Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-04 · Heft 14 (4.4.1913) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229084--69329-3281625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lebendige Ausgestaltung seiner Grundsätze durchführen, durch eine Versöhnung der Gegenwartssorderungen mit dem Geiste und der Ueberlieferung der Vergangenheit das Judentum fördern will. Es hat nicht sollen sein. So lebhaften Wiederklang auch die Richtlimen bei den liberal Denkenden gefunden haben, so haben sie doch nicht die Wirkung getan, obgleich sie wohl dazu geeignet gewesenwären, die Indifferenten aufzurütteln und ihnen die Berechtigung, ja die Notwendigkeit der liberalen Bewegung zu zeigen. Vor allen Dingen) sie sind von den Gegnern nicht als eine berechtigte Erklärung einer starken Partei, ja gewiß der großen Mehrheit der Gebildeten anerkannt, sondern als eine Kriegserklärung, nicht etwa gegen die Orthodoxie, sondern gegen das Judentum aufgefaßt und mit Schmach und Hohn beantwortet worden. Uns, die wir die Einigkeit Hochhalten, uns, die wir nur für das Recht der Mehrheit auftraten, weil wir es müde , sind, immer nur allem das Recht der Minderheit zu achten, ist das Odium der Schismabildung aufgedrückt, eine Verletzung aller geheiligten Tradition, ja des Judentums selbst aufgeprägt worden. In der politischen Welt, in Preußen und im Judentum, geht es wie in der Natur. Auch dort wird der vorzeitige Frühling, wie wir fürchten müffen, nicht dauern, die lauen Winde können leicht von Stürmen abgelöst werden, das junge Grün kann sein Grab finden unter einer Schneedecke. Und doch weiß jeder, daß schließlich die Winterstürme dem Lenz weichen müssen. Das Walten der Natur muß der Mensch ruhig ertragen; in den Kämpfen der Welt darf und soll er seine Stimme erheben und seine Kraft üben. Darum gilt es nicht, tatenlos die Hände in den Schoß zu legen, sondern den Kampf zu wagen für äußere Befreiung und innere Freiheit. Darum beharret im Kampf, der gerechten Sache bleibt der Sieg, — es muß doch Frühling werden! ©ff Mockn Berlin, den 1. April 1913. ie M i li t ä r - und Mi lli a r d e n f o r d er u n g, die von der Reichsregierung beantragt ist und demnächst den Reichstag beschäftigen wird, kann an dieser Stelle nicht den Gegenstand ausführlicher Betrachtung bilden. Eine Frage aber, die bei der Forderung von 4000 neuen Offizieren wohl berechtigt ist: „Warum Ausschließung der Juden vom Offiziersstande?" kann mit dem „Berl. Tagebl." hier wohl aufgeworfen werden. Die Aeußerungen des genannten Blattes lauten folgendermaßen: Was wir an Nachwuchs brauchen, möge dem besten sich anbietenden Material entnommen werden und angesichts der neuen Belastung des Volkes nun endlich ein Aufgeben pernlicher Exklusivität zngestanden werden. Der Reichstag..sollte erneut und energischer als bisher darauf dringen, daß unsere jüdischen Mitbürger nicht systematisch beiseite geschoben werden, wenn sie den Wunsch haben, in das Offizierskorps einzutreten. Wie unklug ist es, die brachliegenden Kräfte und den bereiten Willen nicht im Interesse der Landesverteidigung voll auszunutzen, intellektuell hochstehende Kreise in ihrer Opferwilligkeit nicht dem großen Gemeinwesen dienstbar zu machen, dem voll anzugehören sie nicht weniger ausrichtig erstreben wie die eifersüchtigen und kurzsichtigen Hüter verrosteter Privilegien! Zuschriften aus angesehenen Kreisen betonen immer wieder, wie notwendig es sei, gerade jetzt für die Volksvertretung insofern einen Einfluß aus die Besetzung der Offiziersstellen zu fordern, als die Phrase endlich erdrosselt werden sollte, hinter die sich jeder Kriegsminister verkriecht: „Das Offizierskorps wählt sich seinen Ersatz selbst!" Wir müssen lernen, über den alten, engen Horizont hinanszuwachsen, müssen endlich erkennen, wie die Heere anderer Großstaaten sich die lebendige Kraft ihrer jüdischen Bürger auch in den Offizierskorps sichern, sie in Generalstäb und Ministerium und Front mit Vorteil verwenden. ' ■ * ■ Aus Wien wird uns geschrieben: Aus Veranlassung -der Wiener Allianoe Jfraä-lite hat das Justizministerium "Vorerhebungen angeordnet zur