Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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*:»**».» Der Vemrtndebote Betlase zur „Allgemeinen Leitung dezS Judentums. Korrespondenzen und Kachrichten. Deutschland. ^. Berlin, 23. Mürz. Die heutige Sitzung der Reprüsent a n t e n v e r.s a m m l u n g war nahezu ausgefüllt von der Beratung des Etats. Von den 46 Gegenständen, die auf der Tagesordnung standen, wurden vor der Etatsberatung nur sieben erledigt und dann nach der ersten und zweiten Lesung des Etats und einer kurzen nichtöffentlichen Sitzung alles übrige vertagt. Zwei dringliche Anträge, die nicht genannt werden, sollen in der geheimen Sitzung beraten werden. — Zur Erweiterung der bei der Armenkommission bestehenden Martin-Simon-Stiftung haben die Herren Dr. James Simon 300 Mark, Rechtsanwalt Martin S e l i g s o h n 500 Mark, Ludwig S i m o n 500 Mark und Justizrat Arnold Seligsohn 5OO Mark zu gewendet. . Die Versammlung stimmt der Annahme zu, desgleichen werden die Zuwendungen von 1OO0 Mark aus dem Nachlaß der Frau Valerie Blum geb. Abraham zur Verteilung an zwei blinde bedürftige jüdische Frauen, von 3000 Mark der Frau Regina Lew ent für das Waisenhaus Pankow, ferner die Zuwendung der Frau Gertrud M o s s e von 5000 Mark für die Elnil-Mosse-Stiftung ' und die beiden Vermächtnisse der Frau Karoline L i ch t w i tz geb. Friedeberg in Höhe von 1000 und 300 Mark angenommen. Für die Waiseiikommission sind >von Frau Landgerichtsrat S t e r n b e r g geborene Meyerhof 2OO Mark zugewendet. Der Annahme stimmt die Versammlung zu. — Dann trat man in die Etatsberatung. (Wir verweisen hier auf den im Hauptblatte dieser Nunnner veröffentlichten Artikel des Herrn Benas Levy „Der Etat der jüdischen Gemeinde zu Berlin für 1913—1915", der dem Leser ein klares Bild über die vorzügliche Finanzwirtschaft unserer Gemeindeverwaltung bietet, und beschränken uns auf die Wiedergabe des Berichts über die bei der Beratung einiger Etatsabteilungen zur Erörterung gelangten Angelegenheiten. Die Red.) Aus dem Kapitel Schulwesen ist zu erwähnen, daß die dritte Religionsschule dauernd im Rückgang begriffen ist. Währende sie im Jahre 1905 noch 336 Schüler zählte, ist sie im April 1912 auf 168 Zurückgegangen. Diese Erscheinung erklärt sich daraus, daß durch die Errichtung der achten Religionsschule in Schöneberg ein Teil der Schüler dorthin abgegangen ist und erklärt sich auch aus dem Umstande, daß sie auf der einen Seite von der Bahn begrenzt wird und daß aus der anderen Seite die Nähe des Potsdamer Viertels sich in eine Geschäftsgegend umgewandelt hat und dadurch ein großer Teil der Gemeindemitglieder weiter nach Wilmersdorfs Schöneberg und Charlottenburg gezogen ist. Bei dieser Sachlage hält es der Vorstand für dringend notwendig die Schule zu verlegen. Das empfehle sich um so mehr, als dadurch eine passende örtliche Neuverteilung der drei westlichen Neligionsschulen ermöglicht wird. In Wilmersdorf mit 9698 jüdischen Einwohnern befindet sich noch keine Religionsschule, für Schöneberg reicht die achte nicht aus, die Anstalt in der Joachimsthaler Straße hat nur die geringe Frequenz von 137 Schülern, so daß auch sie an ungünstiger Stelle untergebracht erscheint. Es soll daher die neunte Religionsschute in der Joachimsthaler Straße, aus Wilmersdorfer Gebiet, die dritte aus der Lützowstraße mehr nach der Schöneberger Gegend gelegt und die achte Religionsschule am Barbarossaplatz so weit hinaus nach Schöneberg, daß die bisher in verschiedenen Schulen untergebrachten Knaben- und Mädchenklassen vereinigt werden könnten. Die Versammlung war mit diesem Anträge einverstanden. Von besonderer Bedeutung erscheint, daß der Vorstand zum erstenmal den Versuch macht, eine Anstalt lediglich s ür den hebräischen U n t e r - r i ch t einzurichten. Die neue Schule soll nach den Räumen der Knabenschule Große Hamburger Straße verlegt werden. Die Leitung dieser hebräischen Unterrichtsanstalt der Gemeinde soll Herrn Rabbiner Dr. Petuchowski übertragen werden. Der Unterricht soll in drei Abteilungen erteilt werden. Die Religionsschulen in Pankow, Friedenau sollen zu Vollschulen ausgebaut und der für die Neligionsschulen der Gemeinde geltende Normallehxplan eingeführt werden. Neu und sicherlich einem großen Bedürfnis entsprechend ist die beschlossene Einrichtung einer Unterrichtsstation für Ausländ er ki nd er. Von der Armenkommission ist darauf aufmerksam gemacht worden, so führte der Vorstand dazu aus, daß ein erheblicher Teil der jüdischen Schüler in dm Volksschulen hinter dem Lehrziele zurückbleibt. Diese Tatsache ist im wesentlichen darauf zurückzusühren, daß die jüdischen Volksschulkinder sich vielfach aus beit Kreisen der Ausländer rekrutieren, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und deshalb überaltert in die einzelnen Schulklassen eintreten. Auch am Fortschreiten in den Klassen werden diese jüdischen Ausländerkinder zum großen Teil infolge mangelnder Beherrschung der deutschen Sprache behindert, während sie in den übrigen Fächern ihrem Alter und ihren allgemeinen Fähigkeiten entsprechend oft weit über dem Durchschnitt der Klassen stehen. Die Unterrichtsstation für jüdische Ausländerkinder, in der übrigens, wie Herr Professor B lasch ke mitteilte, auch Kinder der deutschen Juden, die im Deutschen schwach sind, werden teilnehmm können, soll diesen die erforderlichen Kenntnisse im Deutschen vermitteln. Diese Einrichtung soll zitnächst versuchsweise gleichfalls in der Nähe der Großen Hamburger Straße erfolgen. — Bezüglich des Kapitels „Religionsschulen" ist zu erwähnen, daß das durch die Amtsniederlegung des Herrn Dr. Ellbogen freigewordene Dirigentenatnt der achten Religionsschtile Herrn Rabbiner Dr. Letvkowitz übertragen ist. Die Neligionsschulen sollen jetzt allgemein Bibliotheken erhalten, und es sind für diesen Ztoeck auch die Mittel bereitzustellen. Hierzu nimmt die Versammlung die folgende Resolution an: „Bei Anschaffung von Schülerbibliotheken erscheint es wünschenswert, daß die Leiter der Neligionsschulen sich mit dem Schttl- und Talmud-Thora-Vorstand in Verbindung setzen und ein Verzeichnis der anzuschafsenden Bücher einreichen." Ferner tvird die folgende Entschließung angenomme n: „Die Repräsentantenversammlung spricht die Erwartung aus, daß die an Schulen nicht festangestellten Lehrkräfte, die aus anderen als in ihrer wissenschaftlichen oder körperlichen Befähigung liegenden Gründen in ihren Bezügen geschmälert werden, in erster Reihe durch anderweite Beschäftigung in den Gemeinde-Religionsschulen schadlos gehalten tverden." Eine lebhafte Debatte gab es bei einem Anträge, der von Herrn Emil Pink ns warm befürwortet wurde, und der folgenden Wortlaut hatte: „In den Etat der Armenkommission Titel I für einmalige und bzw. laufende Unterstützungen für die Jahre 1913 statt 153 000 Mark 158 000 Mark, 1914. statt 157 500 Mark 163 000 Mark und für 1915 statt 162 000 Mark 168 000 Mark einzusetzen." Eine wesentliche Steigerung der Ausgaben zeigt der Etat der Armenkontmisston. Der Zuzug Hilfsbedürftiger nimmt zu, nicht nur, tvie man dies immer anzunehmen pflegt, aus dem Auslande, sondern, tvie der Vorstand selbst feststellte, auch aus den preußischen östlichen Provinzen strömt alljährlich eine Menge von Familien nach der Reichshauptstadt, besonders wegen der mißlichen politischen Verhältnisse, die die Juden zwischen christlichen Deutschen und Polen ansreiben. Unter diesen Umständen tvar es der Armenkommission im laufenden Etatsjahre nicht möglich, mit den ausgesetzten Beträgen auszukommen, und es ntußten Nachbewilligungen gewährt werden. Herr Pinkus, der die Resolution sehr eingehend begründete, meinte, wenn man bedenke, daß 8 Prozent der Gemeindesteuern für Armenzwecke ausgegeben, würden, so sei das nicht hinreichend genug. Für 1912 tvürden etwa 158 000 Mark effektiv ausgegoben sein, da habe es doch feinen Sinn, für 1913 nur 153 000 Mark in den Etat einzustellen. Vom Vorstandstisch verwies Herr Kommerzienrat Netter darauf, daß der Gemeindevorstand den Etat der Armenkommission ohne jeden Abstrich angenommen habe. In der Kommission habe man doch gewiß alles reiflich erwogen, und wenn keine höheren Ansprüche dort geltend gemacht worden seien, so gehe es doch nicht an, jetzt mit neuen Forderungen zu kommen. Mehr als alles, was gefordert wurde, zu bewilligen, konnte der Vorstaud doch nicht tun. Im übrigen: alles hat doch seine Grenzen,, so gut wie die anderen Verwaltungskommissionen müsse sich auch die Armenkommission nach der Decke strecken. Man möge den Antrag ablehnen. Herr Willibald Loewenthnl wendet sich gegen die Ausführungen Retters. Ein. Verlust sei durch die Entziehung der