Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1913)
- Date
- 1913-04-04
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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In Rußlandhat sich wieder Trauriges zugetragen. Die „Voss. Zeitung" berichtet darüber in einer Korrespondenz aus Warschau folgendes: Die. katholischen Osterfeiertage in Warschau, denen die jüdische Bevölkerung mit Bangen entgegensah, sind ruhig vorübergegangen. Allerdings wurde in dem „Verbände der christlichen Arbeiter", dein der bekannte. Pater Godlewski vorsteht, die Frage aufgeworfen, ob es nicht ratsam wäre, die Einförmigkeit der Feiertage durch einen kleinen .Pogrom zu unterbrechen. Die übrige Arbeiterschaft aber ließ die braven Leute wissen, daß sie sich dem widersetzen und ihnen bei dem leisesten Versuch die Knochen im Leibe zerbrechen würde, worauf davon Abstand genommen wurde. Immerhin' hat die gewissen- und skrupellose Agitation der antisemitischen Hetzpresse in der Provinz ihre Früchte getragen. Am zweiten Feiertage wurden in Mlawa, gegen 11 Uhr vormittags, als noch in der Kirche der Gottesdienst andauerte, Juden, die die Warschauer Straße passierten, von einer Bande Hooligans überfallen und mißhandelt. Bald wuchs die Menge der Ruhestörer auf einige hundert an, die sich in der Stadt zerstreuten und jeden Juden, den sie trafen, schlugen. In der Stadt entstand eine Panik. Die herbeigerufene Polizei verhaftete einige der ärgsten Ruhestörer, wurde aber von der Menge mit Steinwürfen vertrieben. Erst das herbeigeeilte Militär Zerstreute die Menge. Tagsüber kreisten starke Patrouillen in den Straßen. Die Panik unter der jüdischen Bevölkerung hat sich bis heute noch nicht gelegt. In dem Flecken Stanislawow bei Warschau unterhielt der Jude Dawid Mostek seit Jahren eine kleine Viktualienhandlung. In letzter Zeit wurde dort unter dem Einfluß der Boykottbewegung eine zweite, christliche Handlung eröffnet und die Parole ausgegeben: „Kaust nicht bei dem Juden!" Die Polen befolgten diese Parole, die deutschen Kolonisten aber blieben dem Juden treu und ließen sich durch die Agitation nicht beirren. Da nun die Polen gegen die Deutschen nicht aufzutreten wagten — nur dem Schwächeren gegenüber sind sie mutig wie die Löwen —, drangen sie in Mostek, den Ort. zu verlassen, was er natürlich, da er dort seit Jahrzehnten ansässig war> nicht tun wollte. „Willst du nicht gutwillig," sagte ihm ein gewisser Schablewski, einer der Hauptagitatoren, „so werden wir dich schon dazu zwingen." Vor einigen Tagen klopfte es abends, als schon der Laden geschlossen war, an der-Tür des Juden. Als dieser öffnete, sah er zwei Personen, in deren einer er den Schablewski erkannte. Er fragte sie um ihr Begehren, erhielt aber statt einer Antwort einen Revolverschuß, der ihn leicht am Kopfe verletzte. Dieser Vorfall hat den Unglücklichen derart erschreckt, daß er tags, darauf seinen Laden schloß und nach Warschau flüchtete. Ja, wir leben hier in einem wilden Lande, das hat auch schon sogar der „Kurjer Warszawski" zugestanden. ' Hauptversammlung des Lrutraiorrrins drutschrr Staatsbürgrr jüdischen Glaubens. Z entr a lv e r e i n deutscher Staatsbürger jüd i s ch e n G l a u b e n s hielt am vergangenen Sonntag im Lehrervereinshaus seine Hauptlbersammlung ab. Geleitet wurde die von ca. 220 Delegierten besuchte Versammlung vom ersten Vorsitzenden Herrn Justizrat Horwitz. Der bedeutsamste Gegenstand, mit dem sich die Delegiertenvers ammlung zu befassen'hatte, war die Frage des Verhält n i s s e s d e s Z e n t r a l v e r e i n s z u in Zionis - müs, worüber die beiden Herren Professor Dr. Falkenheim in Königsberg i. Pr. und Geh. Justizrat Dr. EugenFuchs, Berlin, referierten. Man weiß, daß seit geraumer Zeit das Verhältnis zwischen Zionismus und Zentralverein kein ungetrübtes war. Die Vorgänge aus der Zentralvereinsversammlung in Kattowitz haben die Notwendigkeit einer Klärung des Verhältnisses zu einer Zwingenden gestaltet. Herr Professor Falke n h e i m, Königsberg, gab ein außerordentlich übersichtliches und reiches Material aus den Vorgängen der letzten Ja!hre, die einmal die immer schärfere Betonung des n a t i o tt a lj üd is ch e n Gedankens seitens der Zionisten beleuchteten und anderseits auch die Angriffe gegen den Zentralverein illustrierten. Aus der anderen Seite zeigte er, wie der Zentralverein, der die Pflege deutscher Gesinnung aus sein Programm geschrieben hat, durch die Agitation und die Art . der Verfechtung der-Ziele des Zionismus in.seiner Tätigkeit für die Gleichstellung, der. deutschen Juden gehemmte wird. Die Quintessenz seiner