Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 164 (sequence 8)
- Language
- German
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164 Vermutung, daß zwischen seiner Familie und den jüdischen Familien Spaniens und Portugals enge Bande bestanden hatten. Aus diesen Umständen allein konnte indessen der jüdische Ursprung des Kolumbus nur vermutet, nicht aber erwiesen werden. Dies ist jetzt nicht etwa von jüdischer, sondern von christlicher Seite geschehen*). Ich halte es daher für meine Pflicht, meinen Lesern von dieser, zwar nicht überraschenden, aber doch ungemein merkwürdigen Tatsache Kenntnis zu geben und bediene mich dabei, da ich des Spanischen nicht kundig bin, obgleich ich Das Schriftchen selbst in der Hand hatte, der Auseinandersetzung eines christlichen Gelehrten Dr. G. Diercks, die in der „Vossischen Zeitung" (4. Beilage vom 21. März) sich findet. Aus dieser Auseinandersetzung geht zuerst hervor, daß Christoforo Colombo, wie er von seinen italienischen Zeitgenossen genannt wurde, mit Mitteilungen über seine Herkunft äußerst sparsam war, so daß man durch ihn weder über sein Geburtsjahr, noch über seine Heimat, noch über seine Vorfahren zutreffende Nachrichten besaß. Diese hat nun ein gälizischer, d. h. aus der Provinz Galizien in Spanien stammender Gelehrter, Dr. Celso Garcia de la Riega, nach dreißigjährigen archivalischen Studien verschafft und ein anderer Spanier, Dr. de Horta y Pardo, hat eine Anzahl Aktenstücke veröffentlicht, zum Teil auch photographisch vervielfältigt. Es sind Aktenstücke, aus denen ein mathematischer Beweis sich nicht ergibt, wohl aber Indizienbeweise, mit denen wir uns bei historischen Feststellungen so oft begnügen müssen. Nach diesen Untersuchungen und Veröffentlichungen ist der eigentliche Name des großen Entdeckers Colon, sein Geburtsort Pontevedra in Galizien in Spanien, Und nun mag G. Diercks das Wort ergreifen: „Sein bekannter voller Name ist Colün y Fonterosa, der der spanischen Gewohnheit gemäß, neben dem Vaternamen auch den der Mutter angibt. Beide Familien gehörten den niederen Ständen, wohl denen der Fischer oder Hafenbeamten an, und aus zahlreichen Umständen, namentlich auch aus den ausschließlich alttestamentlichen Vornamen der Mitglieder dieser beiden Familien liegt es zum mindesten sehr nahe, zu schließen, wenn es auch nicht gerade bewiesen werden kann, daß jedenfalls die Familie Fonterosa, aber sehr wahrscheinlich auch die der Colon, jüdisch waren. Die galizischen Häfen waren erwiesenermaßen die Zufluchtsstätten vieler aus Spanien vertriebener Juden oder von Neuchristen, den zum Christentum übergetretenen Juden, die trotz ihres christlichen Glaubens zeilenweise nicht weniger hart bedrängt und verfolgt wurden als die ihrem Glauben treu gebliebenen Israeliten. Daß er sich als Italiener ausgab, läßt sich daraus erklären, daß seine Familie zwischen 1440 und 1450 nach Genua zog, und daß ihm daran liegen mußte, den für Spanien nicht eben eingenommenen Italienern nicht auffällig zu erscheinen. Bei der großen Geringschätzung, mit der die Kastilier zu allen Zeiten — und bis auf den heutigen Tag — auf die Galizier herabsehen, und vollends bei seinem jüdischen Ursprung durfte Columbus nicht erwarten, in den maßgebenden Kreisen Spaniens für seine hochfliegenden Pläne irgendwelche Unterstützung zu finden. Daher wandte er sich in Salamanca auch zuerst anseinen sehr einflußreichen Landsmann, der, trotzdem er Galizier war, doch Professor der Theologie und Prinzenerzieher geworden