Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1913)
- Date
- 1913-03-28
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229083--69313-3281608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Me Verhältnisse der kurheMlchen Juden. 3n Nr. 10; der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. März 1913 schreibt ein Herr A. F. K. als „Kenner" hessischer Gemeinden über die Verhältnisse der kürhessischen Juden. Er geht in dem Artikel von einer Petition aus, welche aus Abänderung einiger Bestimmungen der kurhessischen Judengesetze gerichtet ist und zurzeit dem Abgeordnetenhaus vorliegt. Eine Stellungnahme zu dieser Petitipn scheidet für mich bei dem Zweck dieser Erwiderung aus. Auch mag die kühne Behauptung des Herrn A. F. K., das fehlende Gemeindewählrecht beeinträchtige das Selbstgefühl der kurhessischen Juden und habe so die Ausdehnung des Antisemitismus in Kurhessen verschuldet, für sich allein wirken, sie bedarf keiner ernstlichen Widerlegung^ Aber in dem Artikel sind Sätze enthalten, welche die kurhessischen Juden in unverdienter und den Tatsachen nicht entsprechender Weise heräbwürdigen, wenn auch der Verfasser erklärt, keine Vorwürfe erheben zu wollen, da die Juden die Verhältnisse nicht selbst verschuldet hätten. Der Herr A. F. K. behauptet einen heute noch bestehenden Tiefstand der Kultur der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Hessen-Nassau, besonders ihrem nördlichen Bezirk. Erführt weiter aus: „Der Jude Hessens hält nichts auf sich, äußerlich und innerlich nicht. Seine Allüren gehören in das Ghetto, nicht aber in die moderne Kulturwelt. Wer nur ein einziges Mal die meist den Viehhandel betreibenden Glaubensgenossen auf einem der großen Märkte beobachtet hat, wer. ihre lauten, unfairen Ausdrücke, ihr Gebaren, ihr Schreien und Toben sah, der begreift die Nichtachtung, die der gebildete- Andersgläubige ihnen entgegenbringt. Der findet die Erklärung, warum die Abneigung der christlichen Bevölkerung hier den Juden gegenüber so groß ist." : Ich muß sagen, daß ich derartige Ausführungen seit dem Abflauen des Radauantisemitismus kaum noch gelesen.habe. Sie werden heute sicherlich den Antisemiten willkommenes Beweismaterial liefern. Wer es aber fertig bringt, seine mit ihm in einem Staate, vielleicht auch-in ein und derselben Provinz wohnenden Glaubensgenossen in einem jüdischen Blatte herabzuwürdigen, hat keinen Grund, sich über den Tiefstand der Kultur bei anderen Juden zu beklagen. Daß der Einsender infolge einer schiefen Auffassung oder seiner Unkenntnis in der Geschichte des Antisemitismus an die Richtigkeit seiner Ausführungen glaubt, kann nicht als Entschuldigung dienen. Ein „Kenner" derkurhessischen Verhältnisse Müßte übrigens wissen, daß die Zahl der in Kurhessen gewählten Abgeordneten — sie hat sich bei der letzten Reichskagswahl verringert — durchaus nicht ohne weiteres den Schluß zuläßt, der Antisemitismus sei hier stärker als in anderen Provinzen. Wir haben hier in Kurhessen nicht mehr Unter dem Antisemitismus zu leiden als anderwo und der Kulturzustand der Juden in dem nördlichen Teil der Provinz Hessen-Nassau gibt dem Külturzustand der Juden in dem südlichen Bezirk nichts nach, er ist. genau so hoch als in anderen Provinzen. Die Juden sind auch äußerlich hier nicht besser und schlechter als anderswo. Oder kommen etwa in anderen Gegenden die Juden zu den 'Viehmärkten im Gehrock und schließen in ruhigen, gemessenen Redewendungen ihre Geschäfte ab? Geht es etwa an den Börsen der Großstädte ruhig zu? Erscheinen vielleicht die christlichen LanÜleute auf den Märkten in besserer äußerer Verfassung? Geht es etwa auf den Märkten, an denen Juden nicht oder nur in geringer Zahl teilnehmen-ruhig zu? Der Herr Verfasser kann versichert sein, die Juden in Kurhessen — auf dem Lande und in der Stadt- — sind genau so weit in der modernen Kultur vorgeschritten als die Juden in anderen Teilen unseres Staates, und. wenn er in dem von ihm merkwürdigerweise besonders geschmähten nördlichen Teile unserer Provinz sich mal persönlich umfehen und umhören würde, ich glaube, daß er bei der christlichen Bevölkerung mit seinen Anschauungen denselben Widerspruch Hervorrufen würde als bei seinen Glaubensgenossen. Und wenn , der Herr Verfasser die angeblichen Ghettoallüren auf die bestehenden kurhessischen Judengesetze zurückführen will, so. sollte er als „Kenner" der Verhältnisse noch wissen, daß gerade diese Gesetze erheblich früher als in anderen Teilen unseres Vaterlandes die Juden aus dem Ghetto herausgeführt and ihnen auch dem Staate gegenüber zur Anerkennung werholfen haben.— Welche Logik wendet eigentlich der Herr Verfasser an, wenn er gerade den kurhessischen Juden, bei ihrem angeblichen kulturellen Tiefstand, ihren Ghettoallüren, ihrer Eigenschaft, auch innerlich nichts auf sich zu halten, plötzlich auf der anderen Seite die Fähigkeit zutraut, die geeigneten Vorsteher selbst zu wählen? Oder glaubt er ernstlichdaß mit der Wahl der Gemeindeältesten auch die Ruhe auf den Viehmärkten einziehen wird und die gesellschaftlichen Formen eine Hebung erfahren? Wenn die Petition aus Abänderung der kurhessischen Judengesetze mit den hier bekämpften Argumenten gestützt werden sollte, so ist es die Pflicht eines jeden kurhessifchen Juden, der „etwas aus sich hält" — und es gibt deren trotz der Anschauung des Herrn A. F- K..glücklicherweise noch sehr viele — sich von einer solchen Bewegung mit Entrüstung abzuwenden.' 2. Y. Z. Der List der jüdischen Gemeinde?u Lerlin kür 19*3-1915. Besprochen von Benas Levy. /Zahlen beweisen, wie die Weltgeschichte regiert wird,' sagt Goethe. Zahlen beweisen aber auch, wie eine Gemeinde ■ verwaltet wird, wie sie sich entwickelt, ob sie sortschreitet oder rückwärts geht. Große- Ansprüche werben an -die Verwaltung der Berliner jüdischen Gemeinde gestellt. Auf allen Gebieten soll und muß sie als erste und bedeutendste jüdische Gemeinde Deutschlands bahnbrechend vorangehen. Allen berechtigten Ansprüchen der Gemeindemitglieder soll und muß sie, ohne Rücksicht auf die Partei, entsprechen,, und so wüchsen ihre Ausgaben von Jahr zu Jahr ungemein. Nicht am wenigsten dadurch, daß die Zähl der jüdischen Bewohner Berlins kolossal zunimmt und daß auch der Zuzug vieler armer Juden, deren Existenz anderwärts gefährdet und bedroht ist, immer mehr wächst. Dazu kommt die allgemeine Teuerung der Lebensmittel und aller anderen Bedürfnisse, die gebieterisch fordert, daß die Gehälter aller Beamten aufgebessert werden, und die auch bewirkt, daß die Kosten der Erhaltungder . Waisenanstalten, des Krankenhauses und des Hospitals wesentlich höher werden. Mit um so größerer Befriedigung.muß es anerkannt werben, daß der Vorstand der-jüdischen Gemeinde mit allen Kräften bestrebt ist, trotz der bedeutenden Mehrausgaben die Steuern v o r e r st n ich-t z u e r h ö h e n. Ob dies für .1914 und 1915 ebenfalls gelingen wird, erscheint bei den fur diese Jahre in Aussicht stehenden weiteren großen Aufwendungen allerdings sehr fraglich. Es muß ferner rückhaltlos anerkannt werden, daß der Vorstand der Gemeinde den Etat mit aller Vorsicht ausgestellt hat und daß er, wo es angängig war, auch Sparsamkeit hat walten lassen. Ohne Mehraufwendungen läßt sich ein Gemeinwesen, das über 140 000 jüdische Einwohner umfaßt, auf fortschreitender Bahn nicht leiten, und auf allen Gebieten der Verwaltung sind deutlich die Fortschritte zu erkennen und zu beweisen. -- Die Tätigkeit der Gemeindebehörden umfaßt fünf verschiedene große Gebiete: . 1. die Unterhaltung von Synagogen und Veranstaltung von Festgottesdiensten; - s