Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 161 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Haupt einen Sinn haben sollen, so können sie nichts anderes bedeuten als eine tiefe Verbeugung vor dem bayerischen Kultusministerium. Und eine so geartete Erklärung ist von Rabbinern, welche aus Frömmigkeit ihre andersgesinnten Kollegen nicht mehr als Rabbiner und nicht einmal als Kollegen anzuerkennen in der Lage sind, nicht nur beschlossen und veröffentlicht, sondern sogar beschlußgemäß dem Kultusministerium zur gefälligen Kenntnisnahme vorgelegt und eingereicht worden!!! Ich fürchte sehr, diese Erklärung schreit nach einer neuen Erklärung. Religion kann nur durch Religiosität bekämpft werden, so meinte unlängst Harnack. Es gibt aber Leute, welche umgekehrt Religiosität durch Religion bekämpfen. Der Ausweis und das Zeugnis der Religiosität und wahrhaften Frömmigkeit ist Duldsamkeit, die edelste Blüte einer frommen Gesinnung. So wenigstens dachten die Vertreter der jüdischen Religion vor zwei Jahrtausenden. „Drei Jahre lang stritten die Schüler des Schammai und die Schüler des Hillel über die wichtigsten in die Praxis des Lebens eingreifenden Fragen des Religionsgesetzes, die einen sagten: unsere Entscheidung ist die richtige, und die anderen sagten: unsere Entscheidung ist die richtige. Da ließ sich einmal der Widerhall einer göttlichen Stimme vernehmen und deren Entscheidung lautete: Die Worte der einen und der anderen sind Worte des lebendigen Gottes, aber für die Praxis soll Norm bleiben die Entscheidung der Hilleliten. Warum? Weil - diese m i l d e und duldsam sind, indem sie nicht nur ihre eigenen Ansichten, sondern auch die Ansichten ihrer Gegner vortragen, ja sogar zuerst die Ansichten ihrer Gegner und dann erst ihre eigene Entscheidung vortragen." Was sagen die heutigen Schammaiten zu dieser Erklärung? Sie steht im Talmud und hat mindestens denselben Wert und dasselbe Gewicht wie irgend eine aus entlegenen Voraussetzungen abgeleitete Halacha. Der Kamps für feine Ueberzeugung ist des Mannes gutes Recht und des Mannes heilige Pflicht, aber der Standpunkt der Partei darf nicht höher gestellt werden als das Interesse des Gesamtjudentums. Im Kampfe der Geister wird die Wahrheit siegen, aber das Bannen und Jnachterklären ist ein wenig beweiskräftiges Argument der Wahrheit. Unsere Orthodoxen wenden sich bei ihrem Kampfe um die Wahrheit auch an die Behörden. Sie belagern das Kultusministerium, und bombardieren dasselbe mit Erklärungen und Beschwerden. Sie renommieren und drohen mit der Gunst und Gewogenheit des Kultusministeriums. Der gewandte Führer der bayerischen Orthodoxie erklärt es frei und offen: „Das ganze Kultusministerium ist auf unserer Seitevon Seiner Exzellenz bis herab zum Portier"!!! Die Herren werden sich irren. Ein königlich bayerisches Staatsministerium steht hoch ü b e r den Parteien und urteilt lediglich nach Recht und Gesetz. Den Frommen im Lande aber müssen' wir zurufen: „Liebet die - Wahrheit und den Frieden!" r LritgknöMlchr Wider Spirw?ss. ach einem vortrefflichen, eben erschienenen Buche *) veröffentlichen wir hier drei Bildniffe Spinozas. Das erste ist das Jugendbildnis von 1660, dessen Maler unbekannt ist. Das Original befindet sich im Besitze des Herrn Generalkonsul Franz Philippson in Brüssel. Es stellt den Philosophen im 28. Lebensjahre dar und wurde zum erstenmal Mai 1909 in Westermanns Monatsheften bekannt gemacht. Das zweite, im Besitz der Königin von Holland, zeigt uns Spinoza 1671, im 39. Lebensjahre. Es rührt von Hendrik van der Spijck her, der eine Zeitlang, wahrscheinlich 1661 bis 1677, Hauswirt Spinozas war und ist zum erstenmal 1869 in einer Wiedergabe erschienen. Das Original des dritten Bildes, im Besitze des Herrn Meyer Sulzburger in Philadelphia, führt uns Spinoza 1673, im 41. Lebensjahre, vor. Es ist von Wallerant Vaillant gemalt, wahrscheinlich in Heidelberg entstanden, wo der Maler, der für ernste Studien tiefe Neigung empfand, sich gleichzeitig mit dem Philosophen aufhielt. Ich danke der Verlagshandlung und dem Verfaffer des Buches für die Erlaubnis, die drei Bildnisse reproduzieren zu dürfen. L. G. mf Lin Vornan vom Uus-?ug aus Ukgypten. Von M. Landau. Pisoden aus den Geschichtsbüchern des Alten Testaments sind schon manchmal zu Dramen, viel seltener zu Romanen verarbeitet worden; aber gewöhnlich hielten sich die Verfasser solcher Werke größtenteils innerhalb des jüdischen Milieus. Von außerhalb desselben liegendem nahmen sie fast nur das auf, was zur Handlung durchaus nötig und was auch größtenteils in den jüdischen Quellen enthalten oder angedeutet war. So z. B. Racine in „Esther" und in „Athalie", Grillparzer, in „Esther". Aber nicht alle vorhandenen Bibelstoffe sind ausgenutzt worden, und nur selten hat man solche aus den ältesten Zeiten geholt. Die Geschichte Josephs und seiner Brüder ist meines Wissens nur zu einem Operntext benutzt Worden. Sicvio Pellilos (b 1854) Drama „Esther von Engadi", geschrieben 1821, ist trotz der Namen der handelnden Personen Asaria, Esther, Eleasar, Jephta — ein christliches Drama und die Handlung gHt im Anfänge des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts vor sich. Dramen und Romane, welche in der Zeit des Urchristentums spielen, sind meistens auch christlicher Tendenz und manchmal werden in ihnen Heiden und Juden nicht unparteiisch behandelt. Ein Roman, dessen Hauptperson Est her ist, „Haäassa, Queen of Persia" von Agnes-Laurie-Walter, mit Einleitung von einem Pfarrer, ist im vorigen Jahre in London erschienen *) Ernst Altkirch: Spinoza im Porträt. Mit 28 Taseln. Verlag bei Eugen Diederichs in Jena 1913. B. Spinoza, Iugen-bil-nis, 1660.