war, nämlich an.Frah Diego de Deza, den Beichtvater des Königs Ferdinand und der Königin Jsabella. Diesem scheint er auch sein Geheimnis gebeichtet zu haben, und Deza war der einzige, der für ihn in der großen *) La Verdadera Guna de Christobal Colon por el Dr. Constantino de Horta y Pardo. New-York, Imprents de John B. Jonathan Co. 1912. Versammlung der Gelehrten Salamancas eintrat,-der Colon seine Pläne entwickelte, und die ihn dann als Phantasten abwies. Auch, später nahm sich Deza seiner an, und er war es denn wohl auch, der. ihm in Santa Fo. bei Jsabella beistand und diese bewog, trotz des Widerspruches des Königs Ferdinand, Kolumbus mit den Mitteln zur Ausrüstung seiner Flotille zu versehen." Unter den Indizienbeweisen, die der Verfasser der kleinen Schrift und nach ihm der Rezensent vorbringt, den Indizienbeweisen für die spanisch-jüdische Herkunft, seien folgende angeführt: 1. Colons ungemein große Kenntnis der galizischen und portugiesischen Küste, die nur erklärlich ist, wenn er wirklich aus jenen Gegenden stammt, 2. die Tatsache, daß Colon niemals Italienisch, sondern Spanisch und Lateinisch schrieb, 3. der Name seines Schiffes „La Galega" (die Galizierin), 4. die spanische, nicht italienische Benennung aller der Inseln, die Colon entdeckte, 5. die Tatsache,, daß die Personen und Familien, denen Colön nahe stand, mit den jüdischen bzw. neuchristlichen Familien seines Heimatortes verbunden erscheinen. Ich begnüge, mich zunächst mit dieser kurzen Feststellung. Ich will weiter damit nichts tun, als eine durch schlagende Indizienbeweise eruierte Tatsache angeben. Die antisemitischen Gegner faseln so gern von jüdischer Ueberhebung; eine solche versuche ich damit keineswegs. Aber ich glaube, in dieser Feststellung eine so äußerst wichtige Tatsache zu erkennen, daß auch an dieser Stelle die begründete Vermutung ausgesprochen werden muß: Kolumbus, der größte Entdecker der neueren Zeit, sei wirklich jüdischen Ursprungsgewesen. Bit hlugr Srps". Novelle von M. I. I. Markttag im Städtchen, uf dem Platz vor der Kirche, wo die drei uralten Lin- -VV den stehen, treibt sich eine dichte Menge Volkes umher. Bürgerinnen in hohen, spitzen Hauben, Körbe am Arm, gehen suchend und krittelnd von Bude zu Bude, während die Bauern in Gruppen beisammen stehen und schwatzen. Ein einzelner Fußgänger, der sich unter die Leute gemischt hat, erregt Aufsehen. Er wird angestaunt und man flüstert allerlei Vermutungen hinter ihm her. Es ist ein hochgewachsener junger Mensch, seiner Kleidung nach ein Edelmann, der besser aufs Pferd paßte, als unter die feilschenden Marktleute. Indes scheint es ihm besonderen Spaß zu machen, das bunte Getriebe zu beobachten und all die feilgebotenen Dinge zu besehen. Plötzlich gewahrt er, hoch über dem schwatzenden Völklein, am Eingang des Rathauses eine steinerne Figur. Er verläßt die Budenreihe und steuert auf seine Entdeckung zu. Nach flüchtigem Besehen erkennt er die grobe Werkstattarbeit und schlendert weiter. Er gerät in ein Gewirre von Gassen und Gäßlein und wirst neugierige Blicke um sich. Ein weiter, düsterer Hof, in dem allerlei Handwerker der Arbeit, pflegen, fesselt ihn. Er tritt ein. Gleich neben dem Hauseingang führen etliche Stufen in ein Gewölbe hinab. Bücher, Möbel, i) Wir unterbrechen die Veröffentlichung der zwei Erzählungen, die in den letzten Nummern standen, um am Anfang des neuen Quartals unsere Leser mit der Originalerzählung einer bedeutenden Schriftstellerin, Frau Maria Janitschek, bekanntzumachen. Die Red.