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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-04 · Heft 14 (4.4.1913) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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165 verblichene Stoffe, ausgestopfte Tiere und noch viele andere Dinge lagern hier. Wenn es nur Heller^wäre! Aber obgleich draußen die Sonne scheint, hier im Hof mit seinen hohen Häuserwänden und noch dazu in dieser Höhle unten, herrscht Dämmer. Nach einigem Zaudern steigt der Herr die Stufen hinab und so groß ist sein Interesse, daß er seinen Widerwillen überwindet und das Gewölbe betritt. Sofort glauben seine Augen unter den in einer Ecke aufgestapelten Büchern ein seltenes Werk zu erkennen. Er bückt sich, um den Folianten aufzuheben, da steht auch schon ein Mann neben ihm und verneigt sich tief. „Habt ihr kein Licht in eurem Laden, hier islls ja dunkel wie in der Erde." „Sogleich, Herr!" Der Trödler verschwindet für einige Augenblicke und kehrt mit einer Lampe zurück. Er bemerkt die vornehmen schönen Züge des Fremden, seinen eleganten Anzug und richtet erschrocken die brennend schwarzen Augen auf ihn. „Ich habe mich geirrt, das Werk ist ein anderes als ich dachte." Mit leisem Ekel stellt der Herr den verstaubten Band zurück und faßt vorsichtig - einen Zipfel des goldgestickten Schals, der von der Decke herabhängt. „Maurisch?" „Nein Herr, aus Engelland." Indes der Fremde sich in die wunderliche Zeichnung des Stoffes vertieft, fühlt er sich beobachtet. Er erhebt die Augen und sieht das fahle Gesicht des Händlers vor sich, aus dem Klugheit, Mißtrauen und Verachtung sprechen. Er glaubt aus den Zügen das Schicksal dieses Menschen zu' lesen und sagt gutmütig: „Eine ganze Menge habt ihr da gesammelt." „Es geht an, Herr. Der Sammler war mein Vater." „Wie, euren Vater habt ihr auch hier unten?" „Jawohl, Herr, er wohnt mit mir." " Die schwarzen Augen blitzten drohend auf. Die arme Kreatur fürchtet mich! Der Fremde setzt den seinbeschuhten Fuß auf. die erste Stufe des Treppleins. „Ich sehe wohl, ihr habt nichts für mich." „Was möchtet ihr denn eigentlich?" Das Gesicht des Fragers legt sich in hundert Falten und sieht uralt aus in seiner Schlauheit. „Was ich möchte?" Der Herr lächelt. „Nun, ich möchte etwas besonderes, etwas, das man nirgends anderswo sieht." „In Geweben, Waffen, Edelsteinen?" „Ei, auch Edelsteine gibt's bei euch?" „Auch Edelsteine, wenn auch keine wertvollen." „Wertloses kaufe ich nicht." „Unser bestes kann ich nicht.fluslegen; versteht ihr?" Des Trödlers Stimme klingt leiser. " " „Gewiß verstehe ich das." Der feine Fuß zieht sich wieder von der Stufe zurück. „Wenn ihr also etwas der Beachtung Wertes habt, zeigt es mir. Ich will euren Besitz gegen niemand erwähnen." „Ihr seid nicht von hier?" „Nein, ich gehöre zur Gefolgschaft eines mächtigen Herrn, der drüben im Haag sein Hoflager hält. Ein Paar alte Bauwerke in eurer Stadt, die sehenswert sind, reizten mich, herüberzukommen." „Ihr scheint ein Freund der schönen Künste zu sein." „Wenn ihr noch lange redet, wird mich die Luft hier ohnmächtig machen." „Verzeiht, ich gehe schon. Nehmt Platz indessen/' Der Trödler wirft noch einen forschenden Blick auf den Kauflustigen, bietet ihm einen Stuhl an, von dem er erst ein Bündel alter Kleider entfernt, und