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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-04 · Heft 14 (4.4.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 14 (4.4.1913)
Date
1913-04-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77. Jahrgang Nr. 14 {IfffÄAHiAtllA Berlin, 4. April 1913 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbönnementS'preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3JH- Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps«« Unter Leitung des Geheimen Regiernngr-Ratr Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße stK/4-, zu richien. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Tftthsift Frühlingsgedanken. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. __ Hauptversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Von A. I. — Vom bayerischen Kriegsschauplatz. — Zeitgenössische Bilder Spinozas. Von L. G. — Ein Roman vom Auszug aus Aegypten. Von M. Landau. — Der jüdische Ursprung der Kolumbus. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Tie kluge Orpa- Novelle von M. I. — Sulamith. Von Thekla Skorra. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemetn-ebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Breslau, Stettin, Leipzig, Kassel, Frankfurt a. M., Offenburg (Baden), Meran. — Von Nah und Fern. jfrühttngsgrÄsndkn. Von L u d w i g G e i g e r. enn der Himmel blaut und die Lüfte linder wehen, scheint auch der Geist leichtere Schwingen zu erhalten. Die Seele suhlt sich sreier und Frühlingsahnungen ziehen in das Gemüt. Und gerade in diesem Frühjahr, das etwas vorzeitig eingesetzt hat, so daß das Wetter am astronomischen Frühlingsanfang ganz lenzmäßig war, möchte man so gerne hoffen, einer neuen, schönen Zeit entgegenzugehen. Wie wenig aber entsprechen die wirklichen Verhältnisse dieser Hoffnung. Die innere Lage Preußens und Deutschlands ist so trübe und schwer wie nur irgend möglich. Ungeheuere Forderungen für das Militär werden gemacht. Zu ihrer Bestreitung sind Ausgaben nötig, die nicht durch eine schier unerträgliche Steuererhöhung bestritten werden können, zu deren Bezahlung vielmehr einmalige Abgaben vom Vermögen verlangt werden, die einer höchst bedenklichen Kriegssteuer gleichen. Wozu solche Ausgaben? fragt der ruhige Bürger, der nicht in die Geheimnisse der Diplomaten eingeweiht ist. Die einzige sichtbare Folge'dieser Steuern und Abgaben, die namentlich auf dem Mittelstände schwer lasten, waren erhöhte Forderungen von England und Frankreich. Steht wirklich ein Weltkrieg in naher Aussicht? Und wenn dies der Fall ist, war es wirklich unbedingt nötig, schon jetzt diese Beunruhigung in die Völker zu werfen? Und wie die innere Lage, so ist die äußere quälend und beunruhigend. Noch starrt die Welt in Waffen. Der Friede, den man vor einigen Monaten erhoffen durfte, ist nicht nur nicht erfolgt, sondern ein neues verzweifeltes Ringen der Türkei hat eingesetzt. Die türkischen Berichte melden von Siegen der Muselmänner, die Nachrichten der Bulgaren und Serben von den ihrigen. In den letzten Tagen hat der scheinbar so überflüssige Sturm aus Adrianopel stattgefunden, überflüssig, da die Türkei sich ja doch bereit erklärt hatte, diese Stadt und Festung beim Friedensschluß abzutreten. Die Festung wurde den Siegern übergeben. Vorher schon war Janina in die Hände der Griechen gefallen; die Montenegriner bemühen sich, Skutari in ihre Gewalt zu bekommen; Oesterreich und Italien opponieren diesem Plan energisch, ohne daß sie bisher in dieser Opposition Erfolg hatten. Ist die angebliche Einigkeit zwischen Oesterreich und Rußland wirklich durch solche Forderungen Oesterreichs nicht gefährdet oder steht Rußland trotz aller äußerlichen, Nachgiebigkeit, hinter den großsprecherischen und energischen Worten des kleinen montenegrinischer» Staates? Das sind alles Fragen, auf die wir keine Antwort erteilen können, Angelegenheiten, deren Entwicklung Europa vielleicht die schwersten Bedrängnisse bereitet. Wir als deutsche Juden, die wir alle diese Besorgnisse teilen, haben aber noch besondere Schmerzen. Wir möchten so gern an der Jahrhundertfeier der Befreiungskriege mit reinster Freude teilnehmen. Wir begrüßen daher die Bemühungen, die von verschiedenen Seiten gemacht werden, die jüdischen Freiheitskämpfer aus den Jahren 3813—15 aufzuzählen. So werden im „Generalanzeiger für die Altmark" (12. März 1913) die zehn jüdischen Freiheitskämpfer aufgezählt, die aus der kleinen Stadt Landsberg a. W. auszogen; H. Vogelstein meldet in seinem eben erschienenen Programm der Religionsschule in Königsberg i. Pr. von einem weiblichen Krieger Luise Grafelmus (eigentlich Esther Manuel), die in Mannskleidern als Freiwilliger auszog, es zum Wachtmeister brachte, zweimal verwundet wurde und das Eiserne, Kreuz erhielt. In Frankreich traf sie ihren Mann, der sie vor Jahren verlassen und sich in Petersburg hatte anwerben lasten, verlor chn aber bald wieder, da er in einer Schlacht getötet wurde. Sie hatte, wie ein zeitgenössischer Bericht lautet, „sich durch ihre Tapferkeit und Geistesgegenwart die Bewunderung und den Beifall aller erworben". Wenn wir solche einzelnen Züge aufzählen, ergeben wir uns nicht eitler Selbstbespieglung und törichter Selbstüberhebung. Gewiß ist es nur Pflicht jedes Bürgers, dem Vaterland zu dienen, aber wenn die Juden dies 1813 taten, wenn sie sich freiwillig anboten, so muß man bedenken, daß sie seit Jahrhunderten des Wasfenhandwerkes ungewohnt waren und erst ein paar Jahre den Begriff des Vaterlandes kannten. Darum sei ihrem Andenken die Ehre. Wir möchten so gern nun auch heute als Deutsche die Erhebung des Deutschtums feiern, und doch wird, es uns schwer genug gemacht, reine Freude zu empfinden. Immer und immer wieder wird uns entgegengehalten — und leider auch aus unseren eigenen Reihen — daß wir keine Deutschen seien, und doch empfinden wir so stark wie die Andersgläubigen, daß wir Deutsche sind und ein Anrecht an die Großtaten in Preußen und Deutschland haben. Auch innerhalb des Judentums möchten wir einen neuen Frühling erleben. Das liberale Judentum hat sich geregt. Es wollte zeigen nicht nur, daß es noch da ist, sondern daß es eine

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