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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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-Zinsen der Blumenthal-Stiftung der Armenkommission entstanden, uni> was machen 5000 Mark bei einem Fünsmillionenetat aus, noch nicht 1 Pro Mille. Herr Justizrat L i l i e n t h a l verweist darauf, daß die Angabe, es würden nur 8 Prozent der Steuereinnahmen für die Wohltätigkeit ausgegeben, keineswegs zutrefse. Richtig sei, daß 20 Prozent für Wohltätigkeitszwecke verausgabt würden, nämlich rund 602 000 Mark, das ist fast so viel als für Kultusaufgaben, für die 677 000 Mark, gleich 22 Prozent, verausgabt würden. Auch er bittet, den Ausführungen Retters folgend, die Anträge abzulehnen. Herr Louis Sachs: »Wir sind doch dazu da, Wohltätigkeit zu üben, gerade da sollten wir nicht sparen. Es sei ihm geradezu peinlich, wegen 5000 Mark für die Armen den Sparsamkeitsstandpunkt hervorzuheben. Wenn man sparen wolle, so möge man das bei anderen überflüssigeren Ausgaben tun, in der jüdischen Oeffentlichkeit werde dies Verhalten des Vorstandes keinen angenehmen Eindruck machen. Wenn Sie (zum Vorstand gewandt) sozial und fürsorglich denken und sein wollen, müssen Sie das Verlangte gewähren. Die Armenpflege soll und kann sich nicht nach der Decke strecken." Herr Netter wendet sich entschieden dagegen, daß irgendwo und wann unnütze Ausgaben, bei denen gespart werden könnte, gemacht worden sind. Eine Debatte in der breitesten Oefsentlichkeit brauche der Vorstand nicht zu scheuen. Hier handle es sich um Mittel der Steuerzahler, und es sei nicht angenehm, in die Notwendigkeit versetzt zu werden, die Steuerschraube anzuziehen, wenn alle Zweige mit ähnlichen oder überhaupt immer neuen Forderungen kommen. Nach einigen weiteren Auseinandersetzungen zwischen Herrn Emil P i n k u s und Herrn Kommerzienrat Netter wird der Antrag Pinkus sodann von der Versammlung mit allen .gegen eine Stimme angenommen. Zum Etat der Fürsorgekommission bemerkt Justizrat Lilienthal: Man habe die Ausgaben wesentlich herabgesetzt. Verwahrloste Kinder in Fürsorge zu nehmen, sei mau verpflichtet. Aber Kinder vor Verwahrlosung zu schützen, sei zwar gewiß auch sehr schön, aber hierbei bestehe die große Gefahr, daß die Grenzen zu weit gezogen würden. Es gebe Eltern, die ihre Kinder gern aus die Gemeinde äbschieben wollen, oft auch würden Kinder von Ausländern auf die Gemeinde abgeschoben. Die Fürsorgekommission sei darauf aufmerksam gemacht worden, daß sie zuweilen zu weit gehe. — Nach über fünfstündiger Beratung war der Etat in zwei Lesungen erledigt. Angenommen wurden dabei nicht weniger als 86 Anträge, die zum Etat gestellt waren. — Dann folgte noch eine geheime Sitzung. Berlin, 25. März. Die Israelitische Fürsorge-Erziehungsanstalt für Mädchen ist bekanntlich in die Notwendigkeit versetzt, sich ein eigenes Haus zu errichten, da das jetzige den Anforderungen der Vehörde nicht entspricht! Wie seinerzeit mitgeteilt, hat der „D.J.G.B." einen größeren Betrag, die Jüdische Gemeinde Berlin gleichfalls 25 000 Mark für den Neubau zur Verfügung gestellt. Jetzt hat auch, wie wir erfahren, die „Emil-und-Gertrud-Mosse-Stistung" für diesen Zweck insgesamt 5000 Mark gespendet, und zwar 2500 Mark für den Neubau und 2500 Mark für die innere Einrichtung. Es steht zu hoffen, daß diese Beispiele hochherziger Spenden bei Gemeinden, aii >die man sich gewandt hat, wie auch bei Stiftungen und Privatpersonen Nachahmung finden werden. 22 Berlin, 25. März. Die Ortsgruppe Groß-Berlin des Jüdische n F raue n b u n d e s hielt vor kurzem in den Räumen des von ihr gegründeten Mädchenklubs, Hackescher Hof, Rosenthaler Straße 40/41, ihre erste Mitgliederversammlung ab. Die Vorsitzende der Ortsgruppe, Frau Professor R o s i n , gab einen ausführlichen Bericht über die Arbeit der im Vorjahre gegründeten Ortsgruppe und über die Ziele und Zwecke des Jüdischen Frauenbundes, N'ährend die Vorsitzende des Mädchenklubs, Frau SaNitätsrat S n a l - selb, im besonderen über das Wesen und die Notwendigkeit des Mädchenklubs referierte. Die Ortsgruppe gewann durch die gut besuchte Versammlung mehrere neue Mitglieder. A. F. Berlin, 18. März. In der letzten Montagsberlesung zum Besten des Stipendienfonds der. L e h r a n st a l t für die W i s s e ns ch a s t des I u d e n t u m s sprach Chefredakteur I. Land a u über das Thema: „Chamberlain, Goethe und die Juden". Der Redner befaßte sich mit dem bekannten Werke »Grundzügc der Kultur des XIX. Jahrhunderts", in welchem Chamberlain den Versuch macht, Goethe in einen feindlichen Gegensatz zum Judentum zu bringen. Chamberlain versucht in diesem Werke bekanntlich, den Einfluß Spinozas aus Goethe zu leugnen. Obwohl Judentum und Spinozismus, wie der Redner ausführte, durchaus nicht identisch seien, so müsse doch dieser Versuch Chamberlains, der es nur mit dein Juden Spinoza zu tun hat, energisch abgelehnt werden.' Die Ethik Spinozas sei übrigens ein Extrakt der jüdischen Ethik. Er zitierte sodann mehrere Stellen, in welchen sich Goethe als »herzlicher Verehrer und leidenschaftlicher Schüler" Spinozas bezeichnet. Der grenzenlosen Uneigennützigkeit Spinozas habe Goethe oft uneingeschränktes Lob gezollt. Ueber die Beziehung Goethes zum Judentum selbst sei vor allein .zu bemerken, daß der Ertrag einer diesbezüglichen Erforschung sämtlicher Werke ein sehr geringer sei. Der Grund davon liege darin, daß Goethe keinen engen Verkehr mit Juden hatte. Es läge daher keine Notwendigkeit vor, Goethe in Beziehung zum Judentum zu bringen; noch weniger Grund sei aber vorhanden, Goethe in einen feindseligen Gegensatz zum Judentum zu bringen. Die wenigen Aussprüche, die sich bei ihm über Judentum vorfinden, zeugen von einer Bewunderung der jüdischen Religion, die sich dem Religionsbegriffe Goethes in vieler Hinsicht nähert. Goethe habe besonders die zähe Energie des jüdischen Volkes bewundert, und habe sich ausdrücklich für Toleranz gegen die Juden ausgesprochen. Zum Schluß erwähnte der Redner, daß wir auf unsere erhabene Religion stolz sein dürfen, die die Zeugnisse der großen Männer entbehren kann. —. Die zahlreiche Zuhörerschaft spendete dem Vortragenden lebhaften Beifall. Berlin, 25. März. Von Herrn F a b i u s S ch a ch in Charlottenburg erhalten wir nachstehende Zuschrift: Sie bringen in der letzten Nummer Ihres Blattes eine Korrespondenz aus C h e m n i tz, die unwahre Angaben über meine Person enthält. Aus Grund des Preßgesetzes ersuche ich Sie, folgende Berichtigung in der nächsten Nummer Ihres Blattes zu veröffentlichen: 1. Es ist nicht wahr, daß ich die Verfasser und Anhänger der Richtlinien mit den indifferenten Kreisen identifizierte. Wahr ist nur, daß ich die Meinung aussprach, die Richtlinien seien nicht geeignet, den Jndifferentismus zu beseitigen. 2. Es ist nicht wahr, daß ich von den Verfassern der Richtlinien sagte, sie kennen das Judentum und die Judenheit nicht. Wahr ist vielmehr, daß ich ausdrücklich die edelste Absicht der Verfasser voraussetzte und auch zugäb, daß darunter sich Gelehrte befinden. Ich habe nur gesagt, sie seien schlechte Psychologen, sie kennen die Psyche der Juden und des Judentums nicht. 3. Es ist nicht wahr, daß ich die Rabbiner Dilettanten nannte. Wahr ist nur, daß ich die Richtlinien vom Standpunkte der Wissenschaft als dilettantenhaft bezeichnete. 4. Es ist nicht wahr, daß ich gesagt habe, jeder Jude solle sich seinen eigenen Schulchan- Aruch machen. Wahr ist nur, daß ich gesagt habe, .in gewissen Dingen wird wohl jeder Jude immer seinen eigenen Schulchan-Aruch haben. 5. Esist nicht wahr, daß ich den Rabbiner Dr. Fuchs persönlich beleidigte und ihm Unwissenheit vorwarf. Wahr ist nur, daß ich aus die persönlichen Angriffe des Herrn Dr. Fuchs gar nicht reagierte und in meinem Schlußworte nur sagte, daß seine Auffassung eine Verkennung des Judentums bedeute. 6. Es ist nicht wahr, daß in der Versammlung irgendwelche Abstimmung vorgenommen wurde. Es konnte daher auch nicht konstatiert werden, daß „ein großer Teil der Anwesenden" die Meinung des Herrn Dr. Fuchs nach irgendwelcher Richtung teilte. 7. Es ist schließlich nicht wahr, daß »fast sämtliche Gäste" die Versammlung verließen. Wahr ist vielmehr, daß nur eine ganz kleine Gruppe um Dr. Fuchs den Saal verließ. Fäbius Schach. x. Liffa i. P., 21. März. Unsere Stadt und unsere Synagogengemeiude sind von einem schweren Verlust betroffen worden. Am 15. d. M. ist I u st i z r a t Nürnberg im Alter von 55 Jahren'plötzlich aus dem Leben geschieden. In ihm ist ein Mann von uns gegangen, der im öffentlichen Leben eine hervorragende Rolle spielte, und der in seiner umfassenden, vielseitigen Tätigkeit sehr schwer zu ersetzen sein wird. In der Stadt bekleidete er das Amt eines Stadtverordneten, und sein weiser Rat, seine Gründlichkeit, Gewissenhaftigkeit und tiefen juristischen Kenntnisse haben zum Gedeihen des städtischen Gemeinwesens viel beigetrageu. In der Syuagogengemeinde hatte er das Amt eines stellvertretenden Vorsitzenden in der Repräsentantenversammlung inne und hat dabei das Wohl der Gemeinde in vielen Dingen gefördert. Als Sohn eines Lehrers wirkte er im jüdischen Schulvorstande mit ganz besonderem Interesse und Eifer. Die Lehrer hatten in allen ihren Angelegenheiten in ihm einen verständnisvollen Freund. Als Leiter des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur suchte er die Aufgaben desselben mit warmer und begeisterter Hingebung zu erfüllen, und seine glänzende Beredsamkeit, seine große

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