Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
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153 4 ^0> gekommen war. Betrachten wir selbst das zu jener Zeit gepriesenste und hervorragendste Musikprodukt Aegyptens, das sogenannte Linos- oder Linuslied, so drängt sich alsbald die Ueberzeugung auf, daß die Qualität dieser Gesangsgattung selbst der einfachsten jüdischen Neginothphase gegenüber an Bedeutung verliert. Es scheint, daß der sonst ausgezeichnete Saalschütz bezüglich des Wesens der Kantillation eine irrige Anschauung hatte, indem er von einer Herabwürdigung des althebräischen Gesanges durch die Forkelsche Bezeichnung Kantillation spricht. Kantillation oder Accentus ecclesiastici ist eine feststehende Tonverbindung, wie. wir dieselbe beim Thoravorlesen in unserem Neginoth besitzen, oder wie wir dieselbe noch heute beim Vorlesen der Kollekten und Präfanationen im katho- . lischen Gottesdienste antressen. Hätten unsere Altvordern uns nichts mehr als diese Neginothkantillation vererbt, so wäre schon durch diese allein der Nachweis erbracht, daß unsere Urahnen mit ihren Musikbestrebungen hinter anderen Nationen nicht zurückblieben. Die Negnothkantillation sand im Schoße der jungen katholischen Kirche durch die Einführung der Neumen freundliche Aufnahme. — Demnach ist jene festgesetzte Tongruppe, wie sie jede einzelne unserer Neginoth aufweist, als Kantillation zu verstehen, und wir begrüßen es geradezu als eine Offenbarung, daß Forkel den althebräichhen Gesang als Kantillation hinstellt. — Neigen wir uns nun der Annahme zu, daß in der freudenlosen Exilzeit alles jüdisch-musikalische Streben gelähmt war, so müssen wir trotzdem der Ansicht vieler Gelehrten beipflichten, daß die Neginoth vor dem Untergänge bewahrt wurden. Es ist nicht anzuzweifeln, daß die neuen Christen und Apostel, an den ihnen geläufigen Tempelgesang gewöhnt und bei ihrer sattsam bekannten Abneigung .gegen Heiden und.deren reliMse^ Gesänge,. gewiß' anfangs nicht andere als Tempelgesänge vortrugen-; so ist die natürliche Verpflanzung des alten Tempelgesanges in die katholische Kirche erwiesen. Wurde auch später bei der eingetretenen Trennung des Christentums vom Judentum jedwede sprachliche und musikalische Erinnerung vernichtet, so bleibt es doch historisch erwiesen, daß die Häretiker Arius, Bardesanus und Harmonius, auch der Kirchenvater Clemens Alexandrinus die sogenannten Hymnenkantillation in der Kirche pflegten, und daß erst Ambrosius im Jahre 380 dieselben in einen metrischen Neumengesang umwandelte. Es erscheint nun unseres Erachtens klar erwiesen, wie die Neginothkantillation nach und nach in den Neumengesang überging, und mit diesem einleuchtenden Nachweise wäre die Ueberbrückung der gähnenden Kluft zwischen ur- und mittelalterlichem Gesang glücklich vollendet. Verweilen wir nur noch einen Moment bei der theoretischen Umgestaltung, die der Kirchengesang durch Pa^st Gregor I. 590 bis 604 erfuhr, so bemerken wir, daß diese Gregorianische Gesangsumgestaltung sich hauptsächlich mit der Aufstellung fester, aber voneinander wesentlich verschiedener, Tonshsteme beschäftigte. Mit der Aufstellung von strenggefügten Tonfolgen beginnt eine bedeutungsbolle Phase im Entwickelungs¬ ** «t- Aaiserlichex Rat )osef Singer, Oberkcmtvr der israelitischen Kultusgemeinde Wien, starb am 23. November 1911 im 71. Lebensjahre. gange der Musik, und daß auch die Juden an derselben redlich mitarbeiteten, ist an anderer Stelle nachgewiesen' worden. Daß das verfolgte und geknechtete Judentum keine Lust verspürte, seine musikalischen Lehren in Büchern zu bewahren, dürste einleuchten, und ebenso die Tatsache, daß die betenden Juden jener Epoche, wenn auch tränenfeuchten Auges, gesungen. Es sangen die jüdischen Kinder mit ihren Vätern und vererbten die gehörten Töne von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, und obgleich auch unter dem Einflüsse der verschiedenen Völker, unter denen die Juden lebten, manche Melodie eine jeweilige volkstümliche Modifikation erfuhr, der Charakter dieser Gesänge blieb stets derselbe. Wenngleich bezüglich dieses Gesangstiles leider keine schriftlichen Aufzeichnungen vorhanden, weil dieselben in der Zwang- und Drangperiode verloren gingen, der Beweis, daß die damaligen Juden ganz stillos gesungen haben, dürfte von einem gewissenhaften Geschichtsforscher schwerlich erbracht werden. Man wandte seine Aufmerksamkeit allgemein nur der Melodie zu, und von diesem trügerischen Gesichtspunkte aus mußte man selbstredend zu der irrigen Auffassung gelangen, daß, da die Juden der verschiedenen Länder keine einheitliche Melodie besitzen, auch an eine einheitliche Abstammung des traditionellen Synagogengesanges nicht zu denken ist. Hätte man das Augenmerk auf die diesen verschieden klingenden traditionellen' Melodien innewohnende Charakteristik, und zwar leicht wahrzunehmende Ansangs¬ und Finaltöne, auf melismatische Eigentümlichkeiten und hauptsächlich auf die charakteristische Jntervallenfolge gerichtet, man wäre alsbald zur Ueberzeugung gelangt, daß 'die jüdischen Traditionsgesänge der selbst in verschiedenen Ländern lebenden Juden in ihrer feingegliederten Charakteristik einen gemeinschaftlichen Boden haben und durch streng musikalische Gesetze vom allgemeinen Musikgesetz sich trotzdem unterscheiden. Die herandämmernden glücklichen Jahrhunderte der Erleuchtung verschafften auch dem Judentum , insofern eine Erleichterung, als sie bei des Lebens schwerer Bürde auch des Lebens Würde teilhaftig wurden; man gestattete ihnen, Bethäuser zu bauen, und es regte sich auch für den Synagogengesang ein neuer Liederfrühling; man schritt alsbald zur Bessergestaltung desselben, indem dem üblichen Vorbeter („Schaliach Zibbur"), („Chasan") später sogenannte Hilfssänger („Neseborerim") beigegeben wurden, welche mehrstimmige Gesänge, anfangs allerdings primitivster Gattung, später"jedoch schon musikalisch bedeutsamer Art zur Aufführung brachten. Namentlich waren es die polnischen und litauischen Chasanim, die mit ihren mittelalterlichen Barden gleich herumziehenden Meschorerim sich allgemeine Anerkennung verschafften. Wissenschaftlich hervorragende Chasanim, die auch als Verfasser von Piutim glänzten, finden wir in Zunz' „Gottesdienstlichen Vorträgen" namentlich angeführt, doch bedauerlicherweise blieben die gesanglich, bedeutsamen Chasanim jener Periode ganz unverinerkt. Bezüglich der gesanglichen Bedeutung des Maharil sind die Ansichten verschieden, und was Salomon Rosst mit