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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · p. Seite 156

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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Darauf sagte Schimine Kurke den üblichen Rabbonim-. Kaddisch und die ganze Khille begab sich aus dem Tempel. > Auf Klotz und Baum hatte dieser Vorgang wie ein Blitz aus heiterem Himmel gewirkt. Freilich war ihnen der Ausfall der Revision, den sie sich übrigens gar nicht erklären konnten, sehr peinlich und unangenehm. Aber sie waren dxr Meinung, daß der scharfe Verweis, den Rabbi Jossele ihnen auf frischer Tat, an Ort und Stelle erteilt, die Sache erledigt habe. Und jetzt . diese große Aufmachung, diese große Busche und diese große Strafe. Sie waren beide so verwirrt und so erstarrt, daß sie das Amen viel lauter als alle andern riefen, wofür sie aber von allenals die verstocktesten Sünder, als die größten „Asuß- Penemer" betrachtet wurden: Und jetzt auf dem Heimwege kam ihnen das Bewußtsein der erlittenen Schmach mit voller Wucht wieder in Erinnerung und Klotz' Galle kochte vor Wut und Empörung. Daß es eine abgekartete, langvorbereitete Sache war, bezweifelten sie keinen Augenblick. Wie wäre es denn sonst denkbar, daß die anderen Meschorerim rein und unschuldig wie ein neugeborenes Kind aus der Revision hervorgingen. Klotzwußte, daß auch jeder der anderen nur ein „Zaddik im Pelz", d. h. ein Wolf im Schafskleid war, daß keiner von ihnen es mit. den religiösen Vorschriften besonders genau nahm — — daher war es kein leerer Zufall, daß die andern so gut abgeschnitten und makellos in den Augen der Khille dastanden., Es war sonnenklar, daß man die andern rechtzeitig gewarnt, um sie vor Ueberraschungen unliebsamer Art zu schützen. So raffiniert konnte aber kein anderer als Meier Stump sein. Abgesehen von der großen Schande, war es für die armen Sünder auch in der Tat ein großes Unglück. Wie die Kellner in großen Restaurants, bezogen auch die Meschorerim kein festes Gehalt, sondern waren aus die Spendierlaune der Baal- Battim bei festlichen oder anderen Gelegenheiten angewiesen. Sehr groß waren ja die Spenden niemals; denn selbst bei Hochzeiten kamen sie erst nach dem Row, Chasen, Schauchet, Schammes und Marschallik an die Reihe. Nur der Purim galt als „Goldener Sonntag", weil die ganze Khille sich daran beteiligen mußte, weil kein Mitglied bei den Haussammlungen vergessen wurde. Dieses aber sollten sie jetzt einbüßen! Ein Verlust, der sich während des ganzen Jahres nicht mehr ersetzen ließ. Dazu noch die schadenfrohen Blicke und Redensarten der Kollegen, vor denen sie geflohen waren und zu denen sie doch wieder zurückkehren mußten! Klotz war der Verzweiflung nahe und er lamentierte und jammerte in allen Tonarten. „Höre endlich auf!" suchte Baum ihn zu beschwichtigen. „Dadurch wird die Sache doch nicht anders. Es ist ja eine gemeine Bande. Aber sei Versichert, auch unsere Zeit wird kommen!" „Gewiß wird sie kommen, denn der^Gerechte geht nicht unter. Nur müßte sie bald kommen. Ich hatte mich schon so sehr auf die Purimeinnahme gefreut," sprach er .wehmütig, „um meiner armen. Mutter wieder etwas Geld.Wjicken' zu können. Du weißt doch,-dsiß sie eine Witwe ist, upb. feip den, Herbstfeiertagen habe ich..ihr noch nichts schicken können. Was soll ich jetzt ansangen?" . „Ich habe doch ttvch drei Rubel . . ." „Die ich nicht von dir nehmen werde, und für welche du dir endlich zu Pessach ein Paar Stiefel kaufen wirst,"' Unters brach ihn Klotz. „Nein, kleiner Bruder," er legte liebkosend seinen Arm um Baums Nacken, „ich werde doch nicht ' von meinem Herzen nehmen, um es meiner Seele zu geben! Wir' müssen schon aus andere Mittel sinnen, wenn wir aus, dieser - Patsche herauskommen wollen. Laß mich nur Nachdenken, vielleicht fällt mir ein Ausweg ein. Nur ist mir der Kopf' so wirr, daß ich meine, er wird mir noch zerspringend Was ist da zu machen? Meine arme Mutter will mir Ü-icht aus den Sinn." Seine Stimme zitterte merklich und seine Augen, schimmerten feucht. Schweigend schlichen sie heimwärts. Die Schornsteine von Tomalow kamen bereits zum Vorschein,. aber sie wußten immer noch keinen Rat. Plötzlich aber blieb Klotz wie angewurzelt stehen und "ei n leises Lächeln wurde auf seinen Lippen sichtbar. „Du, Baum," sprach er leise; „kannst du mir nicht sagen, in welchem Dorfe der hiesigen Gegend die dümmsten Muschiks vorhanden sind? Du bist doch schon viele Jahre bei Schaje Pfeifer und wirst es doch wissen." Baum blickte ihn eine Weile verwundert an und fragte dann: „Wie kommst du jetzt auf so etwas?" Klotz wiederholte nur seine Frage, und Baum fuhr fort: „Das weißt du doch selbst, und jedes Kind kann es dir. sagen. In Chammerow sind die.Bauern geradezu polizeiwidrig dumm und beschränkt. In dieser Hinsicht sind sie den Chelmer und Schildbergern weit über. Ich will dir nur einige ihrer Heldentaten erzählen und du kannst dir von ihnen ein Bild machen." Klotz schwieg und sah den -Freund erwartungsvoll an. Dieser fuhr fort: „Neulich waren sie bei ihrem Gutsbesitzer zu einer Festlichkeit geladen, die er ihnen aus Anlaß seiner Hochzeit bereitete. Die Bauern kamen natürlich alle in ihrem höchsten Sonntagsstaat, hohen Pelzmützen, langen Kaftans und weißen Beinkleidern. Sie aßen und tranken nach Herzenslust — das letztere doppelt und dreifach — bis sie gehörig benebelt waren. Es war da für den Gastgeber die höchste Zeit, sie endlich nach Hause zu schicken. Doch keiner rührte sich von der Stelle, und als die Hundepeitsche in der Hand , des Gutsbesitzers zum Vorschein kam, da singen sie an zu winseln und zu jammern, daß sie ja nicht sortgehen könnten, weil sie Angst hätten, die Beine miteinander zu verwechseln, da sie doch alle gleiche Beinkleider hatten, die nicht zu unterscheiden wären,-—" Klotz lächelte ungläubig, und das brachte Baum in Harnisch. (Fortsetzung folgt.) ' E Mcheremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. , Die Juden und der Freiheitskrieg 1813. Vortrag, gehalten am 3. März 1913 in der Lehranstalt für die Wissenschaft des. Judentums vom Stadtverordneten Dr. jur. I. Levy. Berlin 1913. Judentum und Christentum in ihren Ünterscheidungslehren. Bon Dr. S. Pick, Rabbiner in Strasburg (W.-Pr.). Verlegt bei I. Kaussmann, Frankfurt a. M. 1913. Salamon Dembitzer: Schwarze Blätter. Umschlagzeichnung von E. M. Lilien. Verlag von Dr. Franz Ledermann, Berlin. Friedenau 1913. Aus meiner Jugend. Autobiographie von M. Lazarus.- Mit Vorwort und Anhang herausgegeben von Nahida Lazarus. 1913. Verlag von I. Kausfmann, Frankfurt a. M. Berthold Auerbach: Barfüßele. Eingeleitet von Rudolf Fürst. Deutsche Bibliothek in Berlin. Geschichte der Juden und ihrer Literatur von Dr. M. Bräun. Zweiter Teil: Vom Abschluß des Talmud bis zur Vertreibung der Juden aus der pyrenäischen Halbinsel. Dritter Teil: Von der Vertreibung der Juden aus der pyrenäischen Halbinsel bis zur Gegenwart. Dritte vermehrte und verbesserte Auslage. Breslau, Verlag von M. und H. Markus. 1913. ,'J-udaica, Festschrift zu Hermann Cohens 'siebzigstem Geburtstage. Berlin, Verlag von Bruno Cassirer. 1912.

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