verschwindet im Hintergrund des Gewölbes. Der Fremde befindet sich im Flackerlicht einer kleinen, übelriechenden Lampe. Auf den Stuhl sich zu setzen, verschmäht er, so bleibt er, die Ellenbogen eng an sich gepreßt, erwartend stehen. Die alten Lumpen, die zerbrochnen Möbel, die stockfleckigen Bücher, all der wertlose Kram, scheint seinen mißduftigen Atem auszuströmen. Von oben her aus dem dämmerigen Hof klingen die Hammerschläge des Schmiedes, des Schreiners monotones Sägen. Wie kann man es in dieser Oede ertragen? Und doch, der Mensch mit den hundert Falten im Gesicht lebt und haust hier, ist hier geboren und wird hier sterben. Da kommt er zurück. Er gewahrt den leeren Stuhl, den Herrn der daneben steht, begreift und lächelt. Dann legt er den mitgebrachten Pack hin und öffnet ihn. Gewebe von seltener Pracht kommen zum Vorschein. Alle Weltteile scheinen an ihnen geschaffen, die Phantasien aller Erdbewohner ihre Muster erdacht zu haben. Des Fremden Augen leuchten auf. „Das sind Schätze, kennt ihr ihren Wert?" Die krummen Finger, die gleichsam magnetisch an jedem Stück hängen, das sie ausbreiten, umklammern einander. „Gewiß, Herr, kenne ich ihren Wert. Sie sind mein Stolz. Seht euch nur diese Tunika an! Die Fäden sind aus reinem Gold gesponnen, so arbeitet man nicht im Abendland." „Es ist ein Prachtstück, eines Kaisersohns würdig." „Ein Kaisersöhu war es auch, der das Gewand vom Sultan erhielt und weiter verschenkte. Zum Schluß landete es bei mir. Es hat mich schweres Geld gekostet." „Das glaube ich euch. Auch dieser Seidengürtel mit dem Muster aus Perlen ist einzig. Wie viel verlangt ihr für ihn?" „Für diesen Gürtel? Sogleich könnt ich euch nicht Auskunft geben, doch wolltet ihr morgen anfragen, so erhieltet ihr Bescheid.:" „Legt ihn für mich zurück, aber schlagt ihn in ein Tuch ein." „Gern." Der Fremde kann sich nicht satt sehen, an der Pracht vor ihm. „Morgen sollt ihr auch bessere Beleuchtung erhalten, ich werde dafür sorgen," verspricht der Trödler. „Aber gewährt mir eine Bitte! Redet mit niemand von dem, was ihr geschaut habt." Der Herr verspricht, die Bitte zu erfüllen. „Es wird mir auch nicht schwer fallen," setzt-er hinzu, „denn ich bin unbekannt in der Stadt hier. Mein Diener erwartet, mich mit den Pferden in einer Herberge. Aus morgen denn!" Er springt das Treppchen empor und durchschreitet den Hausflur und die Gasse. Mitten aus dem Marktplatz, in der Sonne, bleibt er stehen, schöpft tief Atem und läßt sich an der nächsten Schenke einen Becher Weins geben, den er hastig hinabstürzt. Eine Weile treibt er sich noch zwischen dem fröhlichen Volk uncher, das den Markt belebt, sieht Gauklern und Jongleuren zu, wirft eine Handvoll Silbermünzen unter die Bettler vorder Kirche und begibt sich dann in die Herberge, wo sein Diener ihn erwartet. Der Wirt und die Wirtin verneigen sich bis zur Erde, als er ihnen begegnet; der Diener hat verraten, daß sein Herr Bernhardin von Gentillot ist, und zu des niederländischen Statthalters Wilhelm des Zweiten Gefolgschaft gehört. Als Gentillot am nächsten Tage die ausgetretenen Stufen des Trödlers hinabschritt, fand er in der Mitte des Gewölbes einen herrlichen Sessel stehen. „Den habe ich für euch Herstellen lassen, ihr dürft ihn ruhig benützen."

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