Wiederaufnahme des Pro z.e's s e s H i l s n er. Aus diesem Grunde wurden in den letzten Tagen beim - Prager Strafgericht eine Anzahl vom Zeugen vernommen. Es ist auch die Vernehmung des Hofrates Olie, des früheren. Chefs des Sicherheitsdepartements der Prager Polizeidirektion, in Aussicht genommen.' Hofrat O l i e > der seinerzeit die Voverhebungen in der Polnaer Mordaffäre leitete, erklärte einem Redakteur der „Bohemia" unter anderem:' ),Wir hatten sogar gegen andere .Leute m eh r Verdachtsgründe als gegen Hilsner. Ich kann freilich niemanden mit ^Nam-en anführen. Sehr gewichtige Verdachtsmomente bestanden auch gegen einen Mann, der sich damals in der Umgebung von Polna aufgehalten hatte. Dieser Mann mußte in späteren Jahren wegen Tobsuchtsanfällen ins Irrenhaus gebracht werden. Ich bin davon vollständig überzeugt, daß der Mann mit dem abgeschnittenen Stock, den der Pfarrer Vecek und die betagte Gemeindevorstehersgattin gesehen -hatten, mit Hilsner nicht identisch ist. Die Frau des Gemeindevorstehers ist sogar eine klassische Zeugin für die U n s ch u l d Hilsners. Leider gelang esdem Mörder, trotz unseres gründlichen Suchens, zu entkommen. Die Einwohner von Polna unterlagen vollständig der Suggestion, daß der Mord aus religiösen Gründen geschehen war, doch ist das nach meiner Ansicht vollständig ausgeschlossen. Den Mord hat wohl jener Mann verübt, dessen genaue Beschreibung wir in Händen hatten und der g anz g ew i ß ni cht Hilsner w a r.' Vergeblich verwies ich damals die Behörden im Laufe der Voruntersuchung und auch später auf verschiedene Umstände. Trotz alledem wurde Hilsner zweimal zum Tode verurteilt. Es steht fest, daß die fixe Idee von einem Ritualmord, von der die ganze Oeffentlichkeit besessen war, zum Urteil der Geschworenen beitrug. Unsere Wahrnehmungen,, nämlich die der Polizei, waren dem Kuttenberger Kreisgericht bekannt, leider wurden aber die Aussagen der Zeugen, welche Hilsner als Mörder bezeichneten, für gewichtiger gehalten als unsere, die von seiner Unschuld überzeugt waren. Ich hege die Hoffnung, daß es gelingen wird, den wirklichen Mörder auszuforschen! Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß bei einer Wiederaufnahme des Verfahrens Hilsner freigesprochen und der Justiz-—irrtum wenigstens teilweise wieder gut gemacht werde. Die nächste Zukunft kann schon-sensationelle Enthüllungen bringen." Adrianopel ist infolge der Erstürmung durch Bulgaren und Serben in die Hände der Feinde der Türkei gefallen. Leider lassen sich die Kriegführenden mit diesem Triumph nicht genügen; noch die aufs neue geschwächte Türkei zeigt sich bereit, auf die Bedingungen seiner Gegner einzugehen. Gegen Montenegro, das trotz energischer Proteste der Mächte die Beschießung von Skutari nicht aufgeben will, gedenken die europäischen Mächte mit Ernst vorzugehen. So treten zu den alten schweren Besorgnissen neue und schwerere. Wie soll das enden? Unterdessen wird wenigstens für die jüdische Bevölkerung Adrianopels Sorge getragen. Die Zeitungen-melden: Die vom jüdischen Hilfskomitee für Adrianopel organisierte Hilfsnüssion ist gleich nach dem Fall der Festung mit Sonderzug nach Adrianopel abgereist. Sie besteht aus -elf Mitgliedern, unter denen sich zwei Krankenschwestern aus Berlin befinden. Es wurde ein Wagen mit lebendem Geflügel mitgeschickt. Die übrigen Vorräte (Konserven, Medikamente, Verbandstoff) gingen wegen der Störung des Bahnverkehrs vor Adrianopel infolge Beschädigung der Ardabrücke einige Tage später ab.- Ein zweiter Arzt aus Berlin wurde telegraphisch erbeten. Die Hilfsmission wird gleich provisorische Lazarette einrichten und die Verteilung der Lebensmittel in allen Stadtteilen Adrianopels organisieren. Für die .ersten Ausgaben wurden vom Berliner. Hilfsverein der deutschen Juden gegen 100 000 Franken überwiesen. Die bulgarische Bahnverwältung hat dem Großrabbinate für die Hilfsaktion einen eigenen Wagen unentgeltlich überlassen. Der Großrabbiner Dr. Ehrenpreis ist nach Adrianopel abgereist, um die Bevölkerung zu ermutigen und die Verteilung persönlich zu leiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.