Ausführungen gipfelte in dem folgenden Resümee: „Gegen diecharitative -Tätigkeit des Zionismus sind EinwendungM nicht zu er- - heben. Hinsichtlich der politischen '.Tätigkeit gilt gleiches nicht. Der Zentralverein kämpft für die staatsbürgerliche und gesellschaftliche Gleichstellung. Der Zionismus erschwert diesen Kampf, indem er dem Antisenfttismus Vorschub leistet. Der Zentralverein will seine Mitglieder in der unbeirrten Pflege d e u t s ch e r Gesinnung bestärken. Der Zionismus mindert zum wenigsten , durch die radikale Art seiner Agitation die deutsche Gesinnung und befindet sich purch die Auffassung, daß die deutschen Juden nur Gäste im fremden Wirtsvolk seien, durch seine Bestrebungen, sie zu t u rkischen Staatsbürgern zu machen, mit den Anschauungen und Bestrebungen des- Zentralvereins in Widerspruch. Daß sich der Zionismus für den allein berechtigten Vertreter eines aufrechten selbstbewußten Judentums ausgibt, entspricht nicht den Tatsachen. Auch der zweite Referent, Herr .Justizrat - Eugen Fuchs-, äußerte sich in ähnlichem Sinne. Er geht aus die Frage, wer zu den Mißstimmungen Anlaß gegeben, historisch ein und stellt fest, daß dies nicht von seiten des Zentralvereins geschehen sei. Die Etappen hierfür seien der Mugdanrummel, Sombart und die Vorgänge in Kattowitz. Er weist ferner nach, daß sowohl der Zionismus wie der Zerftralverein eine Wandlung durchgemacht haben. Ein doppeltes Nationalbewußtsein, wie es die Zionisten konstruieren, sei ihm nicht verständlich. Man habe versucht, eine Einigung herbeizusühren, ehe man die Sache vor den Delegiertentag brachte. Er gibt eine sehr interessante Beleuchtung der seelischen Werte der jüdischen Religion und der von den Zionisten propagierten nationalen Werte. Die ersteren sind ihm das wesentliche, letztere unfruchtbar. Er schließt mit dem Resümee: Die Frage an jeden Zionisten lautet: Willst du deutsch national sein oder nicht? Wenn ja, sv arbeite mit, selbst wenn du nebenher noch so etwas zu ernpfinden glaubst wie national-jüdisches Bewußtsein, das im Grunde doch nur eine Täuschung ist. Er glaubt, daß, wie die Entwickelung des Zentralvereins nach der Richtung des jüdisch Positiven gehe, so gehe bei den Zionisten die Entwickelung des jüdisch-nationalen Gedankens zu einer Erkenntnis des phantomhaften Charakters. Eine vom Vorstand vorgeschlagene Resolution, die von beiden Referenten befürwortet wurde, wird unter Ablehnung aller den Sinn verschärfenden, wie der mildernden Zusatzanträge mit allen gegen eine Stimme angenommen. Sie lautet: „Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bezweckt nach seinem Paragraphen 1 der Satzungen, die deutschen Juden ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken. Hieraus ergibt' sich die Stellung des Zentralvereins zu den Zionisten. Wir verlangen von unseren Mitgliedern nicht bloß die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten, sondern auch d e u t s ch e G e s i n n u n g und die B e t ä t i g u n g dieser Gesinnung im bürgerlichen Leben. Wir wollen die deutsche Judenfrage nicht international lösen. Aus dem Boden des deutschen Vaterlandes wollen wir als Deutsche -an deutscher Kultur Mitarbeiten und unserer durch , unsere Religion und unsere Geschichte geheiligten Gemeinschaft treu bleiben. Soweit der deutsche Zionismus danach strebt, dm entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schaffen oder den Stolz des Juden aus seine Geschichte und seine Religion'zu heben, ist er -uns -als Mitglied willkommen. Von dem Zionisten aber, der ein -d e u t s ch e s N a t i o - nalgefühl l e u g net, sich als Gast im fremden Wirtsvolk und national nur als Jude fühlt, müssen wir un§ trenne>n." — Erwähnenswert ist, daß von sämtlichen Rednern nur Herr Professor Karl Lev in, der sich als Mitglied der zionistischen Vereinigung deklarierte, bedingt für die Haltung der Zionisten eintrat, während alle übrigen Redner eher eine Verschärfung als eine Milderung der vorstehenden Resolution verlangten. Nach Erledigung dieses Hauptgegenstandes trat eine Frühstückspause ein, worauf der Bericht des Vorstandes über seine Tätigkeit erfolgte. Die Zahl der Einzelmitglieder betrage 39 000. Der Verein umfasse 12 Landesverbände und 141-Ortsgruppen. Er könne als die Vertretung von 160 000 deutschen Juden angesehen werden. Im letzten Jahre habe er 236 Versammlungen abgehalten und durch sein Bureau 12 845 Angelegenheiten erledigt. Herr Rabbiner Dr. Werner- München sprach dann über die S ch ä ch t a g i t a t i o n einzelner Frauenstimmrechtlerinnen, Herr- Mai n z e r - Frankfurt über die Tätigkeit bei den letzten Wahlen zu