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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 154 (sequence 10)
Language
German
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seinen Madrigalen betrifft, sind wir außerstande, denselben als synagogalen Komponisten aufzustellen, wenngleich er seinen Kompositionen auch hebräische Texte unterlegte. Wichtiger vielmehr erscheint uns der Christ Marcello Benedetto, der traditionelle Synagogengesänge mit hebräischem Text in Noten verzeichnete und die Noten dem Text zuliebe von rechts nach links schrieb. Soweit die kärglichen Aufzeichnungen reichen, soll in Berlin ein jüdischer Kantor polnischer Abstammung namens Aaron Beer (geboren 1738) durch seine blühend schöne Tenorstimme und ziemlich bedeutende Musikkenntnisse allgemeines Aufsehen erregt haben; er starb im Jahre 1821. — Bedeutender war der Chasan Israel Lowe (Israel Glogau), 1773 in Danzig geboren. Während seiner Berufstätigkeit in Fürth (Bayern) erregten seine gesanglichen Leistungen solche Anerkennung, daß er vom Kurfürsten Maximilian Joseph, nachmaligem König von Bayern, die Aufforderung erhielt, in der im Hofkonzert zu Aschaffenburg auszuführenden Haydnschen „Schöpfung" den Tenorsolopart zu singen. Er starb am 7. Januar 1832 als Kantor in Paris, wo er auch einen stattlichen Band vorzüglicher Synagogengesänge veröffentlichte. Erwähnenswert ist auch der einstige Chasan Jsak Nathan (geboren 1792). Er verließ, später seine Stellung und Religion und starb in London. Großvater, Vater und Sohn Lipschütz waren bedeutende Chasanim, denen zugleich umfassende Gelehrsamkeit nachgerühmt wird. Am Anfang dieses Jahrhunderts taten sich die reisenden Chasanim Kaschtan, Herschel, Kiew, Jzegel, Kanarik, Davidl Brod und andere durch herrliche Stimmen und überaus treffliches Zusammensingen mit ihren Meschorerim bemerkenswert hervor. Diese Chasanim insgesamt Pflegten einen von ihren Altvordern überkommenen Gesangsstil (Steiger), dessen streng musikalische Wesenheit leider gar keine Beachtung fand, trotzdem aber von ihnen, wenn auch nicht theoretisch zielbewußt, doch wie ein traditionelles Heiligtum gepflegt und bewahrt wurde. Erst der Machtspruch Sulzers, der, wie aus der Vorrede des Schir Zion I zu ersehen, die hohe Bedeutung des Gesanges wohl ahnte, doch die musikalische Wesenheit desselben verkennend und von den christlichen Komponisten des Schir Zion 1, -röte Würfel, Seyfried, Volkert, Schubert, den Zeitverhältnissen entsprechend, gedrängt, verbannte denselben aus der modernen Synagoge. Die hohe Bedeutung Sulzers, der es wie je einer verstand, den modernen Gesängen des Schir Zion allgemeinen Erfolg zu verschaffen, soll und muß rückhaltlos zugestanden, gleichzeitig jedoch darauf hingewiesen werden, daß die klaffende Wunde, die er dem Synagogengesange durch Verwerfung der Tradition schlug, eine schier unheilbare ist. Sulzer selbst kam in reiferen Jahren zur Erkenntnis, suchte das Verabsäumte durch Herausgabe des Schir Zion II zu ersetzen, und wurde hiermit — allerdings etwas zu spät — ein Vorkämpfer des von ihm einstens vernachlässigten Traditionsgesanges. Den gleichen Irrtum, obzwar schon modifiziert, beging auch der sonst treffliche Naumburg in Paris; der Fehlgriff fällt hier um so bedauerlicher auf, als seine Mitarbeiter beim Gesangswerke „Semiroth Jisroel" Halövy, Meyerbeer und Alkan Guden bedeutende Musiker waren, von denen eine historische Anknüpfung zu erwarten war. Erst bei Weintraub in seinem Werke „Schire bes adannoj" hören wir wieder die alten Klänge, und er war der erste, der durch den allerdings ungerechtfertigten Hinweis auf eine phrygische Tonart das Vorhandensein einer speziellen Tonfolge andeutete: Lewandowsky in Berlin ging schon einen Schritt weiter, indem er allbekannte Synagogenmelodien harmonisch bearbeitete, ja sogar für die Orgel verwendete. Deutsch in Breslau und Baer in Gotenburg veröffentlichten sogar schon Melodien zu Piutim und suchten dieselben vor dem Untergang zu bewahren. Auch Löwenstamm in München zeigte in dem von seinem Sohne veröffentlichten umfangreichen Synagogengesangswerk eine anerkennenswerte Rückkehr zum Alten. — Der Raum dieses Aufsatzes gestattet es nicht, alle anzuführen, die bessere oder mindere Beiträge für den Shnagogengesang geliefert, doch es muß betont werden, daß im Zeitraum von 1860 bis 1880 quantitativ vieles auf diesem Gebiet geleistet wurde. Alle diese Arbeiten jedoch dienten dem Zweck, entweder alte Melodien zu erhalten oder neue zu schaffen; wer einen neuen melodischen „Leclio Dodi" schrieb usw., dessen Arbeit fand Anerkennung und Absatz. Der Melodie wurde das Hauptaugenmerk zugewendet — war auch manche Komposition harmonisch und kontrapunktlich trefflich gearbeitet, sobald die Melodie fehlte, wurde dieselbe verworfen. Dieser trügerische Gesichtspunkt, zum Spielball in der Hand aller, gestaltete sich für den Synagogengesang um so verhängnisvoller, als er der erhitzten Phantasie eines jeden Chasan — und welcher Chasan hätte keine Phantasie? — ein Freibrief zur willkürlichen Melodieschöpfung dünkte. Erst mit der Amtsniederlegung Sulzers begann ein neuer Gesichtspunkt Boden zu gewinnen, indem die Anschauung zur Geltung kam, daß nicht die Melodie, sondern die in dem Traditionsgesange sich kundgebe'nde Charakteristik als synagogaler Gesangsstil zu betrachten sei. Einem Sturme gleich zog dieser Gesichtspunkt durch die Welt; nicht allein Musikkritiker allerersten Ranges, wie Hofrat' Dr. Hanslick in der „Neuen Freien Presse", Jadassohn in Leipzig, Eichhorn in München und andere, beteiligten sich durch zustimmende Erklärungen an der Debatte, hauptsächlich aber die hervorragenden Kantoren und Komponisten suchten die neue Hypothese dadurch abzuschwächen, indem sie andere Skalen ausstellten und hierdurch erst recht bekundeten, daß der Gesichtspunkt, daß die Charakteristik des traditionellen Synagogengesanges im strenggefügten Tonverhältnis zu suchen fei, ein wissenschaftlich unantastbarer fei.- Jnsolange dieser Gesichtspunkt nicht allgemeine Geltung gewinnt, werden, die Bethäuser Israels an einer zunehmenden musikalischen Zerfahrenheit und SLillosigkeit leiden, und der musikalische Beobachter muß die traurige Wahrnehmung machen, daß in den verschiedenen Synagogen nicht nur eines Landes, sondern auch einer Stadt nach verschiedenen kaleidoskopartigen Mustern gesungen wird. Unsere Altvordern schufen und bewahrten aus Pietät die. „Steiger", die gebildeten jüdischen Kantoren der Gegenwart müssen die Wesenheit derselben zur shnagogalgesanglichen Wissenschaft gestalten, erst dann kann von einem Shnagogengesangsstil und von der Bedeutung jüdischer Kantoren die Rede sein. Der Sohn Äks Lilas. Von Julius Weil. V. Liebenden hatten ihre Vermählung für den nächsten Herbst in Aussicht genommen. Eine Bekanntmachung ihrer Verlobung war unterblieben, doch alle, die ein Interesse daran nahmen, wußten davon und schauderten. Herr v. Römer hatte schon recht gehabt mit seinen Ahnungen. Die Gesellschaft war außer sich, empört, in ihren heiligsten Empfindungen gekränkt. Von den Freunden des Römerschen Hauses blieben nur wenige treu, doch auch diese legten im weiteren Verkehr ihre Gesichter in so schmerzliche Falten, daß man nicht in Zweifel sein konnte, wie peinlich sie sich betroffen fühlten. Tante Geraldine war die erste, die die Freundschaft kündigte. Es geschah mit großem Eklat nach einer langen Unterredung mit dem alten Herrn, der sich dabei keinen Zwang antat und der tugendhaften Schwester manche bittere Wahrheit sagte,

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