Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- Seite 155 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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155 was die Sache nicht besser machte. Ihr Begleiter auf der Flucht aus dem verpesteten Hause war der Legationsrat. Er war am übelsten daran. Im Wettstreit um die Hand der schönen Cousine sah er sich besiegt von einem unebenbürtigen, mehr noch: einem verächtlichen Gegner; noch nie hatte sein Stolz eine solche Demütigung erfahren! Die drei Whistherren hatten kritische Tage zu bestehen. Sie berieten lange und umständlich, ob sie den Skandal, der der Gesellschaft angetan war, persönlich nehmen sollten oder nicht. Die Freundschaft für den alten Kameraden, vielleicht auch ein wenig der Wunsch, die Spielpartie nicht einzubüßen, gab . den Ausschlag. - Man einigte sich dahin, die Whistabende wieder aufzunehmen und so zu tun, als wenn nichts geschehen wäre. Oberst v. Gütsch setzte aber noch durch, daß die drei Herren sich verpflichteten, den Namen Deutzer nicht in den Mund zu nehmen und jedem Versuche, diebewußte Affäre zu erörtern, mit eisigem Schweigen zu begegnen. Herr v. Römer bewies gegenüber der allgemeinen Fahnenflucht mehr Fassung, als er sich selbst zugetraut hatte. Nachdem er einmal ja gesagt, glaubte er sich schuldig zu sein, die j Konsequenzen mit Würde zu tragen. Er war nur froh, daß die alten Spielgenossen nicht desertierten, im übrigen sagte er sich, daß die Menschen schon schlimmere Dinge nachträglich gutgeheißen hätten, und daß mit der Zeit auch die schärfsten Messer sich abschlisfen. Trotz dieser optimistischen Auffassung erstaunte er außerordentlich, als sich eines Tages der Legationsrat bei ihm einfand. Auf solchen Besuch hatte er auch bei der günstigsten Beurteilung der Sachlage nicht vor einem Jahrzehnt gerechnet. In seiner Befriedigung über die angenehme Enttäuschung kam er dem Neffen mit größerer Herzlichkeit entgegen, als er eigentlich für ihn vorrätig hatte. Auch der Legationsrat sah leidlich vergnügt aus, soweit dies seiner überkorrekten Haltung möglich war. Die Unterhaltung verlief daher anfangs ganz gemütlich, und Herr v. Römer bat dem guten Wilhelm allerlei im stillen ab. Erst als dieser das Gespräch aus das heikle Thema lenkte, das im Grunde beider Gedanken beherrschte, auch während sie von gleichgültigen Dingen sprachen, erst da begann sich der Ton zu verschärfen. Den alten Herrn reizte die Art, in der sein Nesse die Angelegenheit behandelte; er hätte es natürlich gefunden, wenn der unterlegene Bewerber sich in Anklagen und Vorwürfen ergangen hätte, die Leichenbittermiene dagegen, die er aufsteckte, war ihm ebenso peinlich wie seine halb mitleidigen, halb schmerzlichen Betrachtungen über die „Heimsuchung", die den verehrten Herrn Onkel betroffen habe. Was ging den jungen Fant seine Heimsuchung an? Er sollte sich um seine eigene Blamage kümmern und sein Mitleid für sich behalten. In dieser Stimmung antwortete er auf die Tiraden seines Gastes nur mit kurz abweisenden Worten und gab ihm deutlich zu verstehen, daß ihn das Gespräch langweile. Als aber der Legationsrat wiederholt den Ausdruck „Opferung" gebrauchte und sich zu der Aeußerung verstieg: „Und wem gilt dieses Opfer? Ich meine, wer ist der Mann, dem zuliebe es gebracht wird?" sagte er ärgerlich: „Halt, mein lieber Wilhelm! Darüber dulde, ich keine Raisonnements. Wen meine Tochter liebt, der ist auch ihrer wert. Deutzer — er mag dir gefallen oder nicht — ist ein Ehrenmann durch und durch. Ich schwärme gewiß nicht, aber ich kann sagen: ich habe noch keinen Mann von solcher Seelengröße, solcher Charakterstärke--" „Jetzt rufe ich: halt ein, Onkel!" unterbrach ihn der Legationsrat mit merkwürdiger Bestimmtheit. „Es ist mir unerträglich, dich so reden zu hören. Nicht weil ich unterlegen i bin, meine Person bleibt ganz außer Betracht, sondern — —" „Sondern?" fragte Herr v. Römer verwundert. „Weil-Lieber Onkel, es tut mir leid, dir einett Schmerz zu bereiten, aber ich muß. Ich bin es deiner — unserer Ehre schuldig." „Ehre? Schuldig? Was sollen die großen Worte?" „Ich hätte geschwiegen, wenn eine Aussicht vorhanden gewesen wäre — —" „Zum Teufel, was gibt es?" rief Herr v. Römer mit dem Zeichen höchster Ungeduld. „Keine Umschweife, wenn ich bitten darf!" ' . Der Legationsrat schwieg einen Augenblick, als wollte er zu einem großen Schlage ausholen, dapn sagte: er> in Haltung und Ausdruck ganz Funktionär des Auswärtigen Amts: „Ich habe es für meine Pflicht gehalten, über jenen Herrn Erkundigungen einzuziehen." „Was?" ries Herr v. Römer entrüstet. „Erkundigungen einzuziehen? Wie kommst du dazu? Wer hat dich autorisiert?" „Ich sah dich so blind vertrauend, so sorglos einem fremden Einfluß unterworfen, daß ich es unternahm, für dich zu handeln." (Fortsetzung folgt.) Der Genkrsl von Lhsmmerow. Purimhumoreske von S a m. G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulver man n. II. nd Rabbi Jossele, der Zaddik, der Wundertäter, erhob seine Stimme und sprach: „Rabbossai! Von einem schrecklichen Ereignis, von einer traurigen Tatsache muß ich euch jetzt berichten. Ach und Weh über das, was meine Augen gesehen, was eure Ohren jetzt hören werden. Es geschah am vergangenen Donnerstag — ein doppelt wichtiger Tag, als Krias hatauro und als Taanis Esther — daß ich auf gewiße Andeutungen und Gerüchte hin, die zu mir gedrungen waren, mich gezwungen sah, die Wohnung unseres hochberühmten Ghasen, Reb Schaje Pfeiffer, zu betreten, gerade als alle Meschorerim anwesend waren, um mich über den Stand ihrer Jüddischkeit, hauptsächlich über die Beschaffenheit ihrer Tefillin und Arba-Kansos zu vergewissern. Und nun, Rabbossai, hört, staunet undtrauert mit mir. Was die Arba-Kansos betrifft, so waren alle in guter Ordnung, bis aus Baums, dessen Zizzis viel, viel zu kurz waren und Klotz's, der anstatt acht nur fünf Fäden an einer Zizzo hatte. Und gar erst die Tefillin. Gott soll sich unserer erbarmen. Beinahe wäre die ganze Khille dadurch versündigt worden. Wiederum waren alle anderen ganz koscher bis auf Baum's, dessen Gebetriemen zerrissen und mit gewöhnlichem Zwirnsfaden zusammengenäht waren und Klotz', die an vielen Stellen weiße Flecke auswiesen, weil der Lack abgesprungen war. Mein Herz war voller Betrübnis und meine Seele war tief bekümmert, daß so etwas in meiner Khille geschehen sollte. Als angemessene Strafe für die beiden Bös-ewichter habe ich ihnen folgende Buße auserlegt: An den beiden Purim-Tagen soll es ihnen verboten sein, an irgendeiner Festlichkeit teilzunehmen; ferner spreche ich für dreißig Tage den Bann über beide aus. Bis Erew-Pessach sollen sie in „Cherem" sein, und keiner soll mit ihnen irgendwelchen Verkehr haben, und weil die ganze Khille beinahe durch sie zum Schaden gekommen wäre, sollen sie auch durch die ganze Khille eine Strafe erleiden, indem es ihnen streng verboten wird, mit der „Büchse" herumzugehen und Spenden einzusammeln, wie es am Purim Brauch ist in Israel, damit jeder die Mizwoh von „Schlachmonaus" ausüben kann. Das, Rabbossai, habe ich in meiner Weisheit und-Frömmigkeit beschlossen, und daraus sprechen wir alle Amen."