Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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8 klassische Bildung, seine Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur kamen ihm hierbei besonders zustatten. Er war auch Vorsitzender des Kuratoriums der Wollheimschen Stiftung, und dieses humane Institut hat gar vieles in seiner schönen aufsteigenden Entwicklung ihm zu verdanken. Ein gleiches läßt sich von der Raphael-Kosch- Loge sagen, in der er das Amt eines stellvertretenden Vorsitzenden bekleidete, und von dem Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dessen hiesige Ortsgruppe er mit großem Erfolge leitete. Er war ein Mann von feinem Takte und vornehmer Gesinnung, seltener Herzensgüte und Liebenswürdigkeit, friedliebend, aber dabei ein aufrechter Mann, dem Wahrheit und Gerechtigkeit über alles gingen, und der den Mut seiner Ueberzeugung besaß, besonders in Dingen, die das wahre Wohl und Wehe des Judentums betrafen. Das Andenken an diesen edlen Menschen und guten Juden und sein gesegnetes Wirken werden in unserer Stadt und Gemeinde unvergessen bleiben. — Bereits in der letzten Krankheit unseres früheren Rabbiners Dr. Samuel Bäck und seit - seinem mit 16. Mai 1912 erfolgten Tode hat Dr. Siegfried Gelles vom Breslauer Rabbinerseminar das Amt eines Religionslehrers in unserer Gemeinde bekleidet und die rabbinischen Funktionen geleitet. Am 27. Januar 1913 hat er sein rabbinisches Examen beendet und ist zum Rabbiner ernannt worden. In der vor einigen Tagen erfolgten Wahl eines Rabbrners für die Lissaer Gemeinde an Stelle des verstorbenen Dr. Samuel Bäck, ist Rabbiner D r. S i e g f r i e d Gelles geivählt worden. Er stammt aus Krotoschin, ist 28 Jahre alt und besitzt eine hervorragende rednerische Begabung. Sein Werk: Die pantheistischen Gedanken in Leibniz' „Theodicien" und Schleiermachers „Reden über die Religion" hat in philosophischen Kreisen viel Beachtung gefunden. <V»> Nakel, 20. März. Unser „Neuer jüdischer Wohltätigkeits- Verein 6n6 driss" beging vorigen Sonntag abend unter Beteiligung fast aller seiner Mitglieder ein in allen Teilen wohlgelungenes Vereinsfest mit Festessen. Ursprünglich als Stiftungsfest gedacht, haben doch zwei besondere Momente, gerade die Wahl auf den 16. März gelenkt: zunächst der auf diesen Tag fallende Gedenktag des 7. Adar und ferner die Feier der goldenen Hochzeit des Herrn L e s s e r und Frau P a u l i n c Baerwaldschen Ehepaares, und ivenn das Jubelpaar auch dem Feste nicht beiwohnen konnte, so fand die allgemeine Liebe und Verehrilng, die diesem hochverdienten, edlen Paare von der ganzen Gemeinde dargebracht wird, doch warme Herzenstöne der Huldigung und gerechten Würdigung für das gemeinnützige Wirken und die unbeschränkte Wohltätigkeit des Baerwaldschen Hauses. — Nachdem der Vorsitzende des Vereins, Herr B a s ch w i tz, die Gäste und Mitglieder begrüßt hatte, betonte Herr I. B e h r in einer wohlgelungenen Festrede die dreifache Veranlassung ztl diesem Festabend, schilderte die Bedeutung des Herrn Baerwald für das hiesige Gemeinde- und Vereinsleben ttnd ersuchte um Zustinnnung zur Absendnng eines Glückwunsch-Telegramms an das Jubelpaar; die Anivesenden stimnzten diesem Ersuchen freudig zu. Alsdann sprach Herr Rabbiner Dr. P e r l i tz über die humanitäre Bedeutung und gemeinnützige Tätigkeit des gastgebenden Vereins,, hob namentlich hervor, mit welch tiefem Verständnis und liebevollem Interesse Herr L. Baerwald auch diesen Verein mit Rat und Tat gefördert hat und schloß mit einem freudig aufgenommenen Hoch auf den Verein. Herr David I tz i g wies in längerer Ansprache nochmals aus die spezielle Tätigkeit des Vereins Lne briss in der Armenpflege hin, ivandte sich alsdann eingehend der öffentlichen Tätigkeit des Jubelpaares zu und teilte der Tafelrunde mit, daß das Jubelpaar anläßlich seines heutigen goldenen Ehejubiläums die bereits seit dem Jahre 1891 bestehende „Frvmmet-und-Lewin-Baerwad-Stistung", die, mit einer Suunne von 6000 Mark begründet, heute durch Zinsen rtnd tveitere Zuwendungen des Hauses Baerwald zu 25 000 Mark angewachsen, aus einhunderttausend Mark erhöht habe; dieses Legat soll nach dem Tode des Ehepaares Baerwald an die Gemeinde zur Auszahlung gelangen und durch seine Zinsen für alle Zeiten die Anstellung eines Ortsrabbiners ermöglichen. Tief gerührt durch diese hochherzige, die Existenz der Gemeinde sichernde Stiftung brachte der Redner dem Jubelpaare ein Hoch aus, in das die Anwesenden jubelnd einstimmten. — Im Anschluß hieran hob Herr P e c z k o w s k i die weitreichende Bedeutung dieses Legats für das religiöse Leben der Gemeinde hervor und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die jüdische Gemeinde noch recht lange aus;bte Auszahlung der Stiftungssumme möge warten müssen; er brachte dann die Adresse zur Verlesung, die von der hiesigen Korpvrations- und Schulgemeinde und den jüdischen Wohltätigkeitsvereinen dem Jubelpaare mit einer „Lefser- und-Pauline-Baerwäld-Goldene-Hochzeits-Stiftung" übersandt wordett war und knüpfte daran herzliche Wünsche für das fernere Wohl des Jubelpaares und des Baerwaldschen Hauses. — Während des Festmahles wurde noch manch ernster und launiger Toast laut: Herr Sallh Herrmann hob neben der generösen Wohltätigkeit und steten Hilfsbereitschaft des Herrn Baerwald dessen Selbstlosigkeit und Bescheidenheit hervor und sprach den Wunsch aus, daß auch in den Baerwaldschen Kindern der Geist und die Gesinnung der Eltern fortleben mögen. — Es sprachen noch Herr A. Rüben auf die Damen, Herr A. Eisack auf den Vereinsvorstand, Herr M i ch e l in jubelnd aufgenommenen Worten auf unfern allverehrten Herrn Rabbiner und Herr A. Schoen auf den Gcmeindevorstand, der durch seine verständige und weitsichtige Leitung des Ganzen auch den Verwaltungen unserer Vereine mit gutem Beispiel voranleuchte. Erwähnt sei noch, daß der Magistrat anläßlich des'Ehejubiläums beschlossen chat, die zum Mühlenetablissement des Herrn Baerwald führende Straße Baerwäldstraße zu nennen. Der Jubilar hat sich durch viele wohltätige Stiftungen verdient gemacht, ist ein Mann, edel, hilfreich und gut. Sein Bild schmückt den Sitzungssaal der Stadtverordneten; er ist auch Inhaber des Roten .Adlerordens vierter Klasse und des Kronenvrdeus dritter Klasse. K. Köslin, 21. März. An: Sonntag den 16. d. M. tagte hier unter Zahlreicher Beteiligung der diesjährige Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Pommerns. Der Vorsitzende, Herr Justizrat Dr. L e w i n - Stettin, ervffnete die Sitzung mtd betonte in seiner Begrüßungsrede, daß der Verband in den einzelnen Zweigen seiner Bestrebungen und Ziele schöne Erfolge aufzuweisen habe, so daß der Verband der Synagogengemeinden Pommerns vorbildlich wirken könne. Er danke allen deiten, die sich an den Aufgaben des Verbandes in hervorragender Weise beteiligen, insbesondere den Rabbinern und Lehrern, die ihre Tätigkeit gern deni Verbände zur Verfügung gestellt haben. Er müsse aber auch sehr bedauern, daß trotz mehrfacher Aufforderung noch nicht sämtliche Gemeinden Pommerns (es kommen diverse kleinere Gemeinden in Betracht) dem Verbände angehören. Diese über die Ziele lind Zwecke des Verbandes auszuklären und zum Beitritt zu veranlassen, sei auch in Zukunft eine wichtige Aufgabe des Verbandes. Sodann begrüßte Herr Stadtrat Rosienberg -Köslin in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der hiesigen Synagogengemeinde die Versammlung, gab seiner Freude Ausdruck, daß der Gemeindetag gerade hier tage, versicherte, das- Köslin jederzeit die Bestrebungen des Verbandes unterstützen werde und wünschte den Beratungen segensreichen Erfolg. Herr Prediger Kahn- Köslin dankte in seiner Begrüßung der Verbandsleitung ganz besonders dafür, daß sich der Verband die Mitarbeit einiger Lehrer gesichert habe, in der richtigen Erkenntnis, daß die Ziele des Verbandes durch sie die beste Förderung erfahren. Hieraus berichtete der Vorsitzende über die Tätigkeit des Verbandes im abgelaufenen Jahre. Sein besonderes Augenmerk hat der Verband auf die Inspektion des Religionsunterrichts gelenkt. Auch das vorpomuiersche Rabbinat, das Herr Rabbiner Dr. W o r m s - Stettin leitet, habe sich als eine sehr ersprießliche Institution bewährt. Das „Einigungsamt" konnte in verschiedenen Fällen zur Befriedigung beider Parteien in Aktion treten. Als eine ganz hervorragend soziale Einrichtung. wirke die Provinzinlkassc für die Wanderarmen. Herr Rabbiner Dr. Wiener- Stettin berichtete eingehend über das segensreiche Wirken der Provinzialkasse und forderte die Gemeinden, die sich noch nicht angeschlossen haben, auf, beizutreten. Herr Justizrat Dr. M a y c r - Stargard hob beit sozialen Gesichtspunkt der Kasse für die Wanderarmen hervor und wünschte mehr.Aufklärung darüber durch die jüdische Presie, damit bas ideale.Ziel und der Zweck dieser Organisation mehr bekannt iverden. Der sodann erstattete Kassenbericht zeigte, daß die Ausgaben sich so ziemlich mit den Einnahmen deckett, woraus nach Erteilung der Decharge die Revisoren sowie der Vorsitzende und der Ausschuß wiedergewählt wurden. Ein Antrag Simon, den Gemeinden zu empfehlen, für ihre Beamten (bis zu 2000 Mark Jahresgehalt) die ganzen Beiträge zur Angestelltenversicherung auf ihren Etat zu übernehmen (was übrigens auch in Pommern schon vielfach geschehen ist), wurde einstimmig angenommen. Herr Prediger Wolfs- Tempelburg referierte eingehend über Stellenvermittelung nnb Auskunftei, und fanden feine Anregungen nebst den beachtensiverteu Ergänzungen des Korreferenten Herrn Justizrat Mayer-Stargard lebhaften Beifall und die Zustimmung der Der-