei euch bestellt zu sein."; „Prüft noch einmal." * Jan ging abermals nach rückwärts. - Bernhardin dachte: Wie er mißtrauisch ist! Er hat den Gürtel mit sich genommen. In diesem Augenblick teilte sich der Vorhang und zwischen seinen Falten erschien der Kopf eines Greises. Zwei tiefliegende Augen richteten sich forschend auf Gentillot und ruhten eine Weile auf ihm. Dann schloß sich der Vorhang und Jan trat herein. Der Alte hat mich geprüft, durchfuhr's Bernhardin. Ich scheine sein Vertrauen gewonnen zu haben. Nun -werde ich wohl ihre besten Schätze zu sehen bekommen. Jan stellte ein Kästchen auf den Tisch vor Bernhardin und entnahm einem seiner Fächer einen Stirnreisen, dessen Mitte ein strahlender Saphir schmückte. „Ah, sieh da, welch herrlicher Stein! Der läßt sich ansehen. Aber sagt, war das euer Vater, der eben hereinschaute?" Der Trödler zögerte. „Es wird wohl mein Vater gewesen sein. Er hat vielleicht wissen wollen, wer hier sei." „Weshalb kommt er nicht selbst und spricht mit mir?" „Seit ich das Geschäft übernommen habe, verkehrt er selten mehr mit den Kunden." Bernhardin ahnte es nicht, daß der Alte zwischen den Falten des Vorhangs jede seiner Bewegungen beobachtete. Gentillot spielte mit dem Stirnreifen. „Der Saphir ist schön, selten habe ich dieses tiefe Blau gesehen, aber — Saphire sind nicht meine Lieblingssteine. Zeigt weiteres! Türkise-Hasse ich, weg mit ihnen!" Wie wär's damit?" Jan zog eine Halskette aus Smaragden hervor, die märchenhafte Stimmung verbreiteten. Bernhardin fand kein Wort, um seine Verblüffung und sein Entzücken auszudrücken. Wußte der Trödler, daß diese Halskette höchsten Wert besaß? Von da ab breitete er eine Herrlichkeit nach der anderen vor Gentillot aus. Er ließ die Glut kaukasischer Rubine ihr 'Feuer entfalten, den köstlichen Regenbogenglanz seltener Perlen spielen, er ließ Chalcedone, in denen Mondlicht glomm, aufleuchten. Bald warfen Amethyste, aus tiefen Schachten geholt, violette Lichter durchs Gewölbe, bald schimmerten Goldtopase'gleich verirrten Sonnenstrahlen auf. Bergkristalle erzählten ihre Hellen .Rätsel. Bernhardiu war, als sei das Märchen von Tausend und einer Nacht lebendig vor ihm geworden. Er dachte: Der Mann ist dreimal reicher als ich und wohnt hier in diesem schwarzen Kellerloch. Er könnte ganze Ortschaften/ Schlösser und Pferde, ein Heer dienstwilliger Leute besitzen, und haust in stickiger Dunkelheit, ohne Luft, ohne Sonne, ohne alle Bedingungen, die das Leben lebenswert machen/ Er hob die Augen zu dem Sonderling auf. Genugtuung über seinen Besitz verliehen dem jungen verrunzelten Gesicht in diesem Augenblick einen Ausdruck stiller Vornehmheit. „Nun, habt ihr gewählt?" „Ihr macht mir die Wahl wahrhaftig nicht leicht. So viel Herrliches beisammen habe ich selbst beim Juwelier unseres Prinzen nicht gesehen." „Cs war nicht mein allerschönstes. Ich habe noch mancherlei. Zum Beispiel dieses hier. Seht her." Er öffnete ein Fach des .Schmuckkastens. Eine kleine Blattranke, aus mattem Gold zum Ring geformt, auf der sechs Tautropfen schimmerten, lag vor Bernhardin. „Beim Himmel, das ist einzig!" Bernhardins-Rechte bebte, als sie das Kleinod ergriff. „So helles Wasser beschämt den Tau, den der Morgen gebiert. . Der Ring ist unerhört schön. Wie viel — würdet, ihr für ihn verlangen, sagt es frei